Gedenkfeier nach Neonazi-Morden

Wir Scheinheiligen

Gastkommentar | 24. November 2011, 09:13

Die Politik in Deutschland will mit einer zentralen Trauerfeier an die Opfer der Neonazi-Morde erinnern - eine heuchlerische Veranstaltung. Denn jahrelang haben die Verantwortlichen die Gefahr des Rechtsextremismus verdrängt - Von Christian Böhme

Wer bei Google die Worte "Gedenken" und "Deutschland" eingibt, erhält sekundenschnell fast vier Millionen Treffer. Ein beachtliches, ein stolzes, ein staatstragendes Ergebnis. Und man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass es schon sehr bald einige Hunderttausend Treffer mehr sein werden.

Denn das offizielle Deutschland (Bundestag, Bundespräsident und Bundesregierung) bereiten gemeinsam eine zentrale Feier für die Opfer der Neonazi-Mordserie vor. Eine derartige Veranstaltung garantiert (ähnlich wie die Entschuldigungs-Erklärung der deutschen Parlamentarier) per se ein Mindestmaß an zwischenmenschlicher Anteilnahme und ein Höchstmaß an medialer Aufmerksamkeit, sprich: eine Menge neuer Einträge bei Google. Einträge über das gute Deutschland, das dem bösen Deutschland mittels Trauergestus seine moralische Überlegenheit demonstriert.

Ein heuchlerischer Akt

Endlich, werden viele ausrufen, wurde aber auch allerhöchste Zeit! Zu Recht. Dennoch ist die geplante Trauerfeier für die acht Türken und einen Griechen an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. Ein Akt zur Schau getragener, vor allem unberechtigter Selbstvergewisserung, gleichermaßen heuchlerisch wie wohlfeil. Zudem ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen. Weil mit ihren Gefühlen Schindluder getrieben wird.

Ein harsches Urteil, mag man einwenden. Aber ein milderes kommt wohl kaum infrage. Schließlich gründet es auf erwiesener Schuld. Das wiedervereinigte Deutschland hat jahrelang geflissentlich ignoriert und verdrängt, dass der Rechtsextremismus nicht nur eine ideologische Bedrohung darstellt, sondern im schlimmsten Sinne des Wortes auch eine Gefahr für Leib und Leben. Neger, Obdachlose, andere "Asoziale", Ausländer, Juden und "linke Zecken" gehören zu den bevorzugten Opfern brauner Gewalttäter. Deshalb trauen sich diese Minderheiten in manchen Gegenden der Republik kaum auf die Straße. Es sind recht- und schutzlose No-Go-Areas. Zu Risiken und Nebenwirkungen bei Betreten fragen Sie Ihre zuständige Nazi-Kameradschaft.

Wir wissen das alles - eigentlich. Dennoch werden viele politisch motivierte Straftaten mit eindeutig rechtsradikalem Hintergrund von den zuständigen Sicherheitsbehörden nicht als solche gewertet. Frei nach dem unmenschlichen Motto "Alles halb so wild!" wird das Offenkundige schöngerechnet, schöngeredet und damit schöngefärbt. Menschenverachtender Rechtsterrorismus? Nicht bei uns! Ein verhängnisvoller Trugschluss, der es - gepaart mit Fixierung auf den militanten Islamismus - der Zwickauer Nazimörderbande ermöglichte, landauf, landab und je nach Belieben aus rassistischen Motiven zu morden. Ein fremdenfeindliches Killerkommando macht Jagd auf Wehrlose - und keiner will's bemerkt haben.

Im Gegenteil. Noch vor wenigen Tagen sprach man in ganz Deutschland ziemlich verächtlich von den "Döner"-Morden. Wenn überhaupt von den acht hingerichteten Türken und dem ähnlich grausam getöteten Griechen die Rede war. Und oft wurde in diesem Zusammenhang etwas von Machenschaften, Mafia und Milieu geraunt. So, als seien die neun Menschen an ihrem grausamen Ende irgendwie selbst schuld. Der unausgesprochene, vorurteilsreiche Vorwurf: Migranten sind und bleiben uns fremd, Ausländer mit merkwürdigen Eigenheiten eben, manch einer sogar mit einem Hang zum Kriminellen. Ein ziemlich perfides Gedankengebäude, das von den Rechtsextremisten Uwe M., Uwe B. und Beate Z. gewaltsam eingerissen wurde.

