Gesunder Arbeitsplatz muss "von oben" gewollt sein

23. November 2011, 12:07
  • Maßnahmen wie Laufgruppen oder eine gesunde Ernährung in der Kantine greifen zu kurz.
    foto: apa/gero breloer

    Maßnahmen wie Laufgruppen oder eine gesunde Ernährung in der Kantine greifen zu kurz.

Grazer Psychologen identifizierten Kriterien zur nachhaltigen Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz

Graz - Stress bei der Arbeit macht immer mehr Menschen krank. Darunter leiden nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern auch die Unternehmen. Betriebliche Gesundheitsförderung ist zum Zauberwort geworden, um die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern zu steigern, halbherzige Lösungen sind jedoch zum Scheitern verurteilt, sagen Paul Jiménez und Kerstin Eibel vom Institut für Psychologie der Universität Graz. Die beiden Forscher haben anhand von Best-Practice-Beispielen herausgefunden, was Projekte zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz langfristig erfolgreich macht.

"Von oben gewollt"

"Wesentlich für die erfolgreiche Umsetzung von betrieblicher Gesundheitsförderung ist, dass sie von oben gewollt ist", unterstreicht Paul Jiménez eine Voraussetzung, die in der Praxis keineswegs immer gegeben sei. "Die Führungsebene muss die Maßnahmen unterstützen." Das gleiche gelte für die Mitarbeiter; sie müssen partizipieren und Ideen einbringen können. Und schließlich seien auch Veränderungen im System und in den Abläufen des Unternehmens nötig. "Das kann heißen, die Arbeitsorganisation zu optimieren oder eine neue Pausenkultur zu entwickeln", nennt Kerstin Eibel Beispiele.

Mehr als Laufgruppen

Häufig beschränken sich Betriebe auf Angebote, die von den Mitarbeitern freiwillig genutzt werden können, wie etwa Laufgruppen oder gesunde Ernährung in der Kantine. Diese und ähnliche Maßnahmen greifen jedoch zu kurz. "Die Unternehmen müssen sich verantwortlich fühlen für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, damit sich die Menschen bei der Arbeit wohlfühlen", betont Eibel. Dazu zähle Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ebenso wie die Schaffung eines Betriebsklimas, in dem jeder Wertschätzung erfahre. Solche Veränderungsprozesse kosten zwar Zeit und Geld, werden sich langfristig aber rechnen", ist die Psychologin überzeugt.

62 Unternehmen analysiert

Diese Erkenntnisse resultieren aus Untersuchungen im Rahmen des von der EU geförderten Forschungsprojekts "Chance4Change". Gemeinsam mit Kollegen der Universität Maribor analysierten Jiménez und Eibel die Konzepte und Ergebnisse der betrieblichen Gesundheitsförderung von 62 Unternehmen aus dem EU-Raum, die als Best-Practice-Beispiele von zertifizierten Stellen ausgezeichnet worden sind - von Firmen mit rund 30 Mitarbeitern bis zu Betrieben mit über 5.000 Arbeitnehmern. Daraus filterten die Grazer WissenschafterInnen jene Kriterien, die für eine nachhaltig erfolgreiche Umsetzung von Konzepten zur Reduktion von Stress und Förderung von Wohlbefinden am Arbeitsplatz entscheidend sind.

"Interessant ist, dass sich die anhand der Praxisbeispiele gewonnenen Erfolgskriterien nicht mit den existierenden Leitlinien und Empfehlungen zum Vorgehen im Rahmen von Stress- und Burnout-Prävention decken", betont Jimenez . So sei etwa die Fortbildung von Führungskräften in den Leitlinien relativ weit hinten gereiht, während sie in der Realität eine wesentliche Rolle spielt. (red)

 

Was nützt ein "gesunder Arbeitsplatz", wenn die Arbeitsbelastung immer größer und das Klima im Betrieb immer schlechter werden?

Es ist zwar beeindruckend, wenn man die MitarbeiterInnen dazu zu motivieren versucht, "gesünder zu leben" - und zu arbeiten. Wenn aber gleichzeitig die Belastungen immer größer werden (mehr Arbeit, mehr Verantwortung, mehr "Überwachung" der Arbeitsleistung etc.), dann werden die bemühungen im Sinne einer "betrieblichen Gesundheitsförderung" relativ rasch verpuffen.

Meines Erachtens geht es (wie in so vielen andern Bereichen auch) ausschließlich darum, die "Leistungsfähigkeit" der MitarbeiterInnen zu erhalten bzw. im Idealfall sogar zu steigern! Damit der Dienstgeber sich leichter tut bei der "Effizienzsteigerung" in seinem Betrieb z.B. durch Stellenabbau...

es ware schon hilfreich, wenn Angestellte aufhören würden sich gegenseitig zu mobben. Dazu braucht es eine klare Stellungnahme der Geschäftsleitung, dass so etwas nicht toleriert wird und Konsequenzen hat. Aber solange gewisse Chefitaeten meinen, wenn sich die Angestellten untereinander ins Wadel beissen, arbeiten sie mehr und tratschen weniger, bzw. die Geschäftsleitung kommt so an Informationen (weil siech die Angestellten gegenseitig in die Pfanne hauen) ...

In Betrieben mit einem Betriebsrat...

...ist es möglich, Betriebsvereinbarungen gegen Mobbing zu installieren. Diese gehören zwar (noch) nicht zu den erzwingbaren Massnahmen, aber können schon helfen. Muster- BV gibts bei den Gewerkschaften online.

Die Belegschaft gilt heute nur noch als Kostenfaktor.

Und als beliebig austauschbar.

Mit Einsicht ist da nicht zu rechnen.

BGF - von oben gewollt...

Meine Erfahrung zeigt, dass man der Chefetage betriebliche Gesundheitsprojekte nur dann schmackhaft machen kann, wenn man in Aussicht stellt, die Ressourcen der Mitarbeiter lassen sich dadurch noch besser ausbeuten. Und den Mitarbeitern verklickert man das als tolle "Entfaltung ihrer Potenziale".
In Wirklichkeit sollte es um eine Verbesserung des Betriebsklimas und eine bessere Lebens- und Arbeitsqualität gehen. Nur davon ist man in den meisten Unternehmen genauso weit entfernt, wie von der Nachhaltigkeit der Maßnahmen.
Hauptsache der Chef hat was Positives bei der Ansprache zur Weihnachtsfeier zu vermelden....

An sich wäre ja nichts dagegen zu sagen...

... unter leichteren, gesünderen Bedingungen effizienter zu arbeiten. Besser, als unter belastenden und krankmachenden Bedingungen ineffizient zu arbeiten.
Leider scheint sich dieses Effizienzprinzip auch bei den AG noch nicht herumgesprochen zu haben - "Arbeit muss weh tun" um als solche wahrgenommen zu werden.
Freilich ist dann auch der ev. Gewinn daraus aufzuteilen; an meinem Wohlbefinden als AN darf nicht nur der Unternehmer profitieren.

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