Der Kriminalist Bernd Wagner hilft deutschen Neonazis beim Ausstieg aus einem sektenähnlichem Milieu
Bernd Wagner weiß, wie Neonazis ticken. Der Gründer der Initative EXIT unterstützt aussteigewillige Neonazis in ihren Bestrebungen, aus der Spirale der Gewalt und Radikalisierung auszubrechen. Ein schwieriges Unterfangen ohne Weg zurück, das für manche kein Happy End hat.
Die Neonaziszene im allgemeinen habe sich in den Jahren seit der Wiedervereinigung Deutschlands stark radikalisiert - mit wachsendem Frauenanteil - meint Wagner. Die Behörden hätten sich nur unzureichend darauf eingestellt.
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derStandard.at: Welche Motive haben Leute, die aus der Szene aussteigen wollen? Und was tun Sie aktiv, um Leute dabei zu unterstützen?
Wagner: Es ist eine Spirale der Frustration aus einer enormen
Radikalisierung heraus und auch das anwachsende Gefühl im falschen
Film zu sein. Oft kommen die Anfragen an uns von Personen, die im Gefängnis
eine Strafe absitzen, die Taten aus dem Strafgesetzbuch schon rauf und
runter begangen haben. Wir haben auch schon Mördern geholfen, aber auch
Leuten, die bisher keine Straftaten begangen haben. Sie wenden sich an
uns, weil sie meist außerhalb des Milieus keine Freunde mehr haben, oft
auch mit ihren Familien gebrochen haben. Und weil wir ihnen bei der
Neuerfindung ihrer Person helfen können, mit ihnen konkrete
Zukunftsszenarien ausarbeiten und herausfinden, was sie eigentlich für
sich wollen.
derStandard.at: Wie ticken Neonazis? Was ist das klassische Einstiegsszenario?
Wagner: Ausgangspunkt ist meist die Vorstellung vom System
"verarscht" zu werden, Gerechtigkeitslücken werden festgestellt.
Apokalypse wird sichtbar. Der "Volkstod" droht. Der Deutsche muss
aufstehen gegen die Missstände, die von der Demokratie und dem Kapital verursacht wurden, und dem Volk Überleben sichern und Gerechtigkeit zurück geben.
Junge Leute erleben das als Offenbarung und werden rasant
radikalisiert. Ein Übriges tut das fröhliche Jugend- und
Kameradschaftserleben, zumindest eine Zeit lang.
derStandard.at: Ingo Hasselbach, der Mitbegründer der Initative "Exit", war selbst ein "Neonaziführer". Warum ist er ausgestiegen?
Wagner: Er ist mit der Gewaltproblematik nicht klargekommen. Er
war in seiner aktiven Zeit durchaus einverstanden mit gezielten
Gewaltaktionen. Als es dann aber zu Verbrechen wie dem Brandanschlag in
Solingen kam, bei dem Frauen und Kinder ums Leben kamen, fand bei ihm
ein Umdenken statt. Er suchte sich Vertrauenspersonen, die ihm beim
Ausstieg helfen konnten.
derStandard.at: Wie gefährlich ist ein solcher Ausstieg?
Wagner: Durchaus gefährlich. Ein Ausstieg wird natürlich als
Verrat gesehen, die Aussteiger als Volksverräter. Nicht selten werden
Bilder und Informationen zu den Betroffenen im Internet auf
einschlägigen Seiten veröffentlicht, und die Personen dazu
"freigegeben", mit ihnen "alles" zu tun. Das sind im Prinzip Aufrufe zum
Fememord. Auch haben wir schon groß angelegte Verfolgungen von
Betroffenen erlebt. Will man aussteigen, muss einem klar sein, dass das
kein leichter Weg ist. Und es gibt kein Zurück. Vereinzelt gab es Leute,
die ihren Ausstieg revidiert haben und denen es gelungen ist, ins
Milieu zurückzukehren, allerdings sind die nicht sehr wohlgelitten in
der Szene. Ich weiß von einem ehemals führenden Neonazi, der jetzt nur
mehr Aktenträger ist.
derStandard.at: Ist das vergleichbar mit dem Ausstieg aus einer Sekte?
