Zensur im Martin-Gropius-Bau? Der Direktor des Museums soll einen Film, der in der Gaskammer von Stutthof gedreht wurde, aus der Ausstellung "Tür an Tür" geworfen haben
Gabriele Lesser sprach mit der Kuratorin Anda Rottenberg.
Standard: Ein Film von Artur Zmijewski, den Sie als Kuratorin in die Ausstellung "Tür an Tür" aufgenommen hatten, wurde von Direktor Gereon Sievernich entfernt. Sie nennen das Zensur. Warum?
Rottenberg: Der Film "Berek" wurde aufgrund der Intervention eines "prominenten Mitglieds der jüdischen Gemeinschaft" aus der Ausstellung entfernt, ohne uns zu informieren.
Standard: Warum haben Sie nicht protestiert?
Rottenberg: Wir erfuhren, dass der Film wieder in der Ausstellung gezeigt werden könne, wenn Polen offiziell gegen die Entscheidung des Gropius-Baus protestiere. Dabei muss man wissen, dass es sich bei der Ausstellung um ein Regierungsprojekt handelt. Professor Rottermund, der als Direktor des Warschauer Königsschlosses für die Ausstellung verantwortlich zeichnet, fragte den polnischen Regierungsbeauftragten Wladyslaw Bartoszewski, was zu tun sei. Bartoszewski bewertete den Streit als ein deutsch-jüdisches Problem, in das wir als Polen uns nicht einmischen sollten.
Standard: Ist das Wort "Zensur" dann nicht doch zu scharf?
Rottenberg: Der Gropius-Bau setzte sich mit dem Banner "Freiheit für Ai Weiwei" für die Freilassung des chinesischen Künstlers aus dem Gefängnis ein. Hier verteidigte das Museum also Menschenrechte und setzte sich für einen Künstler ein, der seine Werke in der Heimat nicht zeigen darf. Im Falle des Nachbarlandes Polens hingegen entfernte der Gropius-Bau das Werk Artur Zmijewskis aus der Ausstellung, ohne auch nur Rücksprache mit dem Künstler und mit mir als der Kuratorin zu halten. Das nenne ich Zensur.
Standard: Wen repräsentiert Artur Zmijewski?
Rottenberg: Im Saal, in dem ich den Film "Berek" untergebracht habe, wählte ich die Exponate sehr sorgfältig aus. Es sind sehr persönliche Zeugnisse der Künstler, die den Krieg als Destruktion und Erniedrigung des Körpers verstehen.
Wir gehen sowohl mit den Namen der Konzentrationslager als auch mit der ganzen Kriegsthematik wie mit einem abhakbaren Wissen um. Wir fühlen nichts mehr. Wir wissen viel, aber wir fühlen nichts. Der Film "Berek" zeigt ausgezogene Menschen, nackte Körper in unfreundlicher Umgebung. Wenn die Nackten im Film erst in den Keller und dann in die Gaskammer gehen, dann muss uns dies an die tatsächliche Kriegssituation erinnern, als die durch ihre Nacktheit erniedrigten Menschen in die Todeszellen gepfercht wurden.
Standard: Gegen den Film "Berek" haben aber in erster Linie Juden protestiert. Würden Sie ihnen auch emotionale Abstumpfung beim Thema Holocaust vorwerfen?
Rottenberg: Möglicherweise handelt es sich hier um den Missbrauch ihrer Position als traumatisierte Personen. Ähnlich missbräuchlich wird in Polen der Begriff "Verletzung religiöser Gefühle" eingesetzt, um Künstler abzustrafen, die angeblich den christlichen Glauben desavouieren. Das Entfernen eines Kunstwerkes zu fordern, nur weil man es nicht versteht ...
Standard: Gereon Sievernich erklärt, dass er als Direktor des Gropius-Baus darauf achten müsse, was gezeigt werde, da nebenan einst Adolf Eichmann den Holocaust organisiert habe. Überzeugt Sie diese Argumentation nicht?