Entlastung ist zu viel verlangt

Nun stehen wir ratlos kopfschüttelnd vor den Trümmern unserer einst fest zementierten Gewissheiten und suchen nach Halt, insbesondere nach Entlastung. Also gibt sich das offizielle Deutschland zerknirscht, räumt Versäumnisse ein, schaltet auf Trauermodus und gedenkt. Hauptsache, die Verwandten, Freunde und Angehörigen der Ermordeten gewähren Absolution. Doch im Grunde ist das unmöglich. Wie sollen Menschen, die zuvor als "anders" geschmäht wurden, dem Sünder von der einen auf die andere Sekunde vergeben? Ist es den Müttern und Vätern, den Geschwistern und Kindern zuzumuten, bei einer Gedenkfeier womöglich Beifall zu spenden, wenn die Redner Betroffenheit ob des eigenen Fehlurteils demonstrieren oder in wohlgesetzten Worten Scham darüber bekunden, dass aus rassistisch motiviertem Hass in Deutschland getötet wird? Zu viel verlangt.

Heilende Kraft des Geldes?

Vielleicht ahnt die aufgeschreckte Politik ja, dass sie auf diese Form der Entlastung vorsichtshalber nicht bauen sollte. Und womöglich setzen die Verantwortlichen deshalb auf die vermeintlich heilende Kraft des Geldes. Die Familien der Neonazi-Opfer würden eine Entschädigung erhalten, kündigte das Justizministerium vor wenigen Tagen an. Man wolle mit dieser Geste ein Zeichen der Solidarität, der Anteilnahme setzen. Ein Scheck soll also die Schmerzen lindern und offenkundige Fehler weniger schwer wiegen lassen - billiger geht es kaum. Ein Ablasshandel der besonders peinlichen Art. Hoffentlich geht diese Mogel-Rechnung nicht auf. Denn wie die angekündigte Trauerfeier ist sie vor allem eines: ein Alibi. Darüber können auch ein paar Hunderttausend neue Einträge bei Google nie und nimmer hinwegtäuschen. (Christian Böhme, derStandard.at, 24.11.2011)

Autor

Christian Böhme, The European, ist Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
1 2
kopfsalat
00
25.11.2011, 18:44
der Artikel steht in scheinheiligkeit dem kritisierten staat nicht um viel nach

Heino Ewerth
01
25.11.2011, 13:50
Wieso eigentlich sog. "Döner Morde"?

Wieso eigentlich "Döner Morde"? es sind doch keine Döner ermordet worden sondern Menschen! Wieso "Soko Bosporus"? Die Menschen sind in Deutschland ermordet worden und nicht in der Türkei? Menschenverachtend! Es gibt in Deutschland eine schweigende Mehrheit! Was offensichtlich die schweigende Mehrheit in Deutschland denkt, konnte man ganz schnell erkennen, als ein Bundesbanker a.D. mit zum Teil menschenverachtenden Thesen in seinem Buch, soviel Beifall bekam. Als in Rostock ein Haus angezündet wurde, indem sich Ausländer nach einer Hetzjagd geflüchtet hatten, wurde auch geklatscht. Wer mit einer Ausländerin in Deutschland verheiratet ist, oder Körperbehindert findet sehr schnell heraus, wie eine schweigende Mehrheit in Deutschland denkt.

jcMaxwell
01
29.11.2011, 20:33

döner heißt auf deutsch so viel wie 'drehen'.

damit ist alles klar - döner, weil sich die ermittlungen schon seit jahrzehnten im kreis drehen.

muh91
00
25.11.2011, 11:22

Ich kann nicht ganz verstehen, was an einer Trauerfeier für die Opfer der Neonazi-Morde so falsch ist. Aber, wie immer, wie man macht`s, ist`s falsch....

jcMaxwell
00
29.11.2011, 20:34

nein, es ist nicht falsch zu trauern.

