Gesundheitsreform

Kämmerliche Gesundheitsalarmisten

Kommentar der anderen | 23. November 2011, 19:37

Grüner Beistand für Alois Stögers Kritik an der Reformunwilligkeit der Ärztefunktionäre - und ein Plädoyer für mehr Gelassenheit in der Debatte um elektronische Patientendaten und den Sparkurs im AKH

Wer die Aussendungen der Ärztekammer verfolgt, muss den Eindruck gewinnen, dass unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps steht und Patientenrechte von der Politik mit Füßen getreten werden: So blicken aus den Zeitungen verzweifelte Nackedeis, die die Bevölkerung vor der Einführung der elektronischen Gesundheitsakte warnen, da fällt die absurde Behauptung, dass wegen der Sparpläne im AKH 30 Prozent der Operationen ausfallen müssten, da warnt Präsident Dorner höchstpersönlich vor den Unfallgefahren, die Radfahrer heraufbeschwören, und kann es medizinisch nicht verantworten, als Autofahrer in der Einbahnstraße Radlern ins Auge blicken zu müssen.

Österreich ist offenkundig voller Gesundheitsrisken, und - so die Funktionärsbotschaft - nur die Ärzteschaft warnt die Politik und zeigt den Patienten mit paternalistischer Strenge, was für sie gut ist. Erkenntnisse der Wissenschaft, wie beschränkt die Möglichkeiten kurativer Medizin zur Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden in Wahrheit sind, werden folgerichtig ausgeblendet, weil sie die Bedeutung des eigenen Standes relativieren würden. Ein Fokus auf Gesundheitsförderung, die Stärkung der Selbstbestimmung der Patienten und ein transparenter Umgang mit Gesundheitsinformation stehen daher nicht auf der Kammer-Agenda.

Bei Debatten zu diesen Themen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, schiebt Präsident Dorner aber interessanterweise den Patienten die Schuld an gescheiterten Projekten zu, wie jüngst in der Sitzung der Gesundheitsplattform zu beobachten war: Die Autorin dieser Zeilen bemängelte, dass es der Wiener Ärzteschaft nicht gelungen sei, trotz beträchtlicher Geldmittel, die im Rahmen eines Reformpoolprojektes investiert worden waren, eine relevante Zahl an Diabetespatienten in die zukunftsweisende Behandlungsstruktur "Therapie aktiv - Diabetes im Griff" einzubinden. "Die Patienten wollen halt nicht", kommentierte Dorner achselzuckend die magere Erfolgszahl von 352 Neueinschreibungen in diesem Jahr. Er verschwieg, dass der Misserfolg vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass nur 137 Ärzte am Projekt teilnahmen. Auf die Frage, warum die Kammer ihr Geld nicht in Werbung für das Diabetesprogramm investieren wolle, statt gegen Elga zu polemisieren, blieb Dorner die Antwort schuldig.

Ein Blick nach Dänemark könnte Erkenntnis und mehr Gelassenheit in der Debatte um Elga bringen: die elektronischen Gesundheitsdaten sind patientenfreundlich, streng datengeschützt und erlauben jedem Dänen seine persönliche Gesundheitsseite aufzurufen. Außerdem sind die Resultate von Qualitätskontrollen in den staatlichen Spitälern öffentlich zugänglich. Österreichische Patienten sind bei der Wahl des Spitals weiterhin auf unzuverlässige Empfehlungen angewiesen, denn Daten zu Komplikationsraten, Mortalität, Wiederaufnahmen und Patientenzufriedenheit werden nicht veröffentlicht. Die Verfügung über die eigene Krankengeschichte und Fakten zur Behandlungsqualität ermöglichen es den Patienten jedoch, ihre Entscheidungen informiert zu treffen und auf Augenhöhe mit dem Gesundheitspersonal zu kommunizieren. Auf diesen Diskurs sind hiesige Ärztefunktionäre sichtlich noch unvorbereitet.

Stattdessen setzt man auf Patientenverunsicherung. So auch beim AKH: Richtig ist, dass die Spitalsambulanzen so lange unverzichtbar und übervoll sind, als im niedergelassenen Bereich benutzerunfreundliche Öffnungszeiten den Weg ins Spital logisch machen. Richtig ist aber auch, dass Wien ein Überangebot an Akutbetten und eine Ärztedichte hat, die weit über dem Niveau vergleichbarer Weltstädte liegt. Das AKH ist eines der teuersten Spitäler in Europa. Effizienz ist also dringend gefordert. Beispiele: Umstellung auf den zentralen Einkauf aller Medikamente und Medizinprodukte, Auslastung von OP-Sälen bis in die Abendstunden; Verstärkung der Nachtdiensträder in den Disziplinen mit großem Bedarf, zulasten jener, wo es kaum Notfälle gibt; restriktive Nebentätigkeitsregelungen für Ärzte und die Verpflichtung, Privatpatienten im öffentlichen Spital statt auf der Goldenen Meile zu behandeln.

