Vorlesung.ppt sorgt für Eintönigkeit

25. November 2011, 12:20
126 Postings

Klick für Klick durch die Vorlesung: Powerpoint-Vorträge sind aus dem Hörsaal nicht mehr wegzudenken. Doch die eintönige Überpräsenz langweilt, und vollbepackte Slides konterkarieren den Lerneffekt

Wien - Powerpoint-Kotztüten als Wahlgeschenk? Passanten in Zürich staunten vor den Schweizer Nationalratswahlen Ende Oktober nicht schlecht. Die originellen Brechsackerln wurden von der neu gegründeten "Anti-Powerpoint-Partei" (APPP) verteilt. Einer Partei, die eigentlich gar keine Partei ist, sondern eine internationale Bewegung, an der sich jeder beteiligen kann. Sie kritisiert die Überpräsenz von Powerpoint in Firmen, auf Kongressen - und auf den Universitäten.

"Jede Vorlesung, die ich dieses Semester besuche, besteht aus Powerpoint-Folien", erzählt die Wiener Molekularbiologiestudentin Lydia Scharf. Sie ist davon wenig begeistert. Klick für Klick schleudern Vortragende ihre Inhalte Kanonenkugeln gleich den Studierenden entgegen. Doch das spart Zeit und harmoniert so mit der verschulten Umsetzung der Bologna-Architektur.

Durch die Allgegenwärtigkeit der digitalen Präsentationstechnik verändert die Institution Vorlesung ihr Flair. Das erklärte Ziel durch den Einsatz von Powerpoint, in möglichst kurzer Zeit den Studierenden möglichst viel Wissen aufzuladen, wird dabei verfehlt - zu diesem Schluss kam eine aktuelle Studie der Uni Rostock. Demnach sind Powerpoint-Folien oft mit zu viel Informationen beladen und belasten so das Arbeitsgedächtnis übermäßig, was den Lerneffekt mindert.

Aufmerksamkeit gewinnen

Zudem wirkt die Omnipräsenz der Digitalisierung der Vorlesung einschläfernd - und macht sowohl Studierende als auch Lehrende denkfaul, meint der Hochschuldidaktiker Josef Weißenböck: "Wenn jeder damit arbeitet, dann fehlt die Abwechslung."

Um die einschläfernde Wirkung abzuwehren, hat so mancher Lehrende eine Überraschung auf Lager. Nach zwanzig Minuten zeigte etwa ein Psychologieprofessor in seiner Vorlesung eine Powerpoint-Folie, auf der nur ein großer Pfau zu sehen war. "Er hat dazu nüchtern erklärt, dass der Pfau ihm helfen soll, unsere Aufmerksamkeit wiederzubekommen - das hat er geschafft", erzählt der Wiener Psychologie-Student Simon Kriese.

Dennoch: Studierende folgen dem Vortrag eher, wenn vor ihren Augen Inhalte erst erschaffen werden und durch den Entstehungsprozess Spannung erzeugt und zum Mitdenken angeregt wird, meint Matthias Pöhm, Gründer der APPP und Rhetoriktrainer. Er schwört auf die Wirkung von Flipcharts, während der theoretische Physiker Franz Embacher die klassische Tafel bevorzugt.

Welche Präsentationsform nun die ideale ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Powerpoint-Folien jedenfalls hätten ursprünglich als Lernstütze zur Veranschaulichung komplexer Inhalte dienen sollen, sagt Weißenböck.

Doch immer mehr ersetzt das Programm die freie Rede vollständig - und nicht nur sie: Auch Skripten gibt es zunehmend ausschließlich im .ppt-Format. Das verleite dazu, die Vorlesungen erst gar nicht zu besuchen, meint Didaktiker Weißenböck - denn durch die Folien kann man sich auch zu Hause klicken. (Sophie Niedenzu, UNISTANDARD, November 2011)

  • Powerpoint übernimmt zunehmend die Vorherrschaft im Hörsaal. Studierende und Hochschuldidaktiker finden die Überpräsenz vor allem öd und dem Lerneffekt nicht zuträglich
    foto: screenshot

    Powerpoint übernimmt zunehmend die Vorherrschaft im Hörsaal. Studierende und Hochschuldidaktiker finden die Überpräsenz vor allem öd und dem Lerneffekt nicht zuträglich

Share if you care.