Ivan Fedorov
02
25.11.2011, 08:00
die geschichte wiederholt sich

http://www.youtube.com/watch?v=01Hxq-PFOlc

Peter Sichrovsky
20
25.11.2011, 04:40
Aufarbeitungshysterie

Das entnazifizierte Deutschland reagiert mit Schrecken auf die Aufarbeitungslüge und war doch immer so stolz auf die Nachkriegsgeschichte - auf Österreich mit dem Verurteilungs-Finger zeigend, da das Alpenland angeblich nie die Vergangenheit so brav und redlich wie der Deutsche Nachbar verarbeitet hat. Vielleicht können die stolzen Nachbarn von den Alpenländern lernen, dass man zwar hier eine Rechte Partei als Teil des politischen Spektrums akzeptiert - sich dafür den rechts-extremen Terror ersprart.

jcMaxwell
00
29.11.2011, 20:29

das 'angeblich' kannst dir sparen - es ist bewiesen dass österreich genügend versäumnisse bei der aufarbeitung vorzuweisen hat.

außerdem hast du anscheinend bewusst darauf vergessen, dass wir einerseits schon rechtsextremen terror haben (zB franz fuchs), wenn auch in viel geringerem ausmaß, aber im vergleich deutlich weniger linksextreme gewalttaten zu verzeichnen haben!

Nathaniel Winerib
10
28.11.2011, 23:37

da hast du ausnahmsweise mal recht, dieser aufarbeitungswahn sollte schön langsam aufhören, das kapitel ist geschlossen.

yotix
 
00
25.11.2011, 08:21

Du unterschlägst natürlich in voller Absicht, dass Deutschland 1989 die DDR übernommen hat -- diese war von Ex-Nazis in der SED regiert, hatte Entnazifizierung nie für nötig erachtet, grauenhaften und explizit rassistischen Umgang mit Leiharbeitern zugelassen, und nach der Wiedervereinigung waren Behörden und Politiker zu feige, um entschiedene Zeichen gegen die "nazional befreiten Zonen" und dergleichen zu setzen, sondern tolerierten rechtsextreme Gewalt.

Übrigens hat Deutschland die REPublikaner und die NPD, beide in inniger Verbindung mit der eben so extremistischen FPÖ, man hat sich sogar die Terrorkämpfer vom Ösi-Szimanek ausbilden lassen. Hat dies rechtsextzremen Terror erspart? Im Gegenteil, angeheizt hat man ihn!

Lemonshark
 
01
25.11.2011, 01:24
Was Rechtsnatzionalismus!

Den gibts doch nicht!

Viel wichtiger ist es natürlich die Exikutive des Staates an der A4 zu platzieren, und endlich diese Haschterroristen auszurotten!!

Wo kommt denn ein Staat denn hin wenn jeder mit seinem Körper machen kann was er will!

Da haben die Rechten doch wenigstens ein bisschen Wiederstand geleistet!

Ohne Sympathisanten in Regierung und Institutionen hatte es die 140 toten des rechtsextremen Terrors gar nicht gegeben!

Lemonshark
 
00
25.11.2011, 01:12
Was Rechtsnatzionalismus!

Johannes Benn
51
25.11.2011, 00:43
.

in deutschland leben immerhin noch ueber 80 mio menschen, dort werden jedes jahr vieles menschen ermordet. dass nun wegen einiger fall im gegensatz zu allen anderen sich die deutsche regieung und das deutsche parlarment entschuldigt ist reichlich merkwuerdig

Frankensteins Fekternich
00
25.11.2011, 11:36
Herr Benn!

.
Sie sind ein NAZI!

maimai
04
25.11.2011, 03:19
die benn

Kommentare mit dem charakteristischen "." sind der Beweis, dass die Zensur hier nicht politisch genug ist und die ganzen "mainstreamzensurblablabla" Spinner wirklich einfach Spinner sind.

