Unruhen in Kairo

Der Militärrat spaltet die Ägypter

Astrid Frefel aus Kairo, 23. November 2011, 18:06
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    Demonstranten auf dem Tahrir-Platz zeigen, was sie vom Militärrat und dessen Chef Mohammed Hussein Tantawi halten.

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Der harte Kern der Militärgegner harrt auf dem Tahrir-Platz aus - Trotz der Konzessionen der Generäle bleibt der Ausgang ungewiss

Gewalt am Rande des Tahrir-Platzes gab es auch am fünften Tag in Folge. Das Muster der heftigen Auseinandersetzungen in der Mohammed-Mahmoud-Straße Richtung Innenministerium war unverändert. Es gab wieder viele Verletzte, die mit schwerer Atemnot auf die Tränengassalven der Polizei reagierten. Weitere drei Menschen starben. Ärzte berichteten von Schussverletzungen durch scharfe Munition, obwohl deren Einsatz von den Sicherheitskräften geleugnet wird. Verhaftet wurden auch Ärzte, die in einem Notspital ihren Dienst taten. Am späteren Mittwochnachmittag gelang es Imamen und Scheichs in der Mohammed-Mahmoud-Straße, einen "Waffenstillstand" zu vermitteln.

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, stufte die Gewalt der Sicherheitskräfte als exzessiv ein und verlangte eine unabhängige Untersuchung. Auch Mohamed ElBaradei, der laut unbestätigten Berichten als Regierungschef im Gespräch ist, sprach von einem "Massaker".

Versteckte Drohungen

Mehrere tausend Menschen hatten nach der Rede von Mohammed Hussein Tantawi, dem Vorsitzenden des regierenden Militärrates, die Nacht auf dem Tahrir-Platz verbracht. Ihnen gehen die Konzessionen der Generäle und das Versprechen, Mitte 2012 in die Kasernen zurückzugehen, nicht weit genug. Sie wollen, dass die Macht sofort an einen zivilen Präsidialrat übergeht. Die Jugendbewegung des 6. April kritisierte zudem versteckte Drohungen Tantawis.

Die Zahl der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz war am Mittwoch zwar sehr viel kleiner als am Vortag, als die Marke von 100.000 überschritten wurde; ihre Entschlossenheit, auf dem Platz zu bleiben, bis ihre Forderungen erfüllt sind, ist aber ungebrochen. "Der Militärrat ist das Problem und nicht die Lösung", kommentierte auch al-Masri al-Youm, eine der wichtigsten Tageszeitungen. Teilnehmer am Gespräch mit dem Militärrat kritisierten, dass Tantawi mehrere der abgesprochenen Punkte nicht erwähnt habe, etwa eine Entschuldigung für die Todesopfer oder die Freilassung der Inhaftierten. Ganz unterschiedlich fielen die Reaktionen der Politiker aus. Viel wird von der konkreten Umsetzung abhängen. Bei der geplanten Regierung der Nationalen Einheit etwa erhebt sich die Frage, wer ihr angehören wird und ob sie mehr ist als der verlängerte Arm der Generäle.

Die Muslimbrüder lobten die Standfestigkeit des ägyptischen Volkes, mit der diese Konzessionen errungen worden seien. Zufrieden sind sie vor allem damit, dass die Wahlen wie geplant am kommenden Montag beginnen sollen. Die Islamisten können mit einem guten Abschneiden rechnen. Ihre Kandidaten führen ihre Kampagne mit großem Einsatz weiter. Andere, insbesondere Vertreter liberaler Parteien, sind unentschlossen und warten ab. Der umstrittene Katalog von Prinzipien, die über der Verfassung stehen und dem Militär auch in Zukunft Sondervollmachten eingeräumt hätten, scheint vom Tisch. Damit ist eine Hauptforderung vieler Ägypter erfüllt.

Schweigende Mehrheit

Die vorherrschenden Gefühle in der Bevölkerung am Tag nach Tantawis Rede waren Verwirrung und Unsicherheit. Niemand wagte eine Prognose darüber, wie es weitergeht. Die größte Partei in Ägypten ist ohnehin die "Sofa-Partei", die schweigende Mehrheit. Von ihr darf angenommen werden, dass sie sich mit den Versprechen der Generäle vorerst zufrieden gibt und vor allem auf Ruhe und Stabilität hofft und darauf, dass ihr Alltag in geordneten Bahnen verläuft und die Wirtschaft möglichst keine weiteren Schäden erleidet. Diese Orientierungslosigkeit zeigte sich auch an der Börse in Kairo, die bei Handelsbeginn einen Einbruch verzeichnete, den sie bis zum Schluss ausgleichen und sogar einen ordentlichen Gewinn verzeichnen konnte. (DER STANDARD Printausgabe, 24.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2
istmirnichtmehrschnuppe
00
24.11.2011, 06:31
die Rede Tantawis

