"Eurobonds befreien uns von der Kurzatmigkeit der Finanzmärkte"

Interview23. November 2011, 13:06
573 Postings

Warum gemeinsame Euro-Staatsanleihen unvermeidlich sind und die Zinsen kaum steigen werden, erklärt Ökonom Thomas Lux

Eurobonds hätten eine stabilisierende und Schulden senkende Wirkung, wenn sie richtig gemacht werden, meint Thomas Lux, Professor am Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel.

                                                           ***

derStandard.at: Werden die Eurobonds wirklich kommen?

Thomas Lux: Meine Vermutung ist, dass es darauf hinauslaufen wird, da dies ein Mittel ist, um die gegenwärtige Krise relativ schnell zu beenden und die Finanzmärkte zu beruhigen. Die ökonomische Situation erzwingt es einfach, einen einheitlichen Markt für die Schuldverschreibungen der europäischen Länder zu schaffen und damit einzelne Länder vor spekulativen Überreaktionen, die wir jetzt erleben, zu schützen.

derStandard.at: Welche Form der drei Optionen, die die EU-Kommission am Mittwoch vorstellt, hat Chance auf Umsetzung?

Lux: Welche Option letztlich gewählt wird, ist schwer einzuschätzen. Ich selbst hätte große Sympathien für die zweite Variante mit den "blauen" und "roten" Bonds. Also die Unterscheidung in Blue Bonds, die bis zu einer bestimmten Verschuldungsgrenze, in der Regel der Maastricht-Grenze, gehen, und den Red Bonds, die von den Staaten selbst begeben werden. Ich glaube auch, das hat eine ungeheuer disziplinierende Wirkung, da bei Ländern, deren Verschuldung die Maastricht-Grenze von 60 Prozent weit übersteigt, die Red Bonds dementsprechend teuer wären.

derStandard.at: Wie lange würde die Einführung dauern?

Lux: Wir müssen jetzt nicht alles umwandeln, die Bondmärkte existieren ja schon. Man hätte einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren, in denen Neu-Emissionen in Euro-Bonds erfolgen könnten und gleichzeitig die einzelnen Länder ihre Verschuldung abbauen könnten, um dann letztendlich zur Maastricht-Grenze zu gelangen.

derStandard.at: Könnte das von der EU-Kommission aufs Tapet gebrachte Weizsäcker-Modell, das eben vorrangige Blue Bonds und nachrangige Red Bonds unterscheidet, Schulden senkend wirken?

Lux: Ja, der Anreiz dafür ist sehr groß. Nehmen Sie Spanien, das sich mit 60 Prozent Staatsverschuldung entlang der Maastricht-Grenze bewegt. Das Land hätte allergrößte Anreize, es bei den Blue Bonds zu belassen, und die viel teureren Red Bonds erst gar nicht zu begeben. Für andere Länder wie Italien, das 120 Prozent Staatsverschuldung hat, geht das natürlich nicht so schnell. Aber der Markt der risikoreichen Anleihen wäre zumindest halbiert. Ob die Red Bonds, also jene Bonds, für die die Eurozone nicht haftet, vom Markt auch angenommen werden, ist noch nicht ausgemacht. Das wird sehr stark vom Pfad der Schuldenentwicklung in den nächsten zehn Jahren abhängen.

derStandard.at: Glauben Sie, dass die Finanzwirtschaft den Gemeinschaftsanleihen eher positiv oder negativ gegenübersteht?

Lux: Soweit man das beurteilen kann, ist das etwas, was von den Akteuren an den Finanzmärkten sehr positiv gesehen würde. Damit dürfte dann der größte oder zweitgrößte Markt für homogene Wertpapiere entstehen, gemeinsam mit den USA. Da für die gesamte Eurozone die Verschuldungsquoten ja wesentlich besser sind als für die USA, und auch für Japan, dürfte sich die Einschätzung der Solidität dieser Bonds ganz wesentlich von derjenigen der jetzigen Wertpapiere einzelner europäischer Staaten unterscheiden, die ja dementsprechend schlecht sind.

derStandard.at: Würden die Zinsen von "harten" Euroländern wie Deutschland, Österreich oder der Niederlande signifikant steigen?

Lux: Das denke ich gar nicht. Was die Bonität der Gesamtschuldner angeht, steht die Eurozone ja sogar wesentlich besser da als die USA. Die Eurobond-Zinsen dürften nur wenig über dem liegen, was Deutschland gerade zahlt. Das haben auch Untersuchungen bei uns am Institut für Weltwirtschaft in Kiel ergeben. Es kommt aber natürlich darauf an, wie die Eurobonds konzipiert werden und dass mit ihrer Einführung zugleich auch eine Verankerung rigider Verschuldungsregeln in den europäischen Verträgen einhergeht.

derStandard.at: Deutschland sieht die Eurobonds als eher langfristiges Projekt. Wie wird man sich das politisch abkaufen lassen?

Lux: Indem man darauf besteht, die Einführung der Eurobonds mit der gleichzeitigen institutionellen Verankerung von wirksamen Defizitregelungen zu verknüpfen. Unvermeidlich ist es, meiner Meinung, sowieso, da sollte man es aus deutscher Sicht wenigstens zu einem sinnvollen Instrument machen.

derStandard.at: Was sagen Sie eigentlich zu der Schuldenbremse, die Österreich eingeführt hat. Kann eine zu hohe Budgetdisziplin konjunkturhemmend wirken?

Lux: Ich denke durchaus, dass man sich eine gewisse Flexibilität behalten sollte. Dieser Zwang zur Entschuldung zieht nämlich natürlich auch rezessive Politiken, wir haben es in Griechenland gesehen, nach sich, so dass dann Steuereinnahmen und Konsum zurückgehen. Was eigentlich nicht geht, ist, dass wir uns im Rhythmus der Finanzmärkte entschulden. Das ist auch der Vorteil von Eurobonds, die uns von dieser Kurzatmigkeit befreien könnten. (sos, derStandard.at, 23.11.2011)

Thomas Lux leitet am Institut für Weltwirtschaft den Forschungsbereich "Finanzmärkte und makroökonomische Aktivität".

Wissen

Die Väter des Eurobond-Modells sind die Ökonomen Jakob von Weizsäcker und Jacques Delpla.

Die EU gibt die Gesamtschulden der Eurozone mit 7.822 Milliarden Euro (Ende 2010) an. In den USA beträgt sie 15.000 Milliarden Dollar (11.200 Milliarden Euro). Die höchste Verschuldung weist Deutschland mit 2.062 Milliarden Euro auf, die niedrigste Estland mit nur einer Milliarde Euro. Österreich wird mit einem Staatsschuldenstand von 205,6 Milliarden Euro ausgewiesen.

  • "Was eigentlich nicht geht, ist, dass wir uns im Rhythmus der Finanzmärkte entschulden", meint Thomas Lux.
    foto: uni kiel/mag

    "Was eigentlich nicht geht, ist, dass wir uns im Rhythmus der Finanzmärkte entschulden", meint Thomas Lux.

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Für EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso sind die Eurobonds eine Spitzenidee.

Share if you care.