Mattersburg und der Traum vom Fußball­alltag

24. November 2011, 18:34
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Rapid ist in Mattersburg immer noch ein Festtagsgast, obwohl der Bundesligafußball sonst zum Alltag geworden ist. Daran hat der Trainer Franz Lederer seit sieben, der Obmann Martin Pucher seit 23 Jahren gearbeitet

Mattersburg - Am Samstag kommt Rapid nach Mattersburg. Das war einmal was! Da brodelte es nicht nur in der 7000-Einwohner-Stadt, sondern auch im weiten Umland, bis hinüber ins Niederösterreichische. Deutlich mehr als 10.000 pflegten sich zu solchen Anlässen im Pappelstadion zu versammeln, nicht selten war es ausverkauft, 15.700 drängten sich da. Aber das war einmal.

Mittlerweile hat sich die Sache beruhigt. Aus dem einstigen Bruderduell - der kleine Burgenländer gegen den großen Wiener - ist ein normales Bundesligamatch geworden. Nicht unbedingt Alltag - wenn Rapid kommt, ist immer ein Feiertag -, aber doch so etwas wie Routine. Business as usual, wenn man das so sagen darf. Und nach 45 Begegnungen bei fast ausgeglichener Bilanz - 15 SVM-Siege, 19 Niederlagen, elf Remis - darf man das wohl sagen.

"Wir haben uns vorbereitet wie auf jedes andere Spiel auch", sagt der 48-jährige Franz Lederer, der Trainer. Allerdings weiß er auch: "Gegen Rapid ist es nie ein normales Spiel." Aber da meint er weniger das Feld als das Umfeld, in dem nicht weniger gematschkert wurde und wird als zum Beispiel in Kapfenberg, wo das Matschkern und Besserwissen zum Anlass für den ersten Trainerwechsel der Saison genommen wurde.

Rekordhalter

Lederer, der dem Werner Gregoritsch einst den Ko gemacht hat, wird da und dort als "Phänomen" wahrgenommen. Unlängst feierte er sein siebenjähriges Cheftrainerdasein. Seit November 2004 coacht er die Erste des SVM, damit ist er der unbestritten am längsten dienende Bundesligatrainer. So, wie es aussieht, wird er wohl auch den diesbezüglichen Rekord von Ivica Osim brechen, der von 1994 bis 2002 acht Jahre, drei Monate und 14 Tage Cheftrainer von Sturm Graz gewesen ist.

Ausschauen tut es deshalb so, weil Mattersburg einen manchmal haarsträubenden Willen zur Kontinuität und zur Bodenständigkeit hat. Vereinsobmann Martin Pucher - er ist dies seit 1988 und somit auch eine Art Rekordhalter - hat in mehreren Situation schon bewiesen, dass für ihn der jeweilige Tabellenplatz nur ein Teil der Wahrheit ist.

Gerade in Phasen akuter Abstiegsgefährdung hat das SVM-Duo fast schon selbstquälerisch Nerven bewiesen, während die Konkurrenten sie nur gezeigt haben. Das war 2008/09 in Altach so. Das war in der vorigen Saison in Linz beim LASK so. Und in Kapfenberg, aktuell mit vier Punkten Rückstand auf Mattersburg Letzter, deutet seit dem Abschied von Werner Gregoritsch zumindest einiges darauf hin.

Masterplan

Was Martin Pucher (55) seine verblüffende Nervenstärke gibt, ist nicht nur seine einschlägige Erfahrung, die von der burgenländischen 2. -Liga-Mitte bis ins Bundesliga-Präsidentenamt reicht. Es ist sein Masterplan, dauerhaft Spitzenfußball in Mattersburg zu etablieren. Da gehört der Ausbau des ursprünglichen Dorfplatzes zum Pappelstadion 2001 genauso dazu wie die Pflege des eigenen Nachwuchses, die Verankerung der Amateure in der dritten Leistungsstufe, der Regionalliga.

Und schließlich die Akademie, die vor zwei Jahren auf 125.000 Quadratmetern ihre Plätze und ihr Internat eröffnete. In ein paar Wochen startet das vorläufig letzte Modul, die Lehrlingsausbildung. Bei der Präsentation diese Akademiestandbeines verwies Karl Kaplan, der Verbandspräsident des Burgenlandes, mit einigem Stolz auf die bisherige Bilanz der Ausbildungsstätte: "17 Profis, mit Patrick Bürger der aktuell Führende in der Torschützenliste, vier SVM-Stammspieler, zwei U-20-Nationalspieler." Das alles hat Martin Pucher im Kopf, wenn über den SVM geredet wird. Da lassen sich dann auch "Pucher raus"-Rufe wie voriges Jahr ertragen.

Franz Lederer fällt die Aufgabe zu, aus dem weiten Reservoir die jeweilige Spitze zu formen. In seinem 251. Bundesligaspiel wird sich Rapid - hofft er - warm anziehen müssen. Die Zuschauer nicht, denn, so verspricht er: "Kalt wird am Samstag keinem werden." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. November 2011)

Mögliche Aufstellungen:

SV Mattersburg - Rapid Wien (Pappelstadion, 18.30, SR Eisner). Saisonergebnisse 2010/11: 0:2 (a), 2:2 (h), 1:0 (h), 0:0 (a). Bisher: 1:1 (a).

Mattersburg: Borenitsch - Farkas, Malic, Pöllhuber, Rath - Höller, Parlov, Steiner, Domoraud/Mörz - Naumoski, Bürger

Ersatz: Böcskör - Ilsanker, Potzmann, Rodler, Seidl, Röcher, Waltner

Es fehlen: Mravac (gesperrt), Schartner, Doleschal, Spuller (alle rekonvaleszent)

Fraglich: Domoraud (Bauchmuskelprobleme)

Rapid: Payer - Schimpelsberger, Sonnleitner, Pichler, Katzer - Heikkinen, Prager - Trimmel, Hofmann, Drazan - G. Burgstaller

Ersatz: Königshofer - Thonhofer, Patocka, Kulovits, Prokopic, Alar, Gartler, Salihi, Nuhiu

Es fehlen: Schrammel, Soma, Novota (alle verletzt)

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    Zum 251. Mal wird Franz Lederer bangen, hoffen, fuchteln. Und wieder wird der Schiri nicht auf Lederers Uhr schauen.

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