Deutschland

Verpatzte Auktion, steigende Renditen

23. November 2011, 18:19

Eine gescheiterte Anleihenauktion in Deutschland hat für erneute Unruhe am Markt gesorgt

Eine gescheiterte Anleihenauktion in Deutschland hat für erneute Unruhe am Markt gesorgt. Die Renditen für Österreich und Belgien stiegen erneut an, im Bankensektor wächst das gegenseitige Misstrauen.

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Wien - Jetzt also auch noch Deutschland. Die Bundesrepublik bekommt die Turbulenzen in der Eurozone zu spüren. Eine Anleihenauktion der Finanzagentur, die Deutschlands Kreditaufnahme managt, ist am Mittwoch spektakulär gescheitert. Die Agentur wollte Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren im Volumen von sechs Milliarden Euro verkaufen. Tatsächlich los wurde sie Papiere im Wert von 3,9 Milliarden.

Den meisten Investoren waren die von der Finanzagentur gebotenen Zinsen zu niedrig. Das hängt direkt mit der Eurokrise zusammen: Da Deutschland als einer der letzten sicheren Häfen in Europa gilt, sind die Renditen für deutsche Anleihen zuletzt zurückgegangen. Die Renditen liegen unter der Inflationsrate, dass heißt, aus heutiger Sicht ist der Kauf der Papiere ein Verlustgeschäft.

Die Reaktion auf den gescheiterten Verkauf, war unterschiedlich: Während einige deutsche Zeitungen Horrorschlagzeilen bastelten und die Nachrichtenagentur Reuters Analysten mit den Worten "das ist ein Desaster" zitierte, beruhigte die Finanzagentur. "Auktionen scheitern immer wieder wegen mangelnder Nachfrage", meinte Jörg Müller, Sprecher der Finanzagentur, im Standard-Gespräch. Allein 2011 sei das schon die neunte Auktion gewesen, die unterzeichnet war.

Der Hintergrund: Die Preise bei Anleihenverkäufen werden aus dem Durchschnittswert der Gebote gebildet. Anleger können Gebote mit einer Kursrendite abgeben (also der effektiven Verzinsung, die sie über die Laufzeit erwarten), oder ein offenes Gebot legen, bei dem sie die Durchschnittsrendite akzeptieren. Bei der Auktion am Mittwoch haben zu wenige Investoren eine Zuteilung zum Durchschnittspreis gewünscht und die Finanzagentur sah keine Veranlassung, schlechtere Gebote zu akzeptieren. "Deutschland verfüge über genügend Reserven", meint Müller dazu.

Als Reaktion auf den geplatzten Verkauf stieg die Rendite auf zehnjährige deutsche Papiere am Sekundärmarkt von 1,92 auf 2,12 Prozent an. Der Anstieg am Sekundärmarkt, wo bereits verkaufte Papiere gehandelt werden, spiegelte die schwächere Nachfrage nach deutschen Papieren wider.

Auch mehrere andere Staaten kamen unter Druck: Für belgische Papiere wurde ein neuer Höchstwert bei Renditen (5,513 Prozent) erreicht. Italien näherte sich der 7-Prozent-Marke an. Auch österreichische Staatspapiere verzeichneten einen Aufwärtstrend. Die Zinsen lagen bei 3, 715 Prozent.

Weiter nervös macht die Eurokrise Aufseher und Investoren in den USA. Die US-Notenbank Fed hat angekündigt, die sechs größten Banken einem verschärften Stresstest zu unterziehen, bei dem eine weitere Eskalation der Eurokrise einberechnet wird. Bis Anfang Jänner müssen die Banken, darunter Bank of America und Citigroup, die Unterlagen einreichen. Wichtige US-Investoren haben ihr Europarisiko bereits kräftig zurückgefahren. Die zehn größten US-Geldmarktfonds haben allein in den vergangenen sechs Wochen ihre Kredite an Eurobanken um 14,8 Mrd. Euro gekürzt. (szi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 46
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karin288
00
23.11.2011, 19:51
zinsen unter der inflationsrate sind also eine zumutung?

was sagen denn da die sparbuchbesitzer, da liegen die zinsen noch weit niedriger. oder all die arbeitnehmerInnen, die häufig unter der inflationsrate abgespeist werden.
da fällt mir doch ein lied des gestern verstorbenenen georg kreisler ein: http://www.youtube.com/watch?v=fkaYbUcqFU8

Easy Rawlins
00
24.11.2011, 10:57

Für den Sparbuchsparer gilt genau das gleiche wie für die Anleihezeichner im Artikel. Wenn man mit der Verzinsung nicht zufrieden ist, braucht man auch nicht in das niedrigverzinste Produkt (mit niedrigem Risiko) investieren. Es gibt genug potenzielle Investments mit höherer Rendite, aber natürlich auch höheren Risken. Die Abwägung der beiden Faktoren bleibt dem einzelnen Kunden überlassen.

i-tüpfelchen-reiter
00
23.11.2011, 17:54
ein gutes drittel

ist bei fast 40 % aber ein wenig untertrieben

aber das ergebnis wundert mich nicht wirklich:

wieso sollte ich mir anleihen mit 2 % verzinsung kaufen, wenn ich in anderen eu-ländern ein vielfaches davon bekomme - und diese anleihen eh auch von den deutschen gestützt und abegsichert werden?

