Keine Schule zum Sitzen bleiben

23. November 2011, 10:30
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In der Privatvolksschule Wolfpassing wird die Freiheit der Kinder groß geschrieben: sie dürfen lernen, was sie wollen und wann sie es wollen

Georg Lang bezeichnet sich durchaus als „verrückt". Das müsse man aber sein, wenn man, wie er, eine eigene Schule gründet, sagt der Niederösterreicher. „Mahatma Ghandi, Martin Luther King oder Ernst Happel, das waren alles Menschen, die etwas bewegt haben. Aber sie haben auch Dinge für möglich gehalten, wo andere sagen, du spinnst ja", erzählt der 39-Jährige während er nachmittags durch die Klassenzimmer in der Privatvolksschule Wolfpassing (PVS) geht - und er nickt dabei zufrieden: „Ja, diese Schule ist ein Paradies für Kinder."

Am Vormittag tummeln sich hier, im westlichen Niederösterreich 64 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, darunter acht Integrationskinder mit besonderen Bedürfnissen. Noten, Hausübungen und Tests sind an der PVS nicht üblich. Auch Klassen, Frontalunterricht und Schulfächer gibt es nicht. Stattdessen lernen die Kinder in „Räumen": Im „Sprachraum", im „Mathematikraum", im „Malatelier", im „Bastelraum" und im „Bewegungsraum" beispielsweise. 50 Minuten lang still sitzen müssen sie aber nirgends, sie können sich frei zwischen den Räumen und im Raum bewegen.

Oberstes Prinzip: Selbstbestimmtes Lernen

Im „Sprachraum" etwa sitzen drei Kinder an einem Tisch und zeichnen Buchstaben nach, während vier andere ein Brettspiel auf dem Teppich spielen und wieder zwei andere sich auf das Sofa kuscheln und ein Buch lesen. Zwei Lehrerinnen betreuen die Kinder, jedes nach seinen individuellen Bedürfnissen. Geht man zur nächsten Tür hinein, in den „Mathematikraum", brüten drei Kinder über einem Schachbrett und überlegen den nächsten Zug, am Tisch daneben wird gerechnet, andere Schüler arbeiten mit Montessori-Material. Bis 10.30 Uhr haben die Kinder die freie Raumwahl, dann ertönt der „Gong" - er verkündet die Jausenpause.

Danach gibt es Gedrängel in der Zweierreihe: heute geht es ab zum „Gesprächskreis". Jeweils 15 Kinder setzen sich rund um eine große Kerze, im Kreis reichen sie den „Sprechstab" weiter. Wer an der Reihe ist, darf sagen, was ihn gerade beschäftigt. „Ich freu` mich schon auf meinen Geburtstag", sagt ein Kind. Oder: „Ich find` schön, dass bald der Winter da ist." Aber auch: „Ich find´ blöd, dass mir der Jan heute einen Baustein auf den Kopf geschmissen hat." Jeden Donnerstag sammeln sich die Kinder im Gesprächskreis. Er ist da, um Konflikte zu lösen. Denn soziales Lernen ist ein zentrales Thema in der PVS, so heißt es im pädagogischen Konzept.

An anderen Tagen bieten die Lehrer nach der Jausenpause Einheiten zu Themen wie „Sachunterricht" oder „Musik" an. Eine große Magnettafel im Gang kündigt die Aktivitäten des Tages an. Wenn die Schülerinnen und Schüler morgens in die Schule kommen, heften sie ihr Foto neben die Einheit, an der sie teilnehmen wollen und sind somit angemeldet. „Bei uns gehen die Kinder eben nicht in der Früh auf ihren Platz und bekommen den ganzen Tag Programm geliefert, wie in der Regelschule", so Direktorin Renate Müller-Bergner. „Bei uns lernen sie Eigenorganisation und Selbstständigkeit."