Diese Vorschläge sind lange bekannt und scheitern genauso lange am Widerstand der Ärztekammer. Statt sie in Zeiten budgetärer Not im Patienteninteresse endlich umzusetzen, werden populistische Spendenaufrufe gemacht und der Verein "Rettet das AKH" zur Ablenkung von den wahren Problemen gegründet. (Sigrid Pilz, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2011)

Autorin

Sigrid Pilz ist Landtagsabgeordnete und Gesundheitssprecherin der Grünen in Wien.

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Heinz Anderle
 
00
20.12.2011, 20:31
Jämmerliche...

... Krankjammergestalten, die grünen "Weltverbesserer", nicht nur im Gesundheitswesen.

Am Futtertrog, pardon, Freßnapf, verstummen selbst Schreihälse. Nur der Neid bleibt als Triebkraft erhalten.

Dr. rer. nat. Heinz Anderle, Freigeist

hanslblasta
00
4.12.2011, 13:07

"restriktive Nebentätigkeitsregelungen für Ärzte und die Verpflichtung, Privatpatienten im öffentlichen Spital statt auf der Goldenen Meile zu behandeln" - jeds Ding hat zwei Seiten ...

O-Ton in einem LK in der Provinz: "wenn der Chef geht, sind die Patienten auch weg" ...

hanslblasta
00
4.12.2011, 13:02

"als Autofahrer in der Einbahnstraße Radlern ins Auge blicken zu müssen" - da macht er wohl was falsch ...

auch in der Einbahn sollt man sich rechts halten und eher nicht am Radstreifen in Gegenrichtung fahren - wobei das auch für "Genies" unter der radfahrenden Zunft gilt ...

Jens Waldenström
00
3.12.2011, 22:32
genau!!

Dieser kommentar bringt die problematik wirklich auf den punkt. die angst wird auf die patienten projeziert, dabei haben eigentlich die ärzte angst vor elektronischen gesundheitsakten weil damit wirkliche qualitätskontrollen möglich wären. die angst das die daten in falsche hände geraten sehe ich nicht, ich arbeite in einem land mit elektronischen gesundheitsdaten und hier ist es strafbar einfach neugirig herumzuschnüffeln und alle log in werden gespeichert - es muss also eine arzt patient beziehung bestehen und der patient muss einwilligen, dass ich die daten abfrage.

pirat was sonst
10
25.11.2011, 21:11
Grüne für ELGA

danke, einmal mehr weiß ich, was man von dieser Partei in Bezug auf Datenschutz und Internet halten kann.

hanslblasta
00
4.12.2011, 13:00

warum funktionierts in anderen Ländern? - Dänemark wird, falls Sie den Beitrag gelesen haben, explizit angeführt ...

rora
00
24.11.2011, 19:12

warum recherchiert kein journalist wer in die Einführung von ELGA investiert hat? Soviel ich gehört habe unter anderen die Pensionskasse der Apothekerkammer. Fällt ELGA sind die bisher einbezahlten Beiträge der niedergelassenen Apotheker weg. Kann das nicht offengelegt werden?

badat
02
24.11.2011, 18:19
"die elektronischen Gesundheitsdaten sind patientenfreundlich, streng datengeschützt und erlauben jedem Dänen seine persönliche Gesundheitsseite aufzurufen."

Abgesehen von der Tatsache, dass es keinen absoluten Schutz gibt (siehe die aktuellen Fälle von Datendiebstahl):
Der Hund liegt in der "persönlichen Gesundheitsseite" begraben. Man kann davon ausgehen, dass "es wäre schön, wenn Sie zum Gespräch auch einen Ausdruck Ihrer ELGA mitbringen können, das würde unserem Betriebsarzt die Arbeit erleichtern. Sie sind seeeelbstverständlich nicht verpflichtet dazu" in 10-15 Jahren Standard bei Bewerbungen sein wird. Was "sie sind selbstverständlich nicht verpflichtet" bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
(Forts. folgt)

badat
03
24.11.2011, 18:25
Blöd ist es,

wenn man dann mit 20 z.B. eine heilbare Geschlechtskrankheit einfängt oder einen psychischen Absturz nach einer gescheiterten Beziehung hat. Im Gegensatz zu einem schlechten Leumundszeugnis gibt es da keine Löschung nach einiger Zeit.
Jedenfalls werde ich von der opt-out-Klausel Gebrauch machen und auch unser Sohn und seine möglichen Geschwister werden keine ELGA bekommen, weil die medizinischen Details ihrer Lebensgeschichte ihre zukünftigen Arbeitgeber einen feuchten Dreck angehen.