klingt doch ganz vernünftig? die Ägypter kennen diese Art Reden seit Jahrzehnten und lesen zw. den Zeilen. 1. völlige Ausblendung der eigenen Verantwortung, vor allem an den Toten und Verletzten, die "bedauert" werden
2. Lügen: die Armee verwendet kein Tränengas od. exzessive Gewalt gegen das Volk - nicht ganz gelogen, ist ja auch die Polizei, die der scaf direkt unterstehen, die Protestanten möchten die Wahlen verhindern, der Zeitplan würde aber eingehalten werden (bisher gab es nur eine Reihenfolge, keinen zeitl. Rahmen, Präsidentscaftswahlen nicht vor Anf. 2013, also durchaus auch danach möglich! )
4. Zeit schinden, Vorschlag eines in den Sternen stehenden Rerferundums, inzwischen mit aller Gewalt versuchen, die Demos "aufzulösen"

istmirnichtmehrschnuppe
01
24.11.2011, 06:17
der "geregelte" Alltag

1. keine Polizei in der Öffentlichkeit, geschweige denn, im Dienst, die Sicherheitskräfte unterstehen immer noch dem Ex-Innenminister El Adly, der aus dem Gefängnis heraus eigenhändig unterschriebene Drohbriefe und Telefonate führt. Anzeigen werden keine entgegengenommen, Unfälle, Diebstahl, Raubmord... "lass dir doch von denen von der Revolution helfen", Standard Antwort auf der Wache.
2. Die führenden Köpfe der Revolutionsgruppen werden allmählich aus irgendwelchen Gründen verhaftet und schlecht gemacht
3. die Medien sind unter Kontrolle wie eh und je
4. die AmnelDawla, Nationale Sicherheit arbeitet wie zuvor mit Einschüchterung, Drohung, Haft, Folter, usw.
5. die eingesezte Regierung Sharafs hatte keine Befugnisse, selber etwas zu ändern

istmirnichtmehrschnuppe
01
24.11.2011, 06:10
Ignoranz und Arroganz

Manche tun gerade so, als ob die Ägypter lieber im Chaos leben oder entstehende Demoktratie zu Gunsten des plakativen Islamismus im Keim ersticken möchten. Die Scaf haben die Verantwortung übernommen nach der Entmachtung Mubaraks als Management - nicht Regierung f. max 6 Monate, bis ein ziviler Übergangsrat bis zu den Wahlen regieren sollte. Das Volk willigte ein, verändert hat sich nichts seither zum Positiven, also möchte das Volk einen echten Zeitplan f. eine Machtübergabe an einen zivilen Übergangsrat (zusammengesetzt aus mehreren Persönlichkeiten d. öffentl. Lebens, auf die sich alle einigen können, auch 1-2 aus dem Militär), die Scaf wurden nicht gewählt, und können auch nicht durch ein Referendum abgewählt werden.

how to hide from something you have found?
00
24.11.2011, 01:48

/care

Denksportler
13
24.11.2011, 01:13
Anstatt minutiös mit den Entwicklungen eines eigentlichen Randthemas overnewsed zu werden ...

... würde ich mir mehr Platz für jene Themen wünschen, die mich stärker betreffen. Brüssel etwa. Welche Segnungen für mich planen dort Lobbyisten und Beamte gerade. Ganz elementare Bereiche, wie etwa Nahrungsmittel (Gen-Food), Licht (Quecksilber"spar"lampen), Stromversorung (Smartmeter) etc. Alles urelementarste Lebensbereiche über deren Regelung wir praktisch nichts erfahren. Erst, wenn alles fertig ausverhandelt und angeblich völlig unveränderbar ist. Ich wünsche mir die bei Sonntagsreden in intellektuellen Zirkeln so oft beschworene Europäische Öffentlichkeit. Und würde dafür nötigenfalls sogar auf die täglichen Tahrirplatzberichte verzichten.

vox dei !
59
23.11.2011, 22:09
Die Muslimbrüder werden ein wahres Terrorregime - wie im Iran errichten

und die "demokratischen Kräfte" werden sich Mubaraks goldene Zeiten zurück wünschen!

vox dei !
00
25.11.2011, 12:23
Die Stimme Gottes

sagt das!

rosa parks
00
23.11.2011, 23:04
sagt vox dei?

Londo Mollari
 
61
23.11.2011, 22:06
lieber redakteur

da gehen 100.000 unter lebensgefahr auf die strasse und Du redest von der sofa partei. das stimmt mich traurig.

WiKaBot
02
23.11.2011, 20:19
UN beabsichtigt arabischen Frühling für gescheitert zu erklären …

… also was wollen wir denn jetzt hier ernst nehmen? Erst heizt man den arabischen Frühling ein, dann zeichnen sich ganz andere Ergebnisse ab als man sie gerne hätte. Gestorben wird weiter, offenbar für mehr Gottesstaat als für eine Demokratie nach westlichem Vorbild. Der Militärrat verteidigt westliche Werte mit amerikanischem Tränengas, dann muss der doch gut sein?