Rottenberg: Die Nachbarschaft des Sicherheitshauptamtes der Nazis hat mich in meiner Ausstellung davon befreit, alle Entsetzlichkeiten des Krieges zu zeigen. Ich fand die Idee von Miroslaw Balka gut, der im Ausstellungssaal über den Krieg ein Metallgitter auf dem Boden verlegte, das auch ein Gebäude der Topografie des Terrors umschließt. Warum diese Nachbarschaft das Zeigen des Filmes von Artur Zmijewski unmöglich machen soll, verstehe ich nicht.
(DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2011)
Lehrstück der Geschichtspolitik
Zur viel diskutierten Ausstellung "Tür an Tür" im Gropius-Bau
Wenn eine Ausstellung sich das Thema "Polen - Deutschland. 1000 Jahre
Kunst und Geschichte" vornimmt, hat das immer auch den Charakter einer
diplomatischen Mission. Denn wenige dieser 1000 Jahre haben gereicht,
das Verhältnis zwischen den Nachbarländern auf lange Zeit zu belasten.
Die Ausstellung Tür an Tür (bis 9. 1. 2012 im Berliner Gropius-Bau)
dient in erster Linie also einer Entlastung durch Kultur: Zahllos sind
die Gemälde und aufgeschlagenen Folianten, in denen sich zeigt, dass
diese Nationen viele Dinge immer schon miteinander geteilt haben - nicht
zuletzt die Zugehörigkeit zum christlichen Abendland.
Doch es werden auch die heiklen Themen nicht ausgespart, zum Beispiel
sind einige großformatige Darstellungen im zentralen Raum der Schlacht
bei Tannenberg 1914 gewidmet, die an einem Ort stattfand, der damals zu
Ostpreußen gehörte und heute polnisch ist. Aber erst in den letzten
Räumen zeigt sich, dass das Provokationspotenzial der modernen Kunst
immer noch mitten in die Bemühungen der Kulturdiplomatie treffen kann.
Filmwerk provoziert
Kuratorin Anda Rottenberg hatte für die repräsentative Schau, die mit
dem Königsschloss in Warschau koproduziert wurde, auch ein filmisches
Werk des polnischen Künstlers Artur Zmijewski ausgewählt, das anfangs
niemand als besonders skandalös auffiel: In Berek (1999) sind nackte
Menschen zu sehen, die in einem gleichermaßen "nackten" Raum "Fangen
spielen" (der Titel bedeutet so viel wie: "Hasch mich"). De facto hat
Zmijewski in zwei Räumen gedreht, bei einem davon handelt es um eine
frühere Gaskammer eines NS-Konzentrationslagers. Der Künstler versteht
seine Arbeit als "therapeutisch". Es nimmt aber nicht wunder, dass sie
anderen Menschen als anstößig gilt.
Jedenfalls entschloss sich die Leitung des Gropiusbaus nach einer
Beschwerde, Berek aus der Ausstellung zu nehmen ("aus Respekt vor den
Opfern der Konzentrationslager"), was wiederum die Kuratorin als
Eingriff in ihre Freiheit und die der Kunst empfand. Es fiel der Begriff
"Zensur". Die Sache gewinnt noch dadurch an Brisanz, dass Artur
Zmijewski derzeit als Chefkurator die nächste Berlin-Biennale
vorbereitet, die im Jahr 2012 ansteht.
Tür an Tür stellt nicht nur aufgrund dieses Falls ein Lehrstück an
Geschichtspolitik dar: Denn von der "Blütezeit spätgotischer Skulptur in
Krakau" (um ein Thema aus der Ausstellung und dem umfangreichen Katalog
zu nennen, mit dem vermutlich niemand Probleme haben wird) bis zu der
komplexen postnationalen Kunst der aus Israel stammenden Yael Bartana
(Entartete Kunst lebt) spannt sich hier ein weiter Bogen, vor dessen
Hintergrund die Arbeit von Zmijewski erst so richtig in ihrer Spannung
verständlich wird: Sie zeigt möglicherweise Respekt für die Opfer der
Konzentrationslager in einer Form, die als Entstellung jener klassischen
Bildpolitiken zu lesen ist, von der es in Tür and Tür zahllose Beispiele
gibt. (Bert Rebhandl aus Berlin / DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2011)