Berg- und Talwärts

Helm auf!

24. November 2011, 17:09

Das Alpinforum in Innsbruck brachte neue Erkenntnisse in Sachen Tourengehen. Ein Drittel der Lawinenopfer verstarb an traumatischen Verletzungen

Wer war das erste Opfer eines Alpinunfalls? Stimmen die Vermutungen zweier Forscher an der Universität Innsbruck, des Anatomen Karl-Heinz Künzel und des Radiologen Wolfgang Recheis, so war es Ötzi, der jungsteinzeitliche Alpenüberquerer, dessen mumifizierte Leiche vor zwanzig Jahren am Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Nicht der Pfeilschuss in die linke Schulter, wie bisher angenommen, soll nämlich seinen Tod herbeigeführt haben, sondern ein Bergunfall, ein Sturz, der einen knöchernen Einriss in der Schädelnaht verursacht habe. Eine gelbliche Verfärbung des Augapfels wird von den Wissenschaftern als Blutspur interpretiert. Hätte es zu Ötzis Zeiten schon einen Schutzhelm gegeben, und hätte er ihn getragen, so wäre er vermutlich am Leben geblieben.

Vom Eismann Ötzi zu einer Gegenwart, in der nicht ein einsamer, schlecht gekleideter Mann aus welchen Gründen auch immer, sondern zehntausende, von einer globalen Industrie perfekt und teuer ausgerüstete Freizeitsportler sich in den Alpen tummeln! Zum sechsten Mal fand Anfang November die "Alpinmesse" in Innsbruck statt, die den Besuchern die neuesten Produkte der alpinen Sportartikelindustrie schmackhaft macht.

Verbunden mit der Messe ist das "Alpinforum", organisiert von dem seit fünfzig Jahren aktiven "Kuratorium für alpine Sicherheit" und dessen Präsidenten Karl Gabl. Ziel des Alpinforums war es, in Vorträgen und Workshops Aufklärung zu leisten, die abgelaufene Saison zu analysieren und neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskutieren.

176 Menschen sind vom 1. Mai bis 31. Oktober auf Österreichs Bergen tödlich verunglückt, 90 Prozent der Opfer sind Männer, mit 86 Toten liegen Wanderer an der Spitze, beim Klettern dagegen verletzten sich nur 21 tödlich. Überraschend hoch ist mit 50 Prozent der Anteil an Herzinfarkt-Opfern.

Eine Besonderheit des heurigen Sommers war, dass nach einer langen Periode instabiler Witterung ein herrlicher Spätsommer bei Bergsteigern Nachholbedarf erzeugte, dem versäumtes Training vorausgegangen war. Peter Veider, hauptamtlicher Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung, die über 93 Ortsstellen, 4290 Bergrettungsleute und 66 Suchhunde verfügt, konstatiert auffallend viele Einsätze, bei denen es nicht um Verletzte, sondern um Erschöpfte ging. Dies betrifft besonders Klettersteige, auf denen die Bergsteiger zwar durch Stahlseile und Steigleitern, in die sie sich mit Karabinern einhängen, gegen Absturz gesichert sind, aber gerade dadurch oft ihre Kondition und wahrscheinlich auch ihre Schwindelfreiheit unterschätzen.

Ein besonderes Thema beim Alpinforum war angesichts des bevorstehenden Skitourenwinters wieder die Lawinengefahr. Wenn in diesem Zusammenhang neuerdings die Verwendung von Helmen und Rückenprotektoren auch auf Skitouren empfohlen wird, so könnte man dabei vielleicht Druck der Ausrüstungsindustrie wittern. Neue Untersuchungen sprechen freilich eine andere Sprache. Zwar ist nach wie vor die Verwendung von Lawinenverschütteten-Suchgeräten (LVS-Geräte) die wichtigste Hilfe bei Lawinenunglücken. Ohne die Bedienung der immer perfekteren Geräte immer wieder geübt und damit automatisiert zu haben, bleibt jeder Rettungsversuch durch Kameraden stümperhaft. Denn nach wie vor gilt, dass nur in den ersten fünfzehn Minuten eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit gegeben ist.

Allerdings gibt es neue Erkenntnisse. Nach einer von Bilek und seinem Kollegen Walter Würtl, Berg- und Skilehrer und gerichtlich beeideter Sachverständiger, durchgeführten Auswertung aller österreichischen Lawinenunglücke der letzten sechs Winter zeigte sich, dass von 143 Toten 46, also rund ein Drittel, nicht durch Ersticken oder Unterkühlung starben, sondern durch traumatische Verletzungen, also bei Kollisionen mit Felsen oder Bäumen in der Lawine. Der Schutz von Kopf und Rückgrat erscheint im Lichte dieser Erkenntnis tatsächlich als ein wichtiger Faktor bei der Vermeidung von Lawinenverletzungen. Eine Helmpflicht lehnen die Alpinexperten allerdings ab, sie appellieren an die Vernunft. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/25.11.2011)

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17 Postings
kiter
00

Helmi ist da....jetzt geht's um Dinge die wichtig sind...für dich und mich usw.... ;-) also beim Snowkiten trage ich immer Helm und Rückenprotektor... Wer Hirn u. Rückgrat hat, der schützt es! Aber dass muss jeder für sich selber entscheiden...

