Plagiatsfälle für Rufschädigung missbraucht

24. November 2011, 18:01
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Weber: "Die kritischen Wissenschafter, die das System verändern wollen, werden in 99 von 100 Fällen nicht von den Unis angestellt."

Wien - Der "Plagiatsjäger" Stefan Weber hat genug von seiner Profession. Allmählich überlegt der Medienwissenschafter, Abstand vom Plagiatsbegutachtungsgeschäft zu nehmen. Grund ist vor allem "die Verlogenheit des akademischen Systems", wie es der gebürtige Salzburger bezeichnet.

Gerade seit dem Fall Guttenberg sei das Plagiatsgeschäft zu einem reinen Hort des Denunzierens verkommen. Den Auftraggebern, die Weber zu Hunderten Plagiatsvermutungen zuspielen, gehe es fast nie um den Tatbestand an sich, sondern um reine Rufschädigung und das öffentliche Fertigmachen anderer Personen. Das geht schließlich so weit, dass Verurteilte die Habilitation ihres Strafrichters oder Steuerzahler die Magisterarbeit des zuständigen Finanzbeamten überprüfen lassen wollen.

"Plagiatsfälle gelangen nur an die Öffentlichkeit, wenn sich jemand an einem anderen rächen will", fasst Weber seine Erfahrungen zusammen: "Wir erfahren nie von den Fällen, bei denen die Leute zusammenhalten."

Doch um Rufschädigung ging es Weber nie, auch wenn das in die Öffentlichkeit manchmal schwer zu transportieren sei. Von vielen Medien wurde ihm das Image des verbitterten Spielverderbers vorgeworfen. So steht Weber vor dem moralischen Dilemma, sich einerseits von den rufschädigenden Absichten seiner Auftraggeber instrumentalisieren zu lassen, andererseits handelt es sich ja doch um wissenschaftliches Fehlverhalten - schließlich entpuppen sich rund 90 Prozent der Fälle per Textvergleich eindeutig als Plagiate.

Dass sich an Freunderlwirtschaft und fehlendem Unrechtsbewusstsein bei Plagiaten etwas ändern wird, glaubt er nicht: "Die kritischen Wissenschafter, die das System verändern wollen, werden in 99 von 100 Fällen nicht von den Unis angestellt."(Fabian Kretschmer, UNISTANDARD, NOVEMBER 2011)

 

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