Halt dich an der Krise fest

24. November 2011, 03:44
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"Metamart. Kunst und Kapital" widmet sich den Überlebensstrategien am Kunstmarkt. Auf die alternative Messe folgt nun eine kritische Ausstellung

Wien - Selbst renommierte Künstlerinnen wurden schon dabei belauscht, wie ihnen Stoßseufzer der Sorte "Hätt' ich doch was G'scheits gelernt" entfuhren. Ist es ein Hilferuf, wenn Marte Kiessling in blauer Leuchtschrift "Ich will kein Künstler sein. Ich will glücklich sein" formuliert?

Künstler-Sein, das kann man schon lange an Akademien und universitären Kunstschmieden lernen. Wie man allerdings als solcher am Kunstmarkt überlebt, bleibt trotz Erlernen einer gewissen Platzreife ein Rätsel. Denn der Markt ist ein gemeiner Hund, der gar nicht daran denkt, all jene, die Jahr für Jahr auf ihn ströme, zu ernähren. Verteilungsgerechtigkeit ist auch im Kunstbetrieb ein Fremdwort und so müssen Strategien her, wie doch ein paar Krümel vom Kuchen zu kriegen sind.

Eine zielführende Methode könnte sein, Parallelmärkte zu entwickeln, links und rechts an Galerien und Händlern vorbei, womöglich mit anderen, weniger inflationären Währungen, etwa reiner Tauschkraft. Oder Märkte zu kreieren, die sich dem Entsagen, was überall - und erst recht am Kunstumschlagplatz - als das ultimative Kaufkriterium gilt: Die Marke - also der Künstlername.

"Anonyme Zeichner", "100 Euro Einheitspreis" oder "stumme Auktion" heißen also einige alternative Marktmodelle, mit denen beim Projekt Metamart an fünf Tagen lustvoll experimentiert wurde. Eine weitere Nische könnte die künstlerische Dienstleistung sein: Um einen Euro pro Minute tippt Sofia Zabranovic Speicherplatz fressende, aber liebgewonnene SMS auf Karteikarten.

Die Erprobung der Marktmodelle war aber nur der erste Streich des von Lorenz "esel" Seidler initiierten Projekts: Metamart taucht nun in Form einer Ausstellung noch tiefer in die Fragen zum Wechselverhältnis zwischen Kunst und Geld ein. Rund fünfzig Künstler docken an die Kulisse der alternativen Verkaufsmesse mit der üppigen Salonhängung an. Eine visuelle Überreizung, die durchaus mit der Kunstdichte etablierter Messen vergleichbar ist. Wegen zahlreicher humorvoller und kritischer Impulse zum Kunstbetrieb lohnt es sich jedoch, das Dickicht zu durchdringen.

Brigitte Kovacz rief etwa die Musen der heutigen Zeit an und bat Kuratoren und Kritiker um eine karrierefördernde Küsserei. Thomas Geiger schnorrt sich zum Millionär und finanzierte mit den bisher erwirtschafteten 3553 Euro einen Verlag für Künstlerbücher.

Als Hinweis auf die Selbstvermarktung stellt Kamen Stoyanov ein gut gelauntes Puppendouble von sich in die Schau. Jochen Höller visualisiert die lebensnotwendigen Netzwerke. Mounty Zentara zeigt Anteilsscheine seiner Aktie Kunst. Dass man sich aber auch an der Krise des Kapitals festhalten kann, macht Patrick Baumüller vor: Er hat die Talfahrt des Dow Jones während der Börsenkrise 2007 bis 2009 in ein hölzernes Treppengeländer verwandelt. (Anne Katrin Feßler  / DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2011)

Eröffnung 24. 11., 19.00

  • Aus Zitaten von Joseph Beuys und Ben Vautier sampelt Marte Kiessling neue Sinnsprüche, Wahrheiten und Notrufe für den Kunstbetrieb.
    foto: esel

    Aus Zitaten von Joseph Beuys und Ben Vautier sampelt Marte Kiessling neue Sinnsprüche, Wahrheiten und Notrufe für den Kunstbetrieb.

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