Die PVS besitzt seit dem Vorjahr Öffentlichkeitsrecht und verpflichtet sich dem österreichischen Lehrplan. Das bedeutet auch, dass die Schüler ab der vierten Klasse Schularbeiten schreiben. Die PVS ist aber auch eine reformpädagogische Schule und orientiert sich an Pädagogen wie Maria Montessori, Celestin Freinet oder Mauricio und Rebeca Wild. Gleichzeitig versucht das Team der PVS seinen ganz eigenen Weg, ein eigenes Konzept für Schule zu finden. „Unser oberstes Prinzip ist selbstbestimmtes Lernen", erklärt Müller-Bergner. Das bedeutet die Kinder können größtenteils selbst bestimmen, was sie wann lernen. Man vertraut auf ihren inneren Antrieb, die Dinge und die Welt verstehen zu wollen.

Fragt man die Kinder hier, ob sie gerne zur Schule gehen, bekommt man durchgehend ein „Ja" zur Antwort. Dem 8-jährigen Noah etwa, der ein Jahr eine traditionelle Volksschule besuchte, war die alte Schule zu stressig. „Ich hatte zwar lauter Einser, aber ich find´ es trotzdem besser, wenn ich mir das Lernen selber einteilen kann", erzählt er. Und er weiß ganz genau, was er noch zu tun hat: „Bis Weihnachten soll ich noch die Schreibschrift lernen und das kleine Einmaleins."

Die Schule der Träume

Direktorin Müller-Bergner setzt sich seit jeher für Reformpädagogik ein. „Seit 22 Jahren gebe ich Kindern keine Noten mehr", erzählt die 55-Jährige. Als Lehrerin in der Regelschule, beziehungsweise als Direktorin in der Sonderschule, wo sie zuvor arbeitete, war sie aber immer an Vorgaben gebunden. Als dann vor drei Jahren ihr Telefon klingelte, sollte sich ein Lebenstraum für sie erfüllen.

Am anderen Ende der Leitung war Georg Lang. Er suchte nach einer Pädagogin für die Schule, die er vorhatte zu gründen. „Er schilderte mir eine Schule, wie ich sie mir immer erträumt hatte", erzählt Müller-Bergner. „Es war wie ein Lottosechser."

Für den vierfachen Vater Lang wurde die Schulgründung damals brisant, weil sein ältester Sohn bald zur Schule gehen sollte. In eine herkömmliche Schule wollte er ihn nicht schicken. Damals wie heute ging es Lang, der beruflich als selbstständiger Unternehmensberater arbeitet und gleichzeitig Administrator der PVS ist, vor allem um Eines: um den Respekt vor der Freiheit des Kindes. „Noch besser: vor der Freiheit des Menschen. Wir dürfen nicht sagen, ich bin der Erwachsene und du bist das Kind. Ich bin gescheit und du bist dumm und ich erklär` dir jetzt die Welt", so der Schulgründer. „Wir sollten versuchen, das Wesen, das uns gegenübersteht, zu ergründen. Und ich bin überzeugt davon, dass ein Kind von selbst zu lernen beginnt. Man muss es nicht zwingen." Von der Laissez-Faire-Abteilung möchte sich Lang aber ganz eindeutig abgrenzen. „Disziplin ist etwas ganz Wichtiges", betont er. „Auch als Vater zähle ich sicher zu den Strengeren."

Viel Energie im ersten Jahr

Aber wie gründet man eigentlich seine eigene Schule? „Dazu braucht man nur drei Dinge", weiß Lang. „Ein Gebäude, das den gesetzlichen Vorgaben entspricht, einen ausgebildeten Pädagogen und - in meinem Fall, weil es eine katholische Privatschule ist - die Unterschrift des Bischofs." Viel energieaufwändiger als das Gründen der Schule sei allerdings das Instandhalten derselben. Vor allem, wenn Direktorin Müller-Bergner an das erste Jahr denkt, kommen chaotische Erinnerungen hoch: „Das war ein Wahnsinn. Wir hatten ja selber noch keine Erfahrung mit dieser Art von Schule, wir mussten erst eine Struktur finden." Sie vergleicht die PVS immer mit einem Baby, das gehen lernt. „Aber mittlerweile sind wir über zwei Jahre alt und laufen schon ganz gut."

