Topdiplomat Hussain Haqqani in den USA über mysteriöse Affäre gestolpert
Washington/Islamabad - Sie gilt als eine der mutigsten Frauen Pakistans,
als Kämpferin für Demokratie und als Feindin der Fundamentalisten: Nun
hat Islamabad die liberale Politikerin Sherry Rehman überraschend zur
US-Botschafterin gemacht - damit repräsentieren zwei Frauen das Land,
denn seit Juli ist Hina Rabbani Khar Außenministerin.
Analysten halten Rehmans Wahl für einen Schachzug, um Pakistans
Interessen mehr Gehör zu verschaffen, denn das Verhältnis zwischen
Islamabad und Washington ist seit Monaten angespannt.
Die 50-jährige frühere Informationsministerin folgt Hussain Haqqani, der
am Dienstag den Hut nehmen musste. Er stolperte über eine "Memo-Gate"
genannte Affäre, die den Graben zwischen Pakistans mächtigem Militär und
der Zivilregierung von Präsident Asif Ali Zardari gefährlich offenlegte.
Depesche an US-Militär
Im Zentrum steht der US-pakistanische Geschäftsmann Mansoor Ijaz. Er
behauptet, Haqqani habe ihn beauftragt, im Namen von Zardari ein
anonymes Memo an US-Generalstabschef Mike Mullen zu übergeben. Darin
werden die USA um Hilfe gebeten, einen drohenden Armeeputsch in Pakistan
zu verhindern und die Macht der Generäle zu beschneiden. Das war am 10.
Mai, kurz nachdem US-Truppen Osama Bin Laden in Abbottabad töteten und
Pakistans Militär blamiert dastand.
Mullen fand die Notiz nach eigenen Worten unglaubwürdig, doch Ijaz
schrieb am 10. Oktober in einer Zeitung über die Notiz. Das Militär war
außer sich über Haqqanis angeblichen Verrat.
Haqqani bestreitet vehement, etwas mit der Depesche zu tun zu haben,
doch am Dienstag musste er zurücktreten - "aber nicht wegen der Notiz.
Hier geht es um Größeres", deutete er an.
Beobachter spekulieren, dass das Memo fingiert war, um Haqqani
abzusägen. Er gilt als Gewährsmann von Zardari und als Kritiker des
Militärs. Umso mehr überraschte, dass nun Rehman, gleichfalls eine
Zardari-Vertraute, die Nachfolge antritt. Aber sie kommt offenbar auch
ganz gut mit den Militärs zurecht: Rehmans Jinnah Institut publizierte
kürzlich einen Bericht über Afghanistan - die Ansichten ähnelten denen
der Generäle. (Christine Möllhoff, DER STANDARD-Printausgabe, 24.11.2011)