Wien-Landstraße

Das Obdachlosenhaus mit dem Akademikeranteil

Reportage | Julia Schilly, 25. November 2011, 06:15
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    Das Neunerhaus ist zehn Jahre alt. Im kommenden Jahr soll es abgerissen und komplett neu errichtet werden.

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    Bewohnerin Gabi lebt mit einigen Unterbrechungen seit sechs Jahren in der Einrichtung.

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    Medizinische Behandlung ist ein wichtiger Aspekt in der Rundumbetreuung der BewohnerInnen.

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    Auch die Haustiere werden seit vergangenem Jahr von ehrenamtlichen Tierärzten versorgt.

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    Im neuen Haus wird es auch einen Aufzug geben - im Liftschacht des bestehenden Neunerhaus gab es noch nie einen Aufzug.

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    Geschäftsführer Markus Reiter und Heimleiterin Martina Pint.

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    Auch Charly und Moritz finden im Moment noch Unterschlupf im Neunerhaus, da ihr Besitzer verstorben ist. Sie suchen jedoch ein neues Zuhause.

Das Neunerhaus feierte zehnten Geburtstag und baut ein neues Gebäude, um weiterhin Menschen aus allen Schichten ein Zuhause plus Neustart zu bieten

Das Neunerhaus feiert zehnten Geburtstag und plant für die Zukunft große Veränderungen: Da das Haus mittlerweile sehr baufällig ist, wurde beschlossen, einen Neubau zu errichten. Der Bauherr steht schon fest, informiert Geschäftsführer Markus Reiter: Die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte wird gemeinsam mit dem Verein dafür sorgen, dass die BewohnerInnen in ein neues Haus mit noch mehr Wohnfläche für circa 70 bis 80 Personen zurückkehren können. Um den 1. April 2012 wird das Ersatzquartier im 13. Wiener Gemeindebezirk bezogen.

Im "HaMü" wohnen ständig zwischen 50 und 60 Menschen. "Einige leben erst seit zwei Monaten hier, andere seit zehn Jahren", sagt Reiter. Insgesamt haben bisher 154 Männer und 54 Frauen durchschnittlich 2,8 Jahre in dem Haus verbracht. Die Miete für Einzelzimmer mit mindestens 20 Quadratmeter Fläche beträgt 283 Euro. Für Paarwohnungen mit 50 Quadratmeter werden 318 Euro verrechnet. Es gibt zwar eine eigene Dusche, das Gemeinschafts-WC befindet sich aber am Gang.

Im Idealfall gelingt den BewohnerInnen ein Wiedereinstieg in ein geregeltes und vollkommen selbstbestimmtes Leben. Hausleiterin Martina Pint betont, dass aber kein zeitlicher Druck besteht. Es gibt auch Bewohner, die seit zehn Jahren die Einrichtung brauchen. Für andere Menschen, die länger auf der Straße gelebt haben, ist es eine Phase der Stabilität, die sie wieder an das Wohnen gewöhnt und auch bei psychischen und sozialen Krisen Hilfe bietet. Haushaltsplanung und Regulierung von Schulden hilft ebenso dabei, wieder Selbstverantwortung zu übernehmen.

Zurück in ein geregeltes Leben

Wie schmal der Grat zur Wohnungslosigkeit ist, kann Peter C. erzählen. Der 58-Jährige promovierte Philosoph und Doktor der Zeitgeschichte arbeitete 33 Jahre als Publizist. Nach einer Scheidung und einem darauf folgenden einjährigen Auslandsaufenthalt gelang ihm der Einstieg in seine Branche nicht mehr. Das Arbeitsamt bescheinigte ihm Unvermittelbarkeit. Er sei überqualifiziert und die vorhandenen Jobs seien ihm nicht zumutbar, hieß es in der Begründung. "Ich hätte gerne selbst entschieden, was ich mir zumuten kann", kritisiert er. Seine einjährige Obdachlosigkeit verlief fast unbemerkt: Tagsüber studierte er in der Nationalbibliothek, nachts ging er auf einen Hochstand im Wienerwald schlafen. "Dort schneite es nicht einmal hinein", berichtet C.

Das Neunerhaus bot ihm wieder soweit materielle Sicherheit, dass er sein Leben neu planen konnte. Mit 57 Jahren begann er eine zweisemestrige Ausbildung zum Lebens- und Sozialarbeiter. Für das kommende Jahr hat er sich bereits ein Projekt gesichert, bald zieht er in eine eigene Wohnung um. Peter C. betont: "Ich bin nicht der einzige Akademiker hier. Es ist eben nicht immer der Alkohol. Wir leben in einer Gesellschaft, in der fast niemand vor so etwas gefeit ist."

