Die Strategie des Durchwurstelns

Presseschau24. November 2011, 08:10
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Die europäischen Kulturzeitschriften analysieren Deutschlands widersprüchliche Haltung gegenüber Europa, fordern die Einführung der "Ich-GmbH" und geben sich urbanen Vergnügungen hin

Die außerordentliche Eigentümlichkeit des heutigen Deutschland

Sieht Deutschland seine Zukunft noch in Europa? In einem Interview mit der französischen Zeitschrift Esprit stellt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller die Widersprüche in Deutschlands Haltung gegenüber Europa dar: Während den heutigen deutschen Politikern die europäischen Überzeugungen ihrer Vorgänger fehlen und sie hauptsächlich versuchen, bestehende Vorteile zu erhalten, könnten die Rufe nach einer streitbareren europäischen Rolle an Attraktivität gewinnen - vor allem, nachdem die aktuelle Strategie des Durchwurstelns weder die Deutschen noch andere Europäer wirklich glücklich macht.

Denn während die deutsche Mehrheit den Anti-Keynesianismus, den sie als Teil des deutschen Erfolgsrezepts betrachtet, wohl nicht aufgeben möchte, eröffne ein tief verwurzelter "konstitutioneller Patriotismus" die Möglichkeit einer Europäisierung des deutschen Grundgesetzes. Und dann, meint Müller, sei da noch die "außerordentliche Eigentümlichkeit" des heutigen Deutschland: Ein Nebeneinander von einander ausschließenden Konzepten, "eine echte Disjunktion, zwischen einer neoliberalen Wirtschaft, einem zunehmend linksgerichteten Parteienspektrum und schließlich der veröffentlichten - nicht der öffentlichen - Meinung, die sehr viel stärker nach rechts ausschlägt als in der alten Bundesrepublik. Eine sehr seltsame Kombination, die aber kein wirklich struktureller Widerspruch ist."

Lebe lieber nicht gefährlich

"Lebe wild und gefährlich" - das war einmal. In der heutigen krisengeschüttelten Welt ist Sicherheit kein exklusiv konservatives Leitmotiv mehr: "Was geschieht eigentlich unter dem neuen Sicherheits-Dispositiv mit unseren Wünschen nach Selbstbestimmung und Emanzipation?", fragen die Redakteure der deutschen Zeitschrift polar:

Der Begriff "Ich-AG" wurde 2002 von den Autoren des Hartz II- Gesetzespakets in Deutschland eingeführt, eine Regelung, die Arbeitslosen den Einstieg in die Selbstständigkeit erleichtern sollte - und die mittlerweile weitgehend wieder abgeschafft wurde. Thomas Biebricher und Frieder Vogelmann nehmen den Imperativ "Handle unternehmerisch!" wirklich ernst, und fordern, dass Einzelpersonen, die als Unternehmen funktionieren sollen, wenigstens auch von denselben Absicherungen profitieren sollten wie Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Sie schlagen eine "Ich GmbH" nach dänischem Vorbild vor: "Hier werden Arbeitnehmer_innen zu risikoreichen Humankapitalinvestitionen und allgemeiner Produktivität gerade mit dem Verweis ermuntert, dass sie im Falle des Verlustes des Arbeitsplatzes - was in Dänemark leicht möglich ist - eben nicht mit Bestrafung sondern mit generösen Transferleistungen (finanziell, aber auch in Form von Fortbildungen oder Umschulungen) über lange Zeithorizonte hinweg rechnen können."

Urbane Vergnügungen

Die Wiener Zeitschrift für Stadtforschung dérive widmet ihre aktuelle Ausgabe "urbanen Vergnügungen": "Räumlich fixiertes urbanes Vergnügen (Freizeitpark, Vergnügungspark, Amusementpark, Lunapark) ist schon immer als Gegenwelt zum urbanen Alltag beschrieben worden und ist doch ein immanenter Teil desselben", schreibt dérive-Redakteur Erik Meinharter.

Historisch gesehen sind viele dieser Parks wie Coney Island in New York City, Tivoli in Kopenhagen oder der Wiener Prater aus öffentlichen Freizeitarealen entstanden, die aufgrund ihrer Regellosigkeit zum Vergnügungsviertel umgebaut wurden, um die überlaufenen Areale in geregelte Bahnen zu lenken, schreibt Meinharter: "Hier zeigt sich die Verwendung von inszenierten Vergnügungen als Mechanismus hoheitlicher Regelungen. Es wird also ein Ventil geschaffen, das Ordnung durch Ablenkung herstellt." (derStandard.at, 24.11.2011)

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