Familienpolitik

Gegen die Zweckentfremdung der Familienförderung

Kommentar der anderen | 24. November 2011, 18:49

Reinhold Mitterlehner antwortet Peter Rosner

Zum Kommentar von Professor Peter Rosner, in dem er mir vorwirft, ich als Familienminister würde zur Sanierung des Familienlastenausgleichsfonds (FLAF) die Kosten in andere Finanzierungsbereiche nur verschieben und es mir dadurch zu einfach machen, einige Klarstellungen: Zu einfach haben es sich jene Verantwortlichen gemacht, die in Zeiten einer guten konjunkturellen Entwicklung dem Familienlastenausgleichsfonds alles, was ihnen an neuen Leistungen eingefallen ist, aufgebürdet haben, aber keine Vorsorge für schlechtere Zeiten getroffen haben. Dieser Einstellung ist es zu verdanken, dass vom Unterhaltsvorschuss über Schulbücher und Schülerfreifahrt bis zu den Pensionsbeiträgen für Kindererziehungszeiten jede Idee - und vor allem deren Finanzierung - dem FLAF umgehängt wurde.

Genau dadurch ist der ursprüngliche Zweck des FLAF, nämlich die direkte Familienförderung, immer mehr in den Hintergrund geraten. 1990 waren noch 73 Prozent der Leistungen aus dem FLAF direkte Familienbeihilfen, im Jahr 2011 machen diese trotz der insgesamt steigenden FLAF-Mittel rund die Hälfte des Aufwandes aus. Nicht zufällig hat auch der Rechnungshof eine Überprüfung des Leistungsangebotes angeregt. Denn durch die Verwässerung der Leistungen wird der FLAF zur Pufferzone zwischen Steuer- und Transferleistung. Wenn alles, was irgendwo mit Familie zusammenhängt, einem Fonds umgehängt wird, geht die Transparenz zurück und fehlt auch die Möglichkeit, die Leistungen funktionell und zielgruppenorientiert zu steuern.

Deswegen ist die Idee, Versicherungsleistungen dort abzuwickeln, wo sie auch hingehören, nämlich bei der Pensionsversicherung, kein bloßes Verschieben sondern ein Wahrnehmen von Transparenz und besserer Steuerungsmöglichkeit. Ein weiterer Ansatzpunkt ist, auch jene Institutionen stärker zur Kasse zu bitten, die aus dem FLAF Leistungen beziehen - etwa für Mitarbeiter der Gebietskörperschaften - die aber für diese Leistungen nur einen verminderten Beitrag einzahlen.

Generell ist die Frage zu stellen, wie in Zukunft Leistung und Wirkung gerechter miteinander verknüpft werden können. Will ich nämlich Effizienzpotenziale nutzen, brauche ich eine klare Strukturierung der Leistungen nach ihrer Familienrelevanz, sonst kann ich mir jede Steuerung sparen.

Die andere Alternative zu einer Sanierung wäre eine Leistungskürzung oder eine Beitragsausweitung, und beides ist angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung keine Handlungsalternative. (Reinhold Mitterlehner, DER STANDARD; Printausgabe, 25.11.2011)

Autor

Reinhold Mitterlehner ist Bundesminister für Wirtschaft, Familie und Jugend

Nachlese: Budgetpolitische Realitiätsverweigerung von Peter Rosner

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11 Postings
bluebeard's 8th wife.
11
26.11.2011, 19:38
herr minister,

wenn sie jetzt in ihren aufsatz auch noch den umstand einfügen, dass der flaf bis zur übernahme des familienressorts durch die övp positiv bilanziert hat und dass der nefativsaldo von runden 4 mrd euro seit 2001 entstanden ist (was "zufällig" mit der einführung des kindergeldes für alle zusammenfällt), dann kann ich ihnen ein goldenes sternderl dafür einkleben. sonst nicht.

finding
03
25.11.2011, 15:04
Verdeckter Kampf gegen Schüssel-Grasser-Altlasten

Endlich hat der Familienminister zumindest einmal den richtigen Ansatz …, entkommt aber beim Argumentieren nicht der „Parteiräson“ – worauf auch alle richtigen Kommentare hinweisen.

Im Vergleich zu Schülerfreifahrten und Schulbüchern, die Mitterlehner allzu geschickt voranstellt, brachte nämlich erst das Bilanzen-Fälschen und Ausräubern des FLAF in der Schüssel-Grasser-Zeit (ja, sawi48, die Nationalbank, auch so ein Kapitel!) enorme „Schulden“ für den speziellen Familien-Fonds. Wer Tabellen lesen kann, sieht das unabweisbar in der neuen IHS-Studie: http://www.bmwfj.gv.at/Familie/F... f-2011.PDF

Es gibt auch sowas wie katastrophale Nachhaltigkeit - die aufzulösen nicht einfach ist.

europa fassen
03
25.11.2011, 14:47
Herr Minister,

Keine Schülerfreifahrt und keine Schulbuchaktion hatte den FLAF derart zugesetzt, wie der Zugriff von Schüssel vor 10 Jahren.