Wagner: Es hat sehr viel mit einem
Sektenausstieg gemein. Und es gibt auch so etwas wie
Entzugserscheinungen, Phasen, in denen man bereut, diesen Schritt getan
zu haben.
derStandard.at: Ein Kriminalfall mit rechtsradikalem Hintergrund (wie die aktuelle Neonazi-Mordserie in Deutschland) wird bekannt und die Politik ruft laut nach Maßnahmen gegen Rechts. Was denken Sie sich da als Verein, der Aussteigern hilft, aber vor kurzem erst vor dem finanziellen Aus stand?
Wagner: Die Reaktion der Politik ist die übliche, nämlich die, sich selber zu helfen. Ob das auch dem tatsächlichen Engagement gegen das nazistische und sonstige rechtsextreme Übel nutzt, ist noch lange nicht ausgemacht.
derStandard.at: Ein weiterer Reflex ist auch, von einer Radikalisierung der Szene zu sprechen. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Radikalisierung und wenn ja, in welche Richtung? Und warum wussten das die Behörden nicht?
Wagner: Die Szene hat sich als brutaler Krake in ganz Deutschland nach der Wiedervereinigung ausgeprägt. Das Potential aus der DDR und das westdeutsche flossen ineinander. Die historische Mission, die Vorstellung einer Chance auf ein neues Reich und die relative Schwäche des Staates radikalisierte sie. Die rechtsextreme Kriminalität stieg stark an, bis heute sind mehr als 180 Todesopfer und unzählige Schwerverletzte zu beklagen. Eine Hasskultur und Hassindustrie blühte auf und brachte immer neue junge Leute zur Bewegung. Ein Verbot der NPD würde nichts ins Schlimmere verändern, es ist alles durchradikalisiert, auch die NPD. Trotz ihrer äußeren Friedlichkeit ist sie schon seit 20 Jahren keine Partei, die sich das Grundgesetz zugrunde legt, sondern es vielmehr aktiv-kämpferisch abschaffen will.
derStandard.at: Sind die Behörden Ihrer Meinung nach der Herausforderung gewachsen?
Wagner: Im Einzelnen ja, systemisch nur bedingt. Es muss ernsthaft an der Sicherheitsstrategie und nicht nur an dieser gearbeitet werden. Das fängt schon damit an, dass Politiker wissen sollten über was sie reden.
derStandard.at: Welche Rolle spielt die NPD in der rechtsradikalen Szene? Und wenn nicht über die Partei, wie sind Rechtsradikale dann organisiert?
Wagner: Die NPD und die "freie Kräfte" sind Zwillinge, mehr als eineiige, um ein ungewöhnliches Bild zu benutzen. Ein Körper, ein Kopf mit zwei Gesichtern. Die NPD ist wie eine übliche Partei aufgebaut und mit Zellen und Netzwerken wie der Freien Kameradschaften unterlegt, allerdings aus gutem Grund ohne unmittelbaren Militarismus.
derStandard.at: Wie werden die "Neonazi-Morde" in der rechtsradikalen Szene rezipiert?
Wagner: Sie werden mit verschiedenen Stilmitteln gefeiert und als wohlgetan bewertet.
derStandard.at: Sind alle Extremisten auch potentielle Terroristen?
Wagner: In jedem fanatischen Rechtsextremisten steckt ein potentieller Terrorist. Treten weitere Faktoren hinzu, steigt die Wahrscheinlichkeit tatsächlich einer zu werden. Das Verhältnis zwischen Militantem und Terroristischem ist fließend. Ebenso die Konzepte die dahinterstehen. Auch das Momentum des augenblicklichen Zufalls spielt eine Rolle.
derStandard.at: Haben Sie selbst V-Leute in der Szene?
Wagner: EXIT kennt Leute in der Szene. Jedoch haben wir keine V-Leute. Wir waren erstens zu arm dafür, und es wäre für uns auch nicht sinnvoll gewesen.
derStandard.at: Ist die Nazi-Welt eine Welt der männlichen Jugendlichen?
Wagner: Männer und Frauen sind in der Naziwelt vereint, wie überall mit anwachsenden Frauenanteil. (mhe, derStandard.at, 23.11.2011)