W s
20
23.11.2011, 17:36
Blamiert sind alle jene,

die in den letzten Monaten Deutschland und andere Länder in oft rüdem Ton zu mehr „Solidarität“, also zu noch leichtfertigerer Schuldenaufnahme aufgefordert haben. Fast sämtliche Linkspolitiker und Kommentatoren Europas müssten daher eigentlich ab jetzt für immer schweigen. Selbst die Deutschen sind nämlich seit langem nur relativ besser dagestanden als andere Länder, von gut war aber auch dort keine Rede.

so so ....
10
23.11.2011, 18:41

Keiner redet vom reichsten Land der Welt, und schon gar nicht vom Land der Fleissigen im Gegensatz zu "Schuldensündern".

Der Markt richtet jetzt auch über D und das ist gut so, dann werden sich die Dogmatiker und Chauvis dort bewegen, ich freue mich darauf.

Marcus Maccabaeus
10
23.11.2011, 17:31
Bitte wer soll Anleihen mit 2% Rendite zeichnen?

Zieht man davon Zinsertragssteuer und Depotgebühr ab, bleiben netto nicht viel mehr als 1%!
Subventionieren Großanlager den Staat?????

W s
42
23.11.2011, 17:43
Falsch! Richtig ist leider: Nicht einmal Deutschland kriegt seine Staatsanleihen mehr los!

Und blamiert haben sich somit alle jene Politiker, die in den letzten Jahren trotz einer steigenden Staatsverschuldung auch nur einmal gesagt haben: „Aber das muss das . . .reichste Land der Welt sich doch leisten können“, oder: „Der Molterer soll nicht so auf seinem Geld sitzen“, oder: „Der Grasser mit seinem Nulldefizitfimmel“, oder: „Schüssels soziale Kälte“, oder: „Zuerst brauchen wir Wachstum, dann können wir später sparen“ usw. Und blamiert ist auch jeder einzelne Abgeordnete, der in den letzten Jahren Gesetzesentwürfen mit Mehrausgaben zugestimmt hat. Also primär die Abgeordneten der Regierungsparteien, aber oft genug auch die der Opposition, die auch immer besonders laut weitere Ausgaben gefordert haben.

Bürger Europas
22
23.11.2011, 16:48
Für mich ein Zeichen, dass die Märkte funktionieren.

Man kann schliesslich nicht die Verzinsung nach Belieben runterschrauben, ohne dass es Auswirkungen auf die Nachfrage hat.

Aber irgendjemand braucht da wohl mal wieder Schreckensnachrichten...

Ggg14
10
23.11.2011, 16:45

Ob jetzt gefinkelt geplant oder auch nicht. Jedenfalls ist das ein guter Moment, jetzt einmal vom Finanziellen her. Alle anderen zahlen extrem hohe Zinsen, Deutschland kriegt keine Geld mehr, weil es zu viele für sicher halten. Klare win-win-Situation.

Politisch ist es natürlich eine andere Frage.

O5
21
23.11.2011, 16:43

Der Markt ist nicht "kaputt" sondern er funktioniert, so wie jeder Wertpapiermarkt, perfekt.

Die Anleger wollen im Moment einfach nicht das Risiko eingehen deutsche Staatsanleihen zu kaufen - zu groß und v.a. zu unabschätzbar (da zu einem guten Teil von politischen Entscheidungen abhängig - und im Moment leugnen die meisten europäischen Politiker nach wie vor die wahre Ursache der Europakrise, nämlich die enormen Staatsschulden) die französischen, griechischen, italienischen, spanischen, usw. Risiken.

Andreas Prucha
12
23.11.2011, 16:50

Wie jeder Wertpapiermarkt perfekt? Hmm... .com-Crash 2000, Börsencrash 1929 - dazwischen auch ein paar.

Es ist interessant, wie man sowas "perfekt funktioneren" nennen kann. In einem perfekt funktionierenden System gäbs keine Crashes, sondern eine permanente, "langweilige" Entwicklung ohne nennswerte Schwankungen.

Erstversuch
00
23.11.2011, 17:43
Nehmen Sie als " System" bitte nicht

eine Dampfmaschine an die ewig gleich rennt eher was natürliches wie Pflanzen mit Wachstumszyklen. Die "crashen " auch jeden Winter bei uns.

Baaron Arr
01
23.11.2011, 17:03

er funktioniert wie er eben funktioniert - und das bedingt zwingend einen kompletten zusammenbrauch alle paar jahrzehnte.

blablabla blablabla
00
23.11.2011, 16:09
Nowotny,

ist der Ökonom der Herzen.

radlfahrer
03
23.11.2011, 15:17
Viel Lärm um nichts ...