Jens Waldenström
00
3.12.2011, 22:43
Äpfel und Birnen

Die Elga ist doch nicht dafür da damit der arbeitgeber herumschnüffelt wer wann wo sich eine geschlechtskrankheit eingeholt hat. Das elektronische Gesundheitsakte in anderen länder funktionieren ist ihnen wohl fremd und das dort niemand herumschnüffeln kann auch. Aber vielleicht ist österreich einfach zu korrumpiert und es wäre besser keine elektronischen gesundheitsakte einzuführen weil man nichts garantieren kann???

pirat was sonst
00
25.11.2011, 21:39

Ebenso. Jedoch wird sich der Arbeitgeber dann wundern, warum Sie keinen lückenlosen Lebenslauf, ähm, keine ELGA, haben.

Was haben Sie zu verbergen?

Medicus58
00
24.11.2011, 18:09
Frau Pilz wäre in ihrer Kritik vielleicht glaubhaft

wenn sie ihre Meinung nicht in der Vergangenheit sehr schnell an die politischen Allianzen angepasst hätte:
Von der Roten-fressenden-Steinhof-bis-Lainz-Kritikerin, als sie im Gleichschritt mit VP Korosec gegen das Rathaus wetterte, um dann im Februar noch vor SP Wehsely das plötzliche KAV Sperrprogramm (vulgo Spitalskonzept) per Aussendung hoch zu jubeln:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=34517 .

Aber als studierte Erziehungswissenschaftlerin ist sie sicher auch in der Kosten- und Datenschutzproblematik von ELGA so kompetent, dass sie sicher ist, das sich SP Stöger nicht irren kann ... http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=47125

Zaphod Beeblebrox III
02
24.11.2011, 17:12
Schauen wir uns einmal an, was die Siggi da vorschlägt:

Umstellung auf den zentralen Einkauf aller Medikamente und Medizinprodukte:
Macht der KAV bereits. Ist aber nicht so einfach, wie es sich die Siggi vorstellt.

Auslastung von OP-Sälen bis in die Abendstunden:
Ist möglich, wenn das Personal dafür vorhanden ist. Mehr Personal kostet mehr Geld...

Verstärkung der Nachtdiensträder in den Disziplinen mit großem Bedarf, zulasten jener, wo es kaum Notfälle gibt:
Schon jetzt Realität. Der Nachtdienst ist aber nicht nur für die Notfälle da, auch die PatientInnen auf den Stationen müssen betreut werden.

Restriktive Nebentätigkeitsregelungen für Ärzte:
Das scheitert an 2 Fakten:
1. Müssten Gehälter massiv erhöht werden.
2. Müssten die Patienten auf die komfortableren Privatspitäler verzichten...

hanslblasta
00
4.12.2011, 13:11

auch eine schwierige Sache: wenn die KrankenpflegerInnen auf der Normalstation die Überwachung mitbetreuen müssen (wobei diese theoretisch die Ausbildung dafür haben), während das Intensivpersonal bei einem Notfall im OP arbeitet ...

Kaputt Nick
 
00
24.11.2011, 15:31
Es brennt, es brennt --

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--
--
sagt der Feuerlöscher-Verkäufer. Prae ,ortem.

bebop
00
24.11.2011, 14:37
Schon lustig wenn gerade eine Grüne eine sachliche Debatte einfordertfordert

mayflower2
02
24.11.2011, 14:03

Die Ärztekammer hat immer nur Interesse am eigenen Wohlergehen.Mag legitim sein.Das Befinden der Patienten ist ihnen weitgehend egal.Die Patienten werden immer nur vorgeschoben,wenn die Kammer meint sie hätten einen Nachteil.
Was die Kammer fürchtet ist der"gläserne Arzt".
Man könnte ja im nachhinein anhand der Daten feststellen,ob die medizinischen Vorgangsweise des Arztes richtig oder falsch war.
Gilt vor allem für die unwahrscheinlich hohen unnütz verschriebenen Medikamente.

