Tag für Tag der Revolution ein Stückchen näher

23. November 2011, 18:42
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Mehr als sechs Monate lang kämpfen tausende Chilenen nun schon gegen das teure Bildungssystem - Die Masse wird nicht müde und schon gar nicht leiser - Nach anfänglicher Ignoranz hat dies mittlerweile auch die Regierung verstanden

Santiago/Wien - Verhaftungen, Tränengas, Wasserwerfer, fliegende Steine, brennende Busse, Hungerstreik - kein Kriegsszenario, sondern Ausdruck der größten Proteste, die Chile seit Ende der Pinochet-Diktatur je gesehen hat. Nicht nur Studenten und Schüler, sondern auch Professoren, Gewerkschaften, soziale Organisationen und Elternvereine fordern tagtäglich ein faireres Bildungssystem.

Gegenwärtig bleibt einem Studierenden nach dem Abschluss ein Schuldenberg von rund 45.000 Euro. Das privatisierte System stammt noch aus der Ära Pinochet. Seither hat es kaum Reformen gegeben, und die Hochschulen - auch die wenigen öffentlichen - bleiben gewinnorientiert und für viele junge Menschen trotz des rasanten Wirtschaftswachstums unerschwinglich. "Wo soll dieser Aufschwung sein?", fragt sich die 20-jährige Studentin Maria Jimenez aus Santiago. Auch sie ist eine der vielen, die tagtäglich bewaffnet mit alten Kochtöpfen und Holzlöffeln ihrer Wut Luft machen. Die rechtskonservative Regierung um Präsident Sebastian Piñera musste anerkennen, dass die Cacerolas - die Märsche, in denen lautstark auf jene Töpfe gehauen wird - nicht leiser werden, geschweige denn aufhören. "Wir sind viele, und das wissen sie", erzählt Jimenez.

Im September kam es nach monatelangem Schweigen gegenüber den Protesten zu einem Kurswechsel in der Politik. Der Erziehungsminister Joaquin Lavin musste seinen Sessel räumen, und Ignoranz wich Gesprächsbereitschaft. Bei den bisherigen Treffen zwischen Studierenden und Politik gab es zwar erste Zugeständnisse, von einer Einigung kann aber noch nicht die Rede sein. Die Zusicherung von Stipendien für die ärmsten 40 Prozent und günstigere Kredite für die darauffolgenden 20 Prozent waren noch nicht genug Reformwille.

Die charismatische Anführerin, die den Demonstranten eine Stimme verleiht und die Verhandlungen im Regierungsgebäude La Moneda führt, heißt Camila Vallejo. Fast schon wie ein Polit-Profi macht die 23-jährige Geografiestudentin die Anliegen der jungen Chilenen klar.

Nicht nur kurzfristige Geldspritzen, sondern eine langfristige Verbesserung des Systems ist das Ziel. Die Situation für Demonstranten wird währenddessen Tag für Tag schwieriger: Viele mussten ins Gefängnis oder wurden bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften verletzt. Ende August wurde ein 16-Jähriger getötet. Dennoch reißt die Mobilität nicht ab.

Jimenez ist überzeugt: "Wir werden Pinochets Erbe ein Ende setzen. Revolutionen brauchen manchmal eben ihre Zeit." (Lara Hagen, UNISTANDARD, Printausgabe, November 2011)

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