Die Giftbrühe neben dem Postkartendorf

24. November 2011, 06:15
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Die USA brauchen Gas, aber die Art, wie es gewonnen wird, macht Anrainern das Leben schwer

Schiefergas werde die USA von der Energieabhängigkeit befreien, werben die Konzerne. Doch die Methode des "Fracking" , mit der das Gas in Pennsylvania aus dem Gestein gelöst wird, verursacht massive Umweltschäden.

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Knorrige Eichen, ein winziges Dorfpostamt, ein alter Friedhof mit weißen, verwitterten Grabsteinen im Gras: Hickory ist ein Postkartendorf. Weiter hinten im Tal liegt ein stiller Stausee. Auf sanft gewellten Hügeln, Ausläufern des Appalachengebirges südwestlich von Pittsburgh, weiden schwarzgefleckte Kühe. Ein Apfelfest im Oktober ist der Höhepunkt des Jahres. Es gibt nicht viel, was einen ablenken könnte in Hickory.

Das war es, was Eric Belcastro suchte: ländliche Abgeschiedenheit. Belcastro ist Anfang dreißig; mit Rollkragenpulli und Holzfällerhemd, Vollbart und Zopf erinnert er an einen "Occupy Wall-Street" -Besetzer. In Wahrheit ist er Mathematiker und studiert Biophysik. Belcastro schätzte die Ruhe, wollte ungestört nachdenken können in seinem Haus an der Waterdam Road. 

Niemanden kümmerte es

Jetzt aber braucht er nur über den nächsten Hügel zu fahren, um mitten im Industrielärm zu stehen. Kompressoren rattern, Lastwagen holpern über Schotterwege. Durch herbstkahle Baumwipfel fällt der Blick auf Gasfackeln, über die Weiden ziehen sich Gräben, in die eine Pipeline gelegt wird. Ein paar Kilometer weiter dröhnt der ohrenbetäubende Krach einer Fracking-Anlage. Ein paar Dutzend Tankwagen mit Wasser und Chemikalien parken so, dass sie ein fußballfeldgroßes Rechteck bilden. Dazwischen ein Gewirr aus Rohren und Ventilen.

Beim Fracking, abgeleitet von "hydraulic fracturing" , wird mit Hochdruck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst, pro Bohrloch rund 15 Millionen Liter Wasser. Es treibt die Gesteinsschichten auseinander, sodass das eingeschlossene Erdgas freigesetzt wird und nach oben strömt, Gas, um das sich niemand gekümmert hatte, bis der Texaner George Mitchell in den Achtzigern die Fracking-Methode entwickelte.

Die Marcellus-Formation

Eine Methode, die jetzt Pennsylvania bewegt. Quer durch den Bundesstaat, von New York im Nordosten bis nach Ohio und West Virginia im Südwesten, zieht sich die Gesteinsformation des Marcellus Shale, knapp 400 Millionen Jahre alt und annähernd so groß wie Großbritannien. Experten sprechen vom zweitgrößten Erdgasfeld der Erde und vergleichen Pennsylvania bereits mit Katar und Saudi-Arabien.

"Das ist unsere Chance" , frohlockt T. Boone Pickens, ein milliardenschwerer Energieunternehmer aus Oklahoma. "Es grenzt an göttliche Intervention, dass wir den Schatz gerade jetzt heben können." Schiefergas, werben Konzerne wie EnCana oder Range Resources, werde Amerika aus der Abhängigkeit von nahöstlichen Scheichs befreien.

Eric Belcastro wusste anfangs nicht recht, was er von alledem halten sollte. "Vor- und Nachteile schienen sich die Waage zu halten" , erinnert er sich. Vor drei Jahren, als die USA in die Rezession schlitterten, schien der beginnende Erdgasboom in Hickory ein Rettungsanker zu sein. Arbeitslose Nachbarn fanden sich an den Lenkrädern achtzehnrädriger Lkw-Monster wieder. Aber dann verendeten die Hofhunde eines Bauern, nachdem sie verseuchtes Wasser geschlürft hatten. Dann starben Kühe. Heute zählt Belcastro zu den härtesten Kritikern des Schiefergasrausches: "Wir spielen Vabanque mit der Natur" .

Zu zehn bis 40 Prozent fließt die nach unten gepumpte Wasser- und Chemielauge zurück an die Oberfläche. Dort sammelt man sie in künstlichen Teichen, wo sie verdunstet oder zu Kläranlagen transportiert wird. Eine salzige, stinkende Brühe, die oft Krebserreger wie Benzol und radioaktive Elemente aus der Tiefe enthält. Allein bei Hickory gelangte das giftige Fracking-Wasser binnen zweier Jahre viermal in Waldbäche und löste ein Fischsterben aus. "Und was wird aus der Giftlauge, die unter der Erde verbleibt?" , fragt sich Thomas Jiunta, ein umweltbewegter Orthopäde.

Explosion im Brunnen

In Dimock, einem kleinen Kaff in den idyllischen Pocono Mountains, explodierte hinterm Haus von Norma Fiorentina ein Brunnen, dessen Wasser sich mit Gas vermischt hatte. Cabot Oil & Gas, eine Firma aus Houston, hatte bei den Betonarbeiten am Bohrloch geschludert. Ron und Jean Carter mussten ihr Anwesen verlassen, weil alarmierend hohe Methanwerte gemessen wurden. Jiunta gründete daraufhin eine Bürgerinitiative, die "Gas Drilling Awareness Coalition" .

Chip Northrup ist ein blonder, hemdsärmeliger Texaner. 30 Jahre lang war er Ölingenieur. Beim Fracking, wendet er ein, gebe es einfach zu viele Unbekannte, allein wegen der Geologie. Wer wisse schon genau, wohin das Gas ströme, wenn man altes, hartes Gestein mit Brachialgewalt aufbreche? Niemand könne garantieren, dass es sich nicht einen Weg ins Grundwasser suche.

Die Laborantin Sarah Scholl und der Grundschullehrer Aaaron Booz haben in Whitehall, einem hübschen Vorort in den Hügeln über Pittsburgh, eine Umweltgruppe aus der Taufe gehoben. SHAADD, South Hills Area Against Dangerous Drilling. Auslöser war ein Vorstoß des lokalen Country-Clubs mit seinen gepflegten Golfwiesen. Insgeheim verpachtete er Teile seines Geländes an die Gasindustrie. Falls auch dort gebohrt wird, dann inmitten von Wohnvierteln.

Wer die Gaskonzerne auf sein Land lässt, kassiert vorab bis zu 5000 Dollar pro Acre (rund viertausend Quadratmeter) und später, im Erfolgsfall, zwölf Prozent des Fördererlöses. Es gibt viele, die der Verlockung des Geldes erliegen. Booz, den Lehrer, erinnert es an einen Goldrausch, an die plötzliche Euphorie, der später ein Katzenjammer folgt. (Frank Herrmann, DER STANDARD Printausgabe, 24.11.2011)

  • Die Fracking-Anlage bei Hickory: Hier wird das Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Tiefe gepumpt
    foto: standard/herrmann

    Die Fracking-Anlage bei Hickory: Hier wird das Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Tiefe gepumpt

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