Verfahren vor UNO-Kriegsverbrechertribunal geht in nächste Phase
Den Haag - Im Prozess gegen den früheren bosnischen
Serbenführer Radovan Karadzic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in
Den Haag hat mit der ersten Befragung eines Überlebenden die
Aufarbeitung des Massakers von Srebrenica begonnen. Der Zeuge, dessen
Identität geheim gehalten wird, sagte am Donnerstag zu dem als
Völkermord eingestuften Massaker aus, bei dem im Juli 1995 rund 8.000
Muslime verschleppt und getötet worden waren. Es handelt sich um den
vierten und letzten Teil der Beweisführung der Anklage zu den
Vorwürfen gegen Karadzic.
Prozess begann im Oktober 2009
"Wir haben die Nachricht gehört, dass Srebrenica gefallen ist,
deswegen mussten wir weg, sonst wäre jeder getötet worden", sagte der
Überlebende, der als "Zeuge KDZ039" geführt wird. "Einige ältere
Menschen sind zurückgeblieben und wurden getötet. Sie konnten nicht
entkommen." Der Zeuge war im Juli 1995 selbst von bosnisch-serbischen
Truppen festgenommen worden. Staatsanwalt Julian Nicholls las aus
einer Aussage des Mannes bei einem früheren Prozess zu Srebrenica
vor. "Die Soldaten haben das Feuer eröffnet und der Zeuge hat Männer
um sich fallen sehen. Der Zeuge hat das immer wieder gesehen." Von
Tausenden habe nur einer überlebt.
Karadzic muss sich vor dem Haager Tribunal wegen Völkermordes,
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des
Bosnienkriegs (1992 bis 1995) verantworten. Er weist alle Vorwürfe
zurück. Der Prozess begann im Oktober 2009 und musste seitdem immer
wieder unterbrochen werden. Bevor die Anklage am Donnerstag begann,
die Vorwürfe zu Srebrenica darzulegen, hatte sie sich mit den
Anklagepunkten zur Belagerung der Stadt Sarajevo mit 10.000 Toten,
mutmaßlichen Verbrechen in mehreren bosnischen Gebieten und der
Geiselnahme von mehr als 200 UNO-Blauhelmsoldaten im Mai und Juni
1995 befasst. Zum Massaker in Srebrenica, dem schlimmsten
Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, sollen bis
Mitte 2012 rund 60 Zeugen befragt werden. (APA)