Conchita Wurst, fleischgewordene H.A.P.P.Y-Idee

24. November 2011, 17:34
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Herrn Tomtscheks Beitrag zur Schaffung der Wurst

Eigentlich sollte hier etwas Anderes kommen. Ein Text über Conchita Wurst nämlich. Und darüber, wie grotesk es war, dass da gebetsmühlenartig wiederholt wurde, wie mutig es von Conchita Wurst sei, sich trotz Anfeindungen und Vorurteilen zu präsentieren, wie sie sich präsentierte. Aber niemand widersprach. Oder zeigte auf und fragte: "Wo, bitte, finde ich Belege für die erwähnten Anfeindungen? Wo wurden sie veröffentlicht? Von wem? Und wer reagiert wo wie darauf?"

Doch: Nada. Nichts kam, weil nichts war. Nichts, was bis von hinter dem gemutmaßten Stammtischschenkelklopfhorizont irgendwelcher Wirtshäuser bis in die Echtwelt noch hörbar gewesen wäre. Bloß: Die Anfeindungen waren wichtig. Nur so konnte man sich selbst als besseres, aufgeklärteres, offeneres Wesen/Medium präsentieren. Doch was nutzt Positionierung - wenn man zugeben muss, dass das Anliegen, für das man sich ins Zeug wirft, "da draußen" nur eines ist: Wurst.

Denn wenn Bühnenshow und Spiel mit Identitäten sich nicht einmal ansatzweise kontrovers ins Leben - das echte ebenso wie das medial für echt erklärte - schaufeln lassen, bleibt da wenig: Eine hochprofessionell gecoachte Dragqueen. Mit Bart und Stimme. Und einer gerade mittelguten, fein aufs Publikum des Hauptabendprogramms abgestimmten Backgroundstory.

Themenwechsel

Aber diesen Text wird es nicht geben. Weil ich unterbrochen wurde. Vom wirklichen Leben: Ein Freund starb. Dass just Mario Soldo der erste war, der mich - sehr freundlich und einfühlsam und alles andere als pietätlos - fragte, ob und was ich über Herrn Tomtschek schreiben würde, war zwar Zufall, passte aber. Im Spiel mit Gender-Klischees, mit dem was als schwule, hetero, queere oder sonstige Identität, Re- und Perzeption gilt, lässt sich eine schöne, verschlungen-stringente Linie von Herrn Tomtscheks H.A.P.P.Y-Universum über Soldo, seinem langjährigen alter Ego "Dame Galaxis" zu Conchita Wurst ziehen.

Dass Wursts Feinschliff ganz offensichtlich die Handschrift Soldos trägt, sei da nur am Rande erwähnt. Auch, dass Figur und Geschichte sofort an eine Mischung aus H.A.P.P.Y-Klassikern erinnerte: Da wäre Felicitas Stulle - die singende Putzfrau aus dem H.A.P.P.Y-Kern. Sie behauptet in der DDR als Sportlerin und/oder Handarbeitslehrerin gelebt zu haben - nun will sie als Sängerin Karriere machen. Stimmlich liegen aber Welten zwischen Wurst und Stulle.

Soap & Musical

Dann wären da Plot und Setting von "Felicidat - Dornenwege zum Glück". Die "kolumbianisch-chilenische" H.A.P.P.Y-TV-Seifenoper verulkte vor Jahren, was in "Anna und die Liebe" & Co heute ernst gemeint ist. Oder aber das Ambiente jenes Musicals, in dem Tomtscheks Truppe das Leben der Steffi Graf besang und vertanzte: Vater Graf fabrizierte - Überraschung - Würste.

All das kam, wie immer bei H.A.P.P.Y, ohne allen Glamour & Glitter aus. Dennoch schwang jenes "Gleich-kollidierst-du-mit-deinen-eigenen-Vorurteilen"-Tongue-in-Cheek-Grinsen mit, das auch in den Augen von Conchita Wurst blitzt.

Kein Nachruf

Doch nein: Dieser Text wird nicht zum Nachruf auf Herrn Tomtschek mutieren. Weil ich das nicht kann. Weil emotionales Schreiben daneben geht. Meistens immer. Und weil ich nichts sagen kann. Für die, die Tomtschek nicht kannten, wäre alles, was ich über Herrn Tomtschek schreiben könnte, nur noch ein Stein im Nachrufe-Mosaik der vergangenen Tage. Und die, die schon schrieben, haben ihre Sache gut gemacht. Nichts, was ich hinzufügen könnte, würde Herrn Tomtschek gerecht werden.

Schon gar nicht in den Augen derer, die ihn kannten. Oder Teile von H.A.P.P.Y waren. Ein Nachruf, der auch vor diesen Menschen bestehen könnte, ginge zu weit. Zu sehr ins Private: Wer der Mensch Thomas Seidl für seine Freunde und allen voran für seine Familie war, geht nämlich niemanden etwas an. Gerade jetzt nicht.

Vermächtnis

Als mich meine Mitbewohnerin vorhin fragte, wer oder was "dieses H.A.P.P.Y und sein Chef" denn genau gewesen seien, wußte ich keine Antwort. Ich reichte ihr ein Buch: "Haare am Popo, Yeah". Das 2004 bei Czernin erschienene Buch war der Versuch, das fest zu halten - nein, es war zumindest eine Idee von dem, was Herr Tomtschek tat und wofür er stand.

Die Übung, erkenne ich am Lachen meiner Mitbewohnerin, gelang. Obwohl 2004 niemand ahnte, wie nahe Lachen und Weinen heute beieinander liegen würden. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 24.11.2011)

  •  Figur und Geschichte von Conchita Wurst rufen unweigerlich Erinnerungen an eine Mischung aus H.A.P.P.Y-Klassikern hervor.
    foto: thomas rottenberg

    Figur und Geschichte von Conchita Wurst rufen unweigerlich Erinnerungen an eine Mischung aus H.A.P.P.Y-Klassikern hervor.

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