Studentische Altpolitiker

24. November 2011, 15:37
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Raus aus der Öffentlichkeit, rein in den Hörsaal: Karrieren der Ex-ÖH-Vorsitzenden

Wien - Ein unipolitischer Knalleffekt eröffnet das Jahr 2007: Die neu angelobte rot-schwarze Bundesregierung unter Kanzler Gusenbauer schafft die Studiengebühren doch nicht ab. Barbara Blaha, ÖH-Vorsitzende vom VSStÖ, ist enttäuscht: Am 11. Jänner verkündet sie medienwirksam ihren Austritt aus der SPÖ.

Knapp fünf Jahre später ist Blaha, der von Johanna Dohnal großes politisches Talent attestiert wurde, beinahe vollständig von der medialen Bildfläche verschwunden. Der UNISTANDARD hat ehemalige ÖH-Vorsitzende der jüngsten Vergangenheit aufgespürt - quasi die studentischen Äquivalente zu einem Altpolitiker.

Blaha steht fünf Jahre später noch immer hinter ihrer damaligen Entscheidung: "Die Liste der Dinge, die sich ändern müssten, damit ich wieder beitrete, ist lang: Die SPÖ müsste die soziale Frage in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen." Bloße Sonntagsrhetorik reiche nicht, meint Blaha. Als Doktorandin ist sie auch heute noch Studentin der Uni Wien, außerdem arbeitet die ehemalige ÖH-Vorsitzende beim renommierten Czernin-Verlag.

Als politisch aktiv bezeichnet sich Blaha noch immer. Seit 2008 organisiert die gebürtige Wienerin den Kongress "momentum", der Wissenschaft und Politik verbinden möchte. Die Kandidatur für ein politisches Mandat möchte Blaha heute nicht ausschließen.

Auch Sigrid Maurer, die bis Mai den Vorsitz der ÖH innehatte, zeigt sich offen für eine zukünftige politische Funktion. "Parteipolitisch aktiv bin ich nicht", meint die Studentin, "aufgrund meiner Arbeit als ÖH-Vorsitzende und meiner Expertise werde ich aber nach wie vor zu vielen Vorträgen eingeladen." Es sei für sie jetzt leichter, Probleme öffentlich zu thematisieren.

Hartwig Brandl, der 2007 bis 2008 Vorsitzender war, stimmt mit den zwei Kolleginnen überein, dass die Zeit "durchaus anstrengend" war, nennt die Kandidatur jedoch "die beste Entscheidung meines Lebens". Der ehemalige Telematik-Student, der von den FLÖ nominiert worden war, verweist darauf, wichtige Erfolge geschafft zu haben. Das Ende seines Vorsitzes war durchaus turbulent: Anstatt wie ausgemacht an die Gras-Spitzenkandidatin zu übergeben, kündigte er die Koalition auf. Für Brandl, der heute als IT-Unternehmer arbeitet sowie die politischen Websites feinstaub.st und politikintern.at betreibt, sind die Vorfälle abgeschlossen: "Dieses Thema wurde damals ausführlich in den Medien behandelt. Ich möchte keinen Kommentar mehr dazu abgeben."

In die Zeit von Maurers Amtsperiode fielen auch die Studentenproteste, die zur Audimax-Besetzung geführt haben: "Die Hörsaalbesetzungen waren wichtig für die Diskussion", erinnert sich Maurer. Studierende aus ganz Europa hätten damals auf Österreich geschaut, so Brandl, der zu dieser Zeit die ÖH in der europäischen Studierendenbewegung vertrat. "Leider beschloss der damalige Minister, die Proteste auszusitzen", ergänzt er. "Aber immerhin hat eine breite Öffentlichkeit die Dramatik der Situation begriffen."

Die Situation an den Unis sei nach wie vor problematisch, darin sind sich die drei ÖH-Altpolitiker einig. Sigrid Maurer meint gar, dass es vielleicht bald an der Zeit für weitere Besetzungen sei: "Die Themen der Studierendenproteste sind immer noch aktuell. Insbesondere die Uni-Milliarde ist noch nicht in Sicht - dafür wird es sich zu besetzen lohnen." (Fabian Schmid, UNISTANDARD, Printausgabe, November 2011)

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