Johannes Benn
10
25.11.2011, 17:58
.

befuerchtungen dieser art sind ueberfluessig, immerhin wurde die erste version des postings nicht durchgelassen

jcMaxwell
01
29.11.2011, 20:30

anscheinend zurecht

Mensch0815
04
24.11.2011, 20:26

Es darf nicht sein, was nicht sein darf. Rechten Terror hat es in D nicht zu geben, darf es nicht geben. Wie stünden D in der Welt denn da? Wo sie doch jetzt die "Guten" sind. Wobei ich das Problem der "Wiederbetätigung" eher in Österreich sehe. Faschistisches Gedankengut wurde in Östereich auch schon ausgelebt und exekutiert - Austrofaschismus. Aber glücklich ist, wer vergißt.....

walter helfmann
02
24.11.2011, 23:46
rechten terror hatte es seit 1945 nieeeee gegeben.

es mussten die kommunisten verboten und verfolgt werden.

durch die nachhaltige säuberung der nazis bei beamten, lehrern, in der wirtschaft, im justizwesen usf, gab es nach 1945 keine alternativen.

war und ist es auch in ösistan so.

Jürgen Rembremerding
00
24.11.2011, 18:13
Ganz so ist es ja nicht:

http://www.zeit.de/online/20... areas-Heye

Und die Bundesregierung hat schon früher Initiative gezeigt:

https://www.titanic-magazin.de/shop/imag... ichtPK.jpg

sitting bull
01
24.11.2011, 17:55
1933 - 1945 - der faschismus ist nicht so lang zurück. die demokratie noch ziemlich jung.

das elend ist, dass sich die nazi- und neonazis und die rassisten im hass gegen alle die links, sozialistisch und kommunistisch oder irgendwie anders anders sind als sie selbst, mit nicht geringen teilen der bürgerlichen mehrheit einig sind. Die bürgerliche mehrheit ist zwar gott sei dank nicht gewalttätig, aber sie akzeptiert die gewalt gegen andere und nimmt sie stillschweigend hin. Das wissen nazis und sie bauen auf diese stille kolaboration. der rassismus ist überall aktiv. jeden tag. in deutschland und in österreich. und die medien unterstützen ihn durch ihre populistischen Headlines und Texte und Anbiedereien. Man muss es mit Bert Brecht immer wieder sagen; Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

herbst8
23
24.11.2011, 16:44
"Das wiedervereinigte Deutschland hat jahrelang ..."

Wirklich? Das wiedervereinigte Deutschland hat jahrelang?

Nein! Deutschland hat immer schon schöngeredet und schöngefärbt!

Nur ein Besispiel: das Oktoberfestattentat 1980. 13 Tote, über 200 Verletzte.

Offizielle Version: ein rechtsradikaler Einzeltäter. So ein Quatsch!

Ent-täuscher
00
24.11.2011, 18:02
Ganz Ihrer Meinung

Lesen Sie als Illustration Ihrer These den schönfärberischen Profil-Artikel.
Wenn man die von Ihnen angezogenen dt. Rechtsradikalen-Attentate in ihrer Gesamtheit betrachtet, dann erscheint auch die (von offiziellen Stellen) behauptete überwiegende Ost-Herkunft der Täter als Lüge.

rote Lola2
01
24.11.2011, 20:54

nur ja keine politische verantwortung übernehmen, weder dort noch hier. dabei ist alles so offensichtlich und durchaus seit jahrzehnten bekannt. kann man sich in diesem netten film ansehen: http://tinyurl.com/7pjmwmy und ein teil der leute die damals bei "wehrsportübungen" herum blödelten, sitzen heute im parlament und werden von uns bezahlt...

Georg Schütt
13
24.11.2011, 16:02
Böhme hat recht! Aber noch besser wäre es gewesen, wenn er nach den Gründen für dieses Wegschauen gefragt hätte.

Und diese Gründe sind nicht zuerst in Sympathie für die Neonazis zu suchen, sondern in falschen Rücksichtnahmen.

Noch am selben Tag verwahrten sich ostdeutsche Kommentatoren dagegen, den Osten Deutschlands als spezielles Problem anzusprechen. Dort gibt es Landstriche, in die sich kein Fabiger traut - im Westen gibt es die nicht.

Niemand fragt auch nach der Verantwortung der menschenverachtenden DDR-Ausländer-Politik; Sondern jeder akzeptiert den Stuss von der Orientierungslosigkeit infolge der Wiedervereinigung.

Niemand fragt nach einer Justiz, nach einem Jugendstrafrecht, das selbst aus gemeinschaftlich begangenem viehischsten Mord eine "Körperverletzung mit Todesfolge" macht und Bewährungsstrafen verhängte.

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