pacatianus
 
01
24.11.2011, 18:59

Jedes Medikamant, das ein Arzt auf Kassenkosten verordnet ist bei den Kassen für immer und ewig abrufbar. Die Begründungen mit denen Elga von der IT Industrie und von staatlichen Stellen reklamiert wird sind durchschaubar für jeden der die Abläufe im System kennt. Elga bringt keine Verbilligung der Medizin, im Gegenteil. Ist euch schon aufgefallen, das die GKK schweigt? Warum sollte das jemand wollen? Haben alle Angst dement zu werden und die wesentlichen Dinge im Leben zu vergessen? Es ist der pure Schwachsinn zu glauben, dass es dem Arzt eine Erleuchtung bringt wenn er weiss dass sie vor 20 Jahren ein Aspirin eingenommen haben und an die Syphillis werden sie sich selber noch erinnern

Medicus58
00
24.11.2011, 18:15
Dass die ÄK eine Interessensvertretung ist

(auch wenn sie nicht immer meine Interessen vertritt) wundert ja nicht, aber zu glauben dass alle anderen Chorknaben (und -mädchen) in dem Spiel (langbeinige Gesundheitsökonomen, Erziehungswissenschaftlerinnen, Krankenkassenhäuptlinge deren Deckungsbetrag im Spital bei weniger als 30% liegt, alternativmedizinische Gesundheitsanbieter mit Privatpraxen, .... etc.) mehr für das Wohl der Patienten übrig haben als Ärzte, ... das scheint mir kühn!!

nvidia
 
01
24.11.2011, 13:03

Was nützt ELGA wenn die zuständigen Ärzte nicht reinschauen? War nach Chemotherapie mehrmals mit Infektionen im Krankenhaus und der liebe Onkel Doktor fragte mich wo ich mich herum treibe. Der wußte nichts von der Chemo weil er nicht in seine Unterlagen geschaut hat. Eine Freundin die schon seit 30 Jahren weder Eierstöcke noch Gebärmutter hat wollte ein Doc diese entfernen. Da kann ELGA auch nichts ändern.

meinemeinungdazu
00
24.11.2011, 18:40

da es noch kein elga gibt kann auch keiner hineinschauen

hot doc
00
24.11.2011, 10:38
zu den benutzerunfreundlichen zeiten in den ordinationen:

ich kann und will und muss nicht 7x24 meine ordination öffen. mir wären auch 5 tage von 8 bis 20 uhr zu viel.
ich könnte mir aber vorstellen, dass ich in meiner ordination abends kollegen habe, die regelmäßig, offiziell, für die patienten ersichtlich, fachärztliche betreuung für kassenpatienten unter meiner organisation anbieten.
leider ist das rechtlich nicht möglich.
da ist aber nicht nur die kammer dagegen, sondern auch die kasse, die ja in wahrheit daran interessiert ist, dass möglichst viele patienten in die (nur für die kasse billigeren, insgesamt teureren) kh-ambulanzen strömen.
ich müsste sonst aus meiner ordination ein ambulatorium machen, aber das wird nicht zugelassen.
welche lösung bieten sie an, frau pilz?

Mir wern kan Richter brauchn
02
23.11.2011, 23:17
Liebe Sigrid,

im großen und ganzen hast du sehr recht.

Aber die ELGA bitte nicht ganz so blauäugig sehen. Da müsste man doch mehr Geld in die Hand nehmen, und Schriitt für Schritt, den Austausch von Dokumenten und Patientenpartizpation in Gang setzen. Die Versprechen der ELGA Betreiber (Reduktion der Kosten, Reuktion der stationären Aufnahmen etc.) sind mit nichts zu belegen und so nirgends auf der Welt verwirklicht. Da sind doch Megainvestitionen weltweit häufig nicht sehr erfolgreich gewesen.

Wenn man den "crony capitalism" der Großkoalition bedenkt, dann sind berechtigte Zweifel an ELGA, aber vor allem an den verwegenen Ansprüchen der ELGA mehr als angebracht.

Liebe Grüße
von einem Unterstützer

x aeins
12
23.11.2011, 23:32

ja eh. Schon die Etrusker wussten, dass sie Rom nicht an einem Tag würden erbauen können - aber mangels Ärztekammer konnten sie wenigstens damit anfangen...

wienwolf
02
23.11.2011, 21:08
Wie blauäugig kann man sein?

Daten und Feinstaub haben eines gemeinsam - am gesündesten ist es, wenn sie gar nicht erst anfallen. Nicht nur der Datenschutzrat am Bundeskanzleramt weiß das, siehe die überaus kritische dritte Stellungnahme von oben zum ELGA-Gesetzesentwurf auf
http://www.parlinkom.gv.at/PAKT/VHG/... ndex.shtml oder http://tinyurl.com/4sdogkb
Ich möchte meine Gesundheitsdaten keinesfalls einer "ungerichteten Kommunikation" (Gesetzesentwurf) oder neugierigen Verwandten mit meiner eCard in der Hand und besseren PC-Kenntnissen als den meinen preisgeben.

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