Privatsphäre und Familienbesuch

Die 48-jährige Gabi lebt mit Unterbrechungen seit sechs Jahren im Neunerhaus. Nach einem Familienkonflikt verlor sie ihre alte Wohnung. Wegen einer körperlichen Beeinträchtigung ist sie nicht mehr arbeitsfähig. Im dritten Bezirk fühlt sie sich wohl. In ihrem Zimmer hat sie Privatsphäre, eine eigene Dusche, Balkon und lebt mit einem Kater zusammen. "Es gibt viele Freiheiten, auch wenn mich eines meiner fünf Kinder oder sechs Enkelkinder besuchen kommt ist das kein Problem", berichtet die Bewohnerin. Ihr Wunsch ist es, eine Gemeindewohnung gemeinsam mit ihrem Partner beziehen zu können, der ein paar Stockwerke unter ihr ebenfalls im Neunerhaus lebt.

Ehrenamtliche Ärzte für Mensch und Tier

"Viele Bewohner legen Wert auf eine Gemeinschaft. So gibt es zum Beispiel Nordic Walking am Donaukanal oder erst vor kurzem einen Ausflug von 20 Leuten zum Gut Aiderbichl." Zur umfassenden Betreuung gehört auch die ärztliche Versorgung, die bei älteren BewohnerInnen sogar die Pflegebedürftigkeit hinauszögern kann.

Für viele Menschen stellt in dieser Lebensphase ein Haustier einen treuen Weggenossen dar, deshalb wurde im Vorjahr auch eine ehrenamtlich betriebene Tierarztpraxis eröffnet. Ehrenamtliche Zahn- und TierärztInnen werden immer gesucht.

Ein Projekt engagierter BürgerInnen

BürgerInnen des neunten Wiener Gemeindebezirks gründeten 1999 den Verein, um obdachlosen Menschen ein neues Zuhause zu bieten. Das Konzept war damals etwas Neues: Jeder bekommt eine eigene kleine Wohneinheit, einen Schlüssel zum Schutz der Privatsphäre, Haustiere sind erlaubt und BesucherInnen willkommen. Bei Vorankündigung sind auch Übernachtungen etwa von Familienangehörigen möglich. Vor allem der Punkt, dass Alkohol nicht verboten ist, stieß zunächst auf Skepsis von öffentlicher Seite. Eine der Ärztinnen, welche die Ordination im Neunerhaus betreut, schildert ihre Erfahrungen mit dem Thema Alkohol in Obdachloseneinrichtungen: "Im geschützten Rahmen hält sich der Missbrauch für gewöhnlich in Grenzen." Mittlerweile gilt das Neunerhaus als Vorzeigeprojekt.

Da das Neunerhaus ursprünglich im neunten Wiener Gemeindebezirk nicht erwünscht war, entstand es schließlich in der Hagenmüllergasse im dritten, in einem ehemaligen Lehrlingsheim der Salesianer Don Bosco. Der Name blieb trotzdem - und auch die große Idee, wie Geschäftsführer Markus Reiter berichtet: "Aus den Erfahrungen, die wir mit dem ersten Neunerhaus gemacht haben, konnten wir unser Angebot für wohnungslose Menschen in den vergangenen Jahren um zwei weitere Wohnhäuser und mehrere Startwohnungen erweitern." (Julia Schilly, derStandard.at, 24. November 2011)

Kommentar posten
22 Postings
Ich bin ein*_e Wiener*_In
00
30.11.2011, 12:52
"Obdachlosenheim"

Sobald dort drin jmd. wohnt, ist er nicht mehr obdachlos. Das Wort "Obdachlosenheim" ist somit widersinnig!

Denksportler
02
25.11.2011, 14:59
Tippfehler - 20m2 Einzelzimmer für EUR 238,-!?

Privatquartiere und insbesondere Gemeindewohnungen wären da billiger. Schlich sich da nicht ein Tippfehler ein?

Danilo Predragov
02
26.11.2011, 07:03
das sind keine mietwohnungen

die angeführten monatlichen kosten beeinhalten nicht nur qm, sondern auch strom, heizung, gelegenheit seine wäsche zu waschen, betreuung und vieles mehr. es ist eher mit einem hotel vergleichbar als mit einer mietwohnung.

Ich bin ein*_e Wiener*_In
00
30.11.2011, 02:38
Gibts auch an Zimmerservice...

...und tägliche Reinigung/Wechsel der Bettwäsche?

