Weihnachten anders

23. November 2011, 18:16
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Es sollte selbstverständlich sein, neben Weihnachten auch über Chanukka oder das Opferfest zu reden

Der Weihnachtsrummel ist bereits in vollem Gang, aber viele Kinder haben keine Ahnung, was da eigentlich gefeiert wird. Mit Rücksicht auf die Tatsache, dass in den meisten Wiener Schulklassen die Kinder, die den christlichen Religionsunterricht besuchen, in der verschwindenden Minderheit sind, hält man die Weihnachtsfeiern religionsneutral. Das beliebteste Weihnachtslied für Kinder: Rudolf, das Rentier. Und für Erwachsene: White Christmas.

Ist das gut oder schlecht? Natürlich kann und soll man in einer multikulturellen Gesellschaft wehrlosen Schulkindern nicht zwangsweise ein frommes christliches Weihnachtsfest aufs Auge drücken. Warum sollen Kinder, deren Eltern mit dem Jesulein nichts am Hut haben oder als bekennende Muslime das Christfest nicht kennen, in der Schule auch Stille Nacht oder Es ist ein Ros entsprungen singen müssen? So weit, so gut. Also gar kein Weihnachten? Das geht auch nicht, schon gar nicht bei Kindern. So einigt man sich halt notgedrungen auf Vanillekipferln und Rudolf, das Rentier.

Trotzdem hat man kein gutes Gefühl dabei. Es ist irgendwie unbefriedigend, dass tausende Kinder in der festen Überzeugung aufwachsen, das größte Fest des Jahres in diesem Lande diene ausschließlich dem Zweck, viel Geld auszugeben und sich zwischendurch in diversen Punschbuden volllaufen zu lassen. Dazu ein Propagandabeiwerk, das Kommerz und Sentimentalität möglichst wirksam in sich vereint. Dafür kommen die großen Feste anderer Religionen in unserem Jahreskalender überhaupt nicht vor.

Nächste Woche feiern die Juden Chanukka ("jüdische Weihnachten"), das an den Makkabäeraufstand und die zweite Tempelweihe erinnert und mit Lichtern und Geschenken für die Kinder begangen wird. Nichts davon in der Schule. Und in der vorigen Woche feierten die Muslime das Opferfest, eine Erinnerung an die Geschichte vom Opfer Abrahams (muslimisch: Ibrahim). Da schlachtet man ein Lamm (im Schlachthof, nicht im Hof des Gemeindebaus), alle Freunde und die Armen bekommen ein Stück. Auch hier wurden die wenigsten Kinder in der Schule anderntags gefragt: Wie war's?

Warum nicht alle Feste feiern und alle wichtigen Religionstraditionen wenigstens erwähnen? Alle Kinder lieben Feste und alle Kinder lieben Geschichten, vor allem solche, die ein Geheimnis bergen und über den Alltag hinausweisen. In einer multireligiösen Gesellschaft müsste es eigentlich zur Allgemeinbildung gehören, über das, was vielen Mitbürgern heilig ist, einigermaßen Bescheid zu wissen. Das Christkind in der Krippe, Ochs und Esel und die Heiligen Drei Könige. Der Aufstand der tapferen Makkabäer, das Wunder des Leuchters, dessen Licht nicht ausgeht, obwohl eigentlich kein Öl mehr da ist. Die wunderbare Errettung des Knaben Isaak, an dessen Stelle ein Widder geopfert wird. Alles spannend und darüber hinaus ein Hinweis darauf, dass die großen monotheistischen Religionen eine gemeinsame Wurzel haben. Keine schlechte Grundlage für die Integration.

Und auf jeden Fall interessanter als das unvermeidliche Rentier und der allgegenwärtige Wattebart-Weihnachtsmann vor den Kaufhäusern. (DER STANDARD Printausgabe, 24.11.2011)

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