Briten spielen Zerfall der Eurozone durch

25. November 2011, 11:01
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Das Misstrauen ist groß. Britische Banken kritisieren das Krisen-Management der Euroländer und verleihen - fast - nichts mehr

Der Brite ist bekannt für seinen schwarzen Humor. Doch was sich dieser Tage auf der Insel vor den Augen der leidgeprüften Euro-Länder abspielt, ist kein Witz. Laut Bankenaufsicht FSA sollen sich die britischen Geldhäuser demnach auf das Schlimmste gefasst machen. Das Schlimmste bedeutet nichts Geringeres als den Zerfall der Eurozone. Andrew Bailey, Top-Manager bei der britischen Behörde, mahnt daher in aller Schärfe: "Gutes Risikomanagement bedeutet die Vorbereitung auf unwahrscheinliche, aber folgenschwere Szenarien. Dies bedeutet, dass wir die Aussicht auf einen ungeordneten Abschied einiger Länder aus der Euro-Zone nicht ignorieren dürfen."

Ins selbe Horn stößt David Miles von der Bank of England: "Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand sicher sein kann, dass alle Länder in der Euro-Zone auch in Zukunft Mitglieder sein werden", wird er von der Financial Times zitiert. Den britischen Instituten stellt er gleichzeitig ein gutes Zeugnis aus.: "Unsere Banken sind gesund."

Northern Rock und Lehman

Zwar gingen die Bilder um die Welt, bei Miles dürften sie kaum Spuren hinterlassen haben: Dramatische Szenen von Kunden, die in Scharen zu den Bankfilialen strömten und lange Schlangen vor den Geldautomaten bildeten, um ihr Erspartes zu retten. Hauptdarsteller dieser Szenen aus dem Jahr 2008 war die britische Hypothekenbank Northern Rock - eines der ersten Opfer der Finanzkrise und für längere Zeit ihr unfreiwilliges Symbol. Nach der Verstaatlichung ging die ehemalige Skandalbank für umgerechnet 873 Millionen Euro an Richard Branson, Besitzer des Virgin Konzern.

Heute sind die britischen Geldhäuser zwar nicht allzu sehr in den Euro-Ländern investiert, das Misstrauen unter den Banken am Festland ist aber seit Ausbruch der Finanzkrise ungebrochen groß. Zu tief sitzt der Lehman-Kollaps noch in den Knochen. Seit Jahren geizen die Institute mit gegenseitigen Krediten.

Binnen dreier Monate verringerten die vier größten Institute Großbritanniens sodenn ihre Interbanken-Kredite an Länder wie Griechenland und Spanien um rund ein Viertel auf 10,5 Milliarden Pfund (12,3 Milliarden Euro). Wie die Financial Times nach eigenen Berechnungen weiter berichtet, zogen sich die Großbanken HSBC, Llyods, RBS und Barclays im dritten Quartal erstmals auch in großem Stil aus dem Kreditgeschäft mit Italien zurück, wie von der Nachrichtenagentur Reuters zu erfahren ist.

Mit einem Minus von insgesamt 40 Prozent griff HSBC dem Bericht zufolge am energischsten durch: Sie drehte für griechische Banken den Geldhahn ganz zu und senkte das Kreditvolumen im Geschäft mit Spanien und Irland um zwei Drittel. Von keiner der vier britischen Banken war zunächst eine Stellungnahme zu bekommen. (red, derStandard.at, 25.11.2011)

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    Die Zeit steht auch auf der Insel nicht still: Britische Banken fahren ihre Kreditvergabe an Euro-Länder im Sog der Schuldenkrise drastisch zurück.

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