Craig Christ
00
30.11.2011, 09:37
Hat ein Rueckenprotektor zw Rucksack und Ruecken Sinn?

In meinem Rucksack ist eh schon viel Zeug drinn, was soll da a Rueckenprotektor noch bringen?

Und wer selber keinen Rucksack drauf hat, hat auch keine Schaufel&Sonde mit und hat deshalb auf einer Skitour nichts zu suchen.

Uniquin
 
00

der inhalt im rucksack muß nicht zwangsweise dazu dienen punktförmige lasten an den wirbelkörpern zu vermeiden.

arno über alles
00
28.11.2011, 14:50
hmm

bei allem wo ich gewisse geschwindigkeiten bzw. fallhöhen erreiche, trage ich helm.

motorrad? sowieso.
skifahren? macht sinn. so ein besoffener holländer, der einen abschiesst, kann weh tun.
fahrrad? kommt drauf an. prinzipiell aber sinnvoll.
autofahren? knautschzone, gurte und airbags.
nasebohren? nein.

Uniquin
 
01

nasenbohren aber nur am rücken liegend! beim nasenbohren im gehen könnte man stolpern, sich den finger ins hirn schieben.

Anna Purna
 
31
26.11.2011, 02:10
Man sollte überhaupt immer einen Helm tragen,

auch im Haushalt oder beim Fensterputzen kann er einer das Leben retten.

Arne Karlsson
21
25.11.2011, 17:55
Ich warte auf die Helmbasher...

... die hier gleich wie gegen die Radhelme wettern werden. Von wegen falsche Studie, Einschränkung der pers. Freiheit, etc.

Für jene Helmbasher, die aussteigen möchten, sich aber nicht trauen weil ein Helm uncool ist: Bluetomato (und sicher viele Andere) verkauft Helme, die aussehen wie lustige Wollmützen, in Wirklichkeit aber ein vollwertiger Helm mit Wollkondom sind.

Atheist von Gottes Gnaden
02
25.11.2011, 14:55

ein verschuettetensuchgeraet alleine bringt gar nichts. man braucht auch sonde und schaufel. aber nicht eine dieser laecherlichen plastikschaufeln.

M St15
12
25.11.2011, 12:15
Helm ist wie Versicherung

Ich versteh nicht, dass es Leute gibt die gegen den Helm argumentieren.
Sicher passiert nicht immer etwas, aber wie bei der Versicherung habe ich eine um sie hoffentlich nicht zu benötigen.
Risikominimierung und angepasster Fahrstil, Fitness und geeignete und funktionierende Ausrüstung sind mind. gleich wichtig. Nur mit allen Komponenten bist du sicher und bereit.

sfoglio
00
25.11.2011, 11:46
46 von 143 an traumatischen verletzungen...

interessante statistik.

aber:

- wieviele davon sind jetzt an kopfverletzungen gestorben (und nur kopfverletzungen)?

- wieviele davon sind innerhalb der ersten 15 minuten ausgegraben worden?

hätten mit helm mehr überlebt? sicher, aber nicht 46. wohl eher eine handvoll.

ein helm hat durchaus sinn beim tourengehen, aber v.a. wegen der erhöhten sturzgefahr im wald- und felsgelände aufgrund schwierigem gelände und schneebedingungen, nach dazu große ermüdung durch den aufstieg.

Para Dox
00
25.11.2011, 16:00

Helm & Rückenprotektor steht im Text. Hinzu kommt, dass beim Aufstieg natürlich ebenfalls (vermutlich aber deutlich weniger) Lawinen ausgelöst werden. Beim Aufstieg wird man allerdings kaum einen Helm tragen. (Rückenprotektor besitze ich nicht, kann ich daher auch nicht beurteilen - wird aber auch nicht angenehm sein).

nihil obstat
00
24.11.2011, 22:35

Nicht der Helm, sondern Risikovermeidung helfen.

Para Dox
00
25.11.2011, 16:02

Der Helm ist nichts anderes als Risikoreduzierung.

nihil obstat
00
25.11.2011, 19:27

Gibt's dazu valide Daten?

Tyler Durden
02
25.11.2011, 13:19
stimmt...

...wer zu hause bleibt, kann nicht am Berg sterben ;-)

üawhr
01
25.11.2011, 10:56
ich vertraue auf die Kombination der beiden

Cirque Désolé
01
25.11.2011, 19:38

Zu hause mit Helm? :-)

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