Geliehene Individualität

29. November 2011, 15:25
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Verein für Kunst als organisierte Form der Freizeit - Interview mit den Betreibern der "Zentrale" David Eisl und David Roth

Mitternacht in der Schleifmühlgasse. Das Café Anzengruber ist wie gewohnt randvoll. Ich bin dort mit David Eisl und David Roth für ein Interview verabredet, auf deren gemeinsames Kunstprojekt ich kürzlich aufmerksam geworden bin: dieZentrale mit Sitz in der Stuwerstraße 32/1 (2. Bezirk), im berühmt berüchtigten Stuwerviertel. Sie bezeichnen es selbst als "Verein für Kunst als organisierte Form der Freizeit". Am 6. Dezember wird sie mit einer Ausstellung von David Roth eröffnet. Was es damit auf sich hat, wollte ich nun von den beiden jungen Künstlern selbst wissen.

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derStandard.at: Worum handelt es sich denn nun eigentlich bei der Zentrale?

David Roth: Ein Fixpunkt ist, dass wir uns zwischen sieben und sechzehn Uhr in der Zentrale aufhalten.

derStandard.at: Wer oder was verpflichtet euch dazu?

David Eisl: Na ja... der FRANZ will das so haben.

derStandard.at: Franz?

Eisl: Ja, der FRANZ.... er gibt uns keine wirklichen Vorgaben, eine Struktur in der Arbeit muss aber sein. Der FRANZ will, dass wir in der Früh lüften und den Müll hinaustragen. Die Zentrale hat auch einen kleinen Garten, den wir bestellen und pflegen. Wenn wir etwas produzieren, stellen wir es ins Lager.

Roth: Das tägliche Ordnen und Neuorganisieren des Lagers stellt eine weitere Hauptaufgabe für uns in der Zentrale dar. Es geht darum die Zeit qualitativ zu nutzen. Damit wir mit einem guten Gefühl den Raum um sechzehn Uhr verlassen können.

derStandard.at: Wer ist Franz? Ist Franz wirklich eine reale Person? Oder ein frei erfundenes Konstrukt?

Eisl: FRANZ ist ein self-made man. Er ist ein Einzelgänger, obwohl er den Umgang mit der Gesellschaft beherrscht wie kein anderer. Ich würde sagen, er ist ein moderner Great Gatsby, eine Mischung aus Peter Rapp und Robert Redford.

Roth: FRANZ ist ein Mensch, der in jedem Beruf und in jeder Branche erfolgreich sein könnte. Einem solchen Menschen als Lakaie dienen zu dürfen, gleicht der Erfahrung absoluter Schönheit.

derStandard.at: Geht es etwas präziser?

Eisl: FRANZ hat eine Vision, wir wissen aber nicht welche Rolle er uns in dieser Vision zugedacht hat. FRANZ ist nicht nur eine lebende Person, sondern auch ein Gütesiegel. Deswegen schreibt man ihn auch groß, so wie AMA.

Roth: Das Angenehme am Arbeiten in der Zentrale ist, dass FRANZ uns die Angst vor unserem eigenen Talent nimmt, indem er für uns entscheidet, was richtig und was gut ist. Wir produzieren - was dabei rauskommt, ist sekundär. Es ist nicht wichtig, welche Materialien wir verwenden. Oder welche Medien wir für unsere Arbeit nutzen. Wir können eigentlich nichts falsch machen. 

derStandard.at: Das klingt ja fast zu schön um wahr zu sein.

Eisl: Er hat uns das gegeben, was heutzutage fast nicht mehr möglich ist: Wir können ohne Angst arbeiten. Wir koppeln uns ab vom Druck der modernen Arbeitswelt. FRANZ kennt keine Inflation.

derStandard.at: Könnt ihr von eurer Arbeit leben?

Roth: Ein Gulasch im Anzengruber geht sich aus.

derStandard.at: In welcher Beziehung steht ihr zu Franz?

Eisl: Wir sind die Verlängerung seiner rechten und seiner linken Gehirnhälfte. Ein lobendes Wort von FRANZ bedeutet mehr als jeder Kunstpreis.

derStandard.at: Warum "die Zentrale"?

Eisl: Die Zentrale ist unser Lebensmittelpunkt.

derStandard.at: Ihr arbeitet von sieben bis 16 Uhr. Soll das heißen, ihr führt in der Zentrale die Tradition der österreichischen Beamtenmentalität fort?

Roth: Das ist für uns die einzige Möglichkeit kreativ zu sein.

derStandard.at: Könnt ihr nur gemeinsam existieren?

Eisl: Wir kennen uns aus der Studienzeit an der Akademie der bildenden Künste. Es ist eine Zweckgemeinschaft.

Roth: Es wird nicht viel geredet und nicht viel gefragt. Wir halten uns an einen strikten Ehrenkodex: Man stört den anderen nicht, wenn er bei der Arbeit ist. FRANZ sind die Umgangsformen sehr wichtig. Er kontrolliert einmal pro Woche, ob wir uns rasiert haben. Er achtet sehr auf Körperhygiene. Wenn wir nicht gut riechen, kann er sehr ungehalten werden. (Florian Vetter, derStandard.at, 29. November 2011)

dieZentrale | Verein für Kunst als organisierte Form der Freizeit
Stuwerstraße 32/1, 1020 Wien
www.diezentrale.com

Ausstellungsankündigung für dieZentrale

David Roth:
"Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte"
06/12/2011 von 19:00 - 22:00

Ende Jänner folgt eine Arbeitspräsentation von David Eisl

  • FRANZ.
    foto: diezentrale 2011

    FRANZ.

  • Die Lakaien von FRANZ bei einem performativen Akt, während eines AMS - Kurses.

  • Aktuelle Arbeit von David Roth mit dem Bildtitel: "Für die Farbe gilt die Unschuldsvermutung" (auf dem Zettel neben der Leinwand steht mit Schreibmaschinenschrift geschrieben: "Farbtrend Frühjahr 1938")
    foto: david roth/2011

    Aktuelle Arbeit von David Roth mit dem Bildtitel: "Für die Farbe gilt die Unschuldsvermutung" (auf dem Zettel neben der Leinwand steht mit Schreibmaschinenschrift geschrieben: "Farbtrend Frühjahr 1938")

  • David Eisl: Garantierte Gewinnchance, 2010

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