Deutschland hat's halt versucht ...
Weniger als 2% für 10 Jahre Laufzeit ist ja schon extrem.

Fast jedes andere Land würde sich nach solch einem niedrigen Zinssatz sehnen.

Wenn man noch bedenkt, dass die Inflation über 2% ist und die Entwicklung des Euro auch nicht nach der einer starken Währung aussieht, dann ist es eigentlich sensationell, dass Deutschland das Geld effektiv zu negativen Zinsen bekommt.

eknaDNovember
12
23.11.2011, 15:13
Der Experte muss es wissen - oder doch nicht?

"Interessant waren daraufhin die Reaktionen der Runde. Dirk Müller („Mr. DAX“), ein bekannter, geläuterter Insider des Bank- und Börsegeschehens, bekräftigte die Aussagen Hörmanns. Theo Waigel, der ehemalige CSU Finanzminister, der an seinem genialen Plan, durch Aufwertung der Goldbestände an zinsenfreies Geld zu kommen, gescheitert war und zurücktreten musste, beschränkte sich auf eine diplomatische Antwort. Mit Entsetzen beobachtete ich jedoch die Mine des jungen deutschen Wirtschaftsministers. Philipp Röslers Mine drückte unmissverständlich aus, dass er von diesen Zusammenhängen noch nie etwas gehört hatte. Wie denn auch, wenn er sich offensichtlich nur von „den Märkten“, den Profiteuren des Systems beraten lässt." (G. Hoppenberger)

Karl Krammer
13
23.11.2011, 15:10
die Ironie dabei ist da,

daß die rechten Moralapostel in Deutschland ständig Schuldenabbau predigen, es aber selbst in absoluter Hochkonjunktur nicht schaffen, wenigsten einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland liegt so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr, die Wirtschaft ist explosiv gewachsen und hat den Stand von vor der Finanzkrise erreicht und es gab keinerlei Naturkatastrophen oder ähnliches, das irgendwie ungeplante hohe Ausgaben gerechtfertigt hätte. Trotzdem wollen sie 10% der Ausgaben in 2012 durch Schulden finanzieren.

Was wird wohl nächstes Jahr sein, wenn Deutschland auch die selbst verschuldete Eurokrise spüren wird? Die Vorboten sehen wir heute.

asd73
00
23.11.2011, 15:55
Schuldenabbau oder nicht...

...alle müssen sich mal refinanzieren.

>t<
00
23.11.2011, 15:08
wer sind die anleger ?

GRohnePunkte
00
23.11.2011, 15:16
In erster Linie die Banken

In zweiter Ebene dann Pensionsfonds und Versicherungen.

warren buffett
02
23.11.2011, 15:12
Wer sind "die Anleger"?

Sie, ich, jeder, der sein Geld einer Versicherung, Bank oder einem Fonds zur Aufbewahrung und Verwaltung gibt .....

Denkwerkstatt
31
23.11.2011, 15:00
Das Pyramidenspiel bricht zusammen

Mit der letzten Griechenlandaktion haben die Politiker jetzt den Stoppel aus dem 40-jährigen Pyramidenspiel zwischen EU-Staaten und Banken gezogen. Durch die Abzocke der Banken ohne Beteiligung der anderen "Spekulanten" (wie EZB, div. EU-Vehikel und weitere Privatanleger)werden die Banken abgeräumt ohne Griechenland nachhaltig zu sanieren. Die politische Weigerung, den Haircut als das zu bezeichnen, was er ist, nämlich ein Default (um CDS nicht zu triggern), hat allen Marktteilnehmern signalisiert, dass Politiker bereit sind, alle Regeln zu brechen, wenn es ihnen opportun erscheint. Wer soll Anleihen dieser Staaten zeichnen? Die Kreditklemme in Europa ist da und wird uns so schnell nicht verlassen.

Freund der Sanktionen
10
23.11.2011, 14:00
Aha.

Deutsche Staatsanleihen sind zu sicher. Das wollen die Anleger also auch nicht.
Ich denke, Merkel wird den Eurobonds jetzt eher zustimmen. Auf alle Fälle sollte etwas geschehen, solange Anleger überhaupt noch staatliche Papiere zeichnen...

Mostbluzza
01
23.11.2011, 13:41
mal ehrlich

wer gäbe den deutschen sagen wir 3 mrd kredit?
zu so niedrigen zinsen?
ich nicht (mehr).

das ist der markt. schaut mir aber fast nach (markt) absprache aus, um die bonds endlich einfahren zu können.

emp26
00
23.11.2011, 13:52

dieselbe strategie wie bei berlusconi, als die ezb den staatsanleihenkauf bis zu seinem abgang einstellte.

es wird zeit die bankster endlich pleite gehen zu lassen und die souveränität zurückzuerlangen.

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