Also doch lieber wieder einen Despoten? Dann sind wenigstens die Waffenlieferungen gesichert und die Geschäfte können laufen. Ja und dann platzt da noch die Sexbombe und der Frühling ist hin, ich bin ratlos?

Entscheidet sich das Schicksal Ägyptens mit dieser Sexbombe?

http://qpress.de/2011/11/2... -erklaren/

Ahmed Ibrahim
03
23.11.2011, 21:02
Gottesstaat?!

wir verstehen diesen Begriff nicht und wollen auch nicht verstehen. Wir verstehen nur dass wir für unsere Freihet kämpfen müssen.

Wir wollen auch keine Idolen, weder Theologen, Poltitiker, westl. Demokratie noch ostl. Sozialismus.
wir werden uns nach unserer Denkweise verwalten, organisieren und regieren

smeexseus ...
 
02
23.11.2011, 23:30

nicht "wir" , du willst das wobei du natürlich nicht alleine bist mit dem wunsch aber in der mehrheit seit ihr nicht denn die mehrheit will die muslimbrüder , leider!

WiKaBot
00
23.11.2011, 21:46
Hört sich gut an …

… gibt es denn da auch schon konkretere Vorstellungen? Sollten wir hier eigentlich auch so halten, aber wir sind gezwungen uns mit der indirekten Demokratie abzufinden und schliddern gerade in eine EU-Diktatur, bislang können wir noch alle 4 Jahre zwischen dem Teufel und dem Beelzebub wählen, was wir übrigens als völligen Fortschritt feiern, denn in früheren Zeiten hatten wir nur den Teufel … (*g*)

Generell bin ich schon der Auffassung, dass jedes Volk nach seiner eigenen Façon glücklich werden sollte, ohne die Einmischung von außen … auch wenn dabei manch schmerzhafte Entwicklung zu beobachten sein wird. Ich wünsche in diesem Zusammenhang allen Ägyptern von - ganzem Herzen - maximale Freiheit bei minimalster Intervention von außen …

party and terror
02
23.11.2011, 20:07
bei mubarak kamen die kameltreiber,

beim militärrat nervengas zum einsatz ... es gibt kein zurück mehr für den militärrat. rücktritt, präsidentenwahl, verantwortung vor einem ordentlichen gericht. bei einer parlamentswahl müssen sich die muslimbrüder und die icg dann behaupten..

Seria
02
23.11.2011, 19:50

nach der Spaltung kommt die Vereinigung durch die dann demokrat gewählten Fundamentalisten, die in der Folge die Demokratie wieder abschaffen. Dann wird es heissen: " wie schön war es doch mit Hosni ...."

wings
00
23.11.2011, 20:43
Das hatten wir ja auch schon mal, dass demokratisch gewählte Ungustln

die Demokratie abgeschafft haben.....

NONE
22
23.11.2011, 20:16

Das ist immer das Risiko. Die Entmachtung von Mubarak war ja auch erst der erste Schritt.

Der nächste ist die Entmachtung Tantawis, und danach die Entmachtung der Muslimbrüder, denn letztere sind Verräter an der Sache.

wings
01
23.11.2011, 20:44
Herzliche Gratulation zu Ihrem (etwas naiven) Optimismus!

woifee 0.0
01
23.11.2011, 21:20

Eine Revolution ist ein langwieriger Prozess. Die Feinde der Demokratie kommen nach und nach an die Macht und müssen nach und nach entsorgt werden. Auch hier wird vermutlich die Revolution ihre Kinder fressen.

Parzelle
81
23.11.2011, 19:26
Ok........

wenn der Militärrat weg ist-werden die Protestierer dann arbeiten gehen?

adabei1001
01
24.11.2011, 06:28

gratulation! ein jahr freier eintritt im elitären club der ignorantesten standard-poster. da hat echt nicht jeder zutritt und es ist ur-super drin!

asinus
13
23.11.2011, 19:41

Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt? Die Ägypter haben mit hohem Blutzoll einen Diktator gestürzt, und jetzt ergeht es ihnen ähnlich - sie sind um die Früchte ihres Protestes gebracht worden. 36 Tote!!!

Parzelle
30
23.11.2011, 21:09
Die Frage ist......

wann gehen Sie wieder arbeiten? mit Protesten wird keine Wirtschaft aufgebaut

Onkel Gans
01
24.11.2011, 00:42

ganz wichtige frage. fast so wichtig wie: wann wollen Sie sich endlich bilden?

wäre an der zeit. weniger internet, mehr bildung

Kowosch
 
01
23.11.2011, 21:56

Und unter einer korrupten Regierung arbeiten viele für den wirtschaftlichen Erfolg weniger.

Verkürzt und plakativ formuliert. Aber mehr verdiente Ihr Posting auch nicht.

Höchstens noch: Es gibt sogar goldene Käfige - und nicht jeder verzichtet gerne auf seine Menschenrechte, inkl. Meinungsfreiheit. Mag Ihnen fremd sein.

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