Und die Mitarbeiter der Gebietskörperschaften zahlen wenigstens etwas ein. Dass die Unternehmer und Bauern dagegen GAR NICHTS zahlen, verschweigen Sie frech.

Ich stimme meinem Vorposter zu:
Dieser Artikel ist eine unglaubliche Frechheit. Er grenzt an Lüge.

finding
02
25.11.2011, 15:35

Bauern mit Betrieben bis zu 110 Hektar (!), also selbst große Bauern zahlen dank Schüssel, Grasser, Pröll, Molterer auch keine Einkommensteuern. 2010 ist die entsprechende sogar Vollpauschalierung nochmal kräftig erhöht worden - das war sozusagen ein "Abschiedsgeschenk" vom Finanzministerbauer Josef Pröll.
Im Gegenzug hat er die Familienbeihilfen kräftigst gekürzt.

europa fassen
03
25.11.2011, 15:57

Die Zahlen und Umstände sind mir schmerzlichst bewusst. Der Grad der Ungerechtigeiten in diesem Zusammenhang ist unerträglich, kann aber offenbar erst nach dem Rausfallen der VP aus der Regierungsverantwortung behoben werden.

Bis dahin sehe ich schwarz.

finding
00
25.11.2011, 15:15

"Mitarbeiter der Gebietskörperschaften zahlen wenigstens etwas ein" -
aber auch erst seit Mitte 2008.

Childerich von Bartenbruch
06
25.11.2011, 13:27
eine unglaublich frechtheit ...

... ist dieser artikel!
und das unkommentiert!

da labert der kleine schwarze mitterlehner von schülerfreifahrt und schulbuchaktion aus den siebzigern und verschweigt, DASS SEINE PARTEI den immer positiv bilanzierenden FLAF anfang der 2000er jahre für NULLDEFIZIT und bauern- und stelbstständigenkinder (die niemals eingezahlt haben) ausgeraubt haben wie die schlimmsten raubritter.

die ÖVP hat in 10 jahren FLAF-verwaltung 40 milliarden minus aufgehäuft!!!!

DAS sind die leute, die NICHT wirtschaften können!

Childerich von Bartenbruch
00
25.11.2011, 13:33
es sind natürlich "nur" 4 mrd.

in zeiten wie diesen verrutschen einem hin und wieder die zehnerzahlen ...
sorry!

Chrifa
00
25.11.2011, 07:36
..die Leistungen zielgruppenorientiert zu steuern..

Das wäre ja hoch an der Zeit!
Derzeit werden die Leistungen ja unabhängig von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Familien im Gießkannenprinzip ausgeschüttet.
Abgesehen davon bin ich der Ansicht, dass die Hauptnutznießer von Schülerfreifahrt und Gratisschulbüchern nicht die Familien, sondern die Transportunternehmen (ÖBB), die Verlagshäuser und Schulbuchautoren sind.

ino
07
24.11.2011, 20:10
Zu einfach haben es sich jene Verantwortlichen gemacht, die in Zeiten einer guten konjunkturellen Entwicklung dem Familienlastenausgleichsfonds alles, was ihnen an neuen Leistungen eingefallen ist, aufgebürdet haben

genau!
aber das waren nicht irgendwelche "jene", sondern die leute haben namen. da war zb ein "verantwortlicher" minister, bartin martenstein oder so. und der hat bestimmt nichts getan ohne seinen machtbewussten parteichef schüssel vorher um erlaubnis zu fragen.

wie wärs zur abwechslung mal mit sich zur verantwortung bekennen? dürfen wir jetzt also erwarten, dass die övp klipp und klar sagt, die ausweitung des karenzgelds für arbeitslose hoteliersgattinnen war ein humbug?

und wenn wir schon dabei sind, da gäb es noch eine ganze menge aufzuarbeiten. aber ein anfang ist getan, danken wir minister mitterlehner also, dass er mit gutem beispiel vorangeht und sich von dem blöden ideen seiner partei distanziert.

als nextes bitte die spö...

sawi48
02
25.11.2011, 07:45
@ino

Danke !

Zusatz: und wer hat die Überschüsse des FLAFs (und des AMS und der NB) ausgeräumt ? War das nicht der beste Finanzminister Europas (beginnt mit G und steht daher an erster Stelle) ?

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