Killer Bunny
00
25.11.2011, 16:49

Insgesamt kostet so ein Zimmer auf ca. 1000 Euro/Monat inkl. Betreuung usw.

deiml
02
25.11.2011, 16:20

privatquaritiere sind sicher nicht billiger. ein 08/15 studentenzimmer in einer wg schlägt heutzutage bei 12-15qm locker mit 300-320 EUro zu buche.

Ich bin ein*_e Wiener*_In
00
30.11.2011, 02:39
Selbst schuld...

...wer in eine WG zieht.

humankapitalismus
02
25.11.2011, 15:10

ich finde das auch sehr teuer! 10 € / m2 für ein untermietzimmer!

hm tata
241
25.11.2011, 14:13
mit 57

will der gute mann lebens u. sozialberater werden. alle achtung. lebenserfahrung als sozialfall hat er ja, harhar.
wieso gilt so ein hochqualifizierter mann beim ams als unvermittelbar?
dem müssten die firmen normalerweise nachrennen.

humankapitalismus
08
25.11.2011, 15:13

man merkt, du bist kein akademiker und hast noch nie mit dem ams zu tun gehabt. diese auskunft wird täglich zigmal wiederholt! ich habe sie mit 40! bereits bekommen, wie ich gekündigt wurde und eine neue arbeit gesucht habe. die habe ich mir dann selbst gefunden. warum glaubst du gibt es so viele neugegründete einzelunternehmen von über 40 jährigen?

curieux
05
25.11.2011, 16:06
Habe zum Glück keine persönlichen Erfahrungen.

Aber als Akademiker ist man beim AMS wirklich verloren. Die wissen meist nicht einmal, welchen Beruf man etwa als Absolvent TU Wien, MaschBau - Wirtschaftsingenieur ergreifen kann.

Kritifax
20
25.11.2011, 18:20

taxifahrer.

curieux
01
26.11.2011, 08:55
Stimmt vielleicht für Altphilologen.

Das genannte Studium bringt gute Jobchancen, mein Sohn hat schnelle einen sehr guten Job gefunden.

Aber die "Unterstützung" durch das AMS war großartig. Im Jobcomputer wurde er als "Technischer Einläufer" (sic!) geführt.

bm.koger
 
08
25.11.2011, 14:59
mit 57

und gut qualifiziert? in welcher realität leben sie?
erwünscht sind 30 jährige wunderwuzzis, die um sehr wenig geld unbezahlte überstunden machen.

caliban1
03
25.11.2011, 14:51

warum diese niedertracht? na dann hoff mal dass du nicht dir selbst über den weg läufst, wenn du in eine ähnliche Situation gerätst. und nein, du bist davor nicht gefeit.

eltor09
01
25.11.2011, 14:42

Welche Firma rennt eim 57-jährigen nach? Nachdenken!

der gärtner
011
25.11.2011, 14:32
"dem müssten die firmen normalerweise nachrennen"

das gegenteil ist der fall.

denn die personaler verstehen solche berufsum- und abstiege überhaupt nicht, die wollen für jede stelle einen ganz bestimmten lebenslauf haben.

wenn sich da plötzlich ein akademiker für einen nichtakademikerjob bewirbt, glauben die, der hat einen knacks und das wars dann mit der bewerbung.

außerdem ist man mit einem studium oft sehr spezialisiert und kann eigtl nicht viel machen und als ahs maturant hat man zum bsp. gar keine sonstige berufsausbildung.

da bleiben dann eigtl nur hilfsarbeiterjobs übrig. einen akademiker der sich für einen hilfsarbeiterjob bewirbt verstehen die personaler aber noch weniger und folglich bekommt man nicht einmal die.

aculus populus
 
00
25.11.2011, 12:53
bei den Jammerlöhnen ...

und den steigenden Kosten werden vermehrt Leute wie auch Akademiker ihren Platz beantragen.

chaote2
 
17
25.11.2011, 11:40
20 Quadratmeter Fläche beträgt 283 Euro.

auch ned grad billig............Klo am Gang Kat C.
Da zahlen manche Hofratwitwen einen niedrigeren Quadratmeterpreis...............

langzen
00
25.11.2011, 15:06
für 238 €

mietet die Hofratswitwe eine Beletage im Palais

Geoffrey of Monmouth
02
25.11.2011, 13:17

Zu diesem Preis kommen ja auch noch andere Dinge, wie z.B. die Betreuung von Sozialarbeitern, die kostenlose medizinische Versorgung für Mensch und Tier usw. hinzu. Alles in allem hat man sich sicher etwas gedacht beim Preis.

Überhaupt sollte man sich bei solchen Dingen nicht bei oberflächlich Negativem festhalten, sondern auf das Positive blicken.

biggi729
06
25.11.2011, 10:28

ganz tolle sache! alles gute für die zukunft!!

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