"Uns ging zu wenig weiter"

Die Schule findet aber freilich auch Kritiker. Im vorigen Schuljahr haben neun Eltern ihre Kinder wieder aus der PVS herausgenommen, die Familie Habsburg-Lothringen war eine davon. „Unser Pauli hat den ganzen Tag nur Fußball gespielt", sagt Mutter Mariella. „Mir ist es dann zu bunt geworden. Die Lehrer haben immer gesagt, der Pauli brauche noch Zeit. Aber er bringt sich die Sachen halt nicht selber bei, er muss in ein System gesteckt werden. Für manche Kinder mag die Schule in Wolfpassing funktionieren, für mein Kind nicht." Dieser Meinung schließt sich eine andere Mutter, die nicht namentlich genannt werden will, an: „Uns ging zu wenig weiter in Wolfpassing. Die Kinder leben dort in einer eigenen Welt. Aber nach der Schule müssen sie sich auch in der Gesellschaft zurecht finden, und das ist nun mal eine Leistungsgesellschaft."

Andere Eltern wiederum könnten sich das Leben ohne die PVS gar nicht mehr vorstellen. „Ich hätte mich in der Regelschule mit meinem Kind nicht hinausgesehen", erzählt Monika Kraml. Ihre Tochter besucht die PVS seit drei Jahren, sie hat eine starke Rechenschwäche, „aber ansonsten ist sie ein total wiffes Kind. Das normale Schulsystem hätte ihr Selbstvertrauen zerstört." Der individuelle Umgang komme ihrer Tochter da sehr zugute.

"Wie groß kann Freiheit sein?"

Der zuständige Bezirksschulinspektor aus Scheibbs, Leopold Schauppenlehner, steht dem Projekt allerdings differenziert gegenüber. „Ich bin mir nicht sicher, wie groß die Freiheit für Kinder in diesem Alter sein kann. Es ist halt die Frage, ob Lernen wirklich immer Freude machen kann." Die Schule sei ihm sehr Wohl ein Anliegen und er sehe auch, wie engagiert das Team dahinterstehe. „Aber manchmal frage ich mich, wie lange sie das aushalten werden." Denn die Schule sei sehr schnell, fast zu schnell gewachsen. 2009 starteten 31 Kinder, heuer waren es schon 64 und für nächstes Jahr ist eine Hauptschule geplant. „Das muss man organisatorisch ja auch bewältigen und das kostet viel Kraft", befürchtet Schauppenlehner. Eine weitere Sorge ist, ob der Lehrplan in der PVS tatsächlich erfüllt werden kann.

Diese Befürchtung teilt Josef Voglsinger ganz und gar nicht. Der Bildungswissenschaftler und Lektor an der Uni Wien betreut seit Schulanfang ein Forschungsprojekt an der PVS, das den individuellen Leistungsfortschritt der Kinder über vier Jahre feststellen soll. Gegen Ende des Schuljahres werden die Kinder in den Bereichen „Schreiben", „Rechnen" und „Soziales" getestet, die Ergebnisse werden dann mit einer Klasse in einer Regelschule verglichen.

„Ich bin überzeugt, dass die Schule in Wolfpassing da genauso gut, wenn nicht sogar besser abschneidet", so Voglsinger. Denn die Kinder in der PVS würden angstfreier lernen, motivierter ans Werk gehen und generell lieber zur Schule gehen. „Da behalten die Kinder das Gelernte besser", ist sich der Wissenschaftler sicher. „Natürlich besteht - bei der Freiheit, die die Kinder haben - die Gefahr, dass Einzelne nichts lernen. Da haben die Lehrer große Verantwortung, dass sie jedes Kind genau beobachten." An den Lehrern liege es, den Rahmen für jedes Kind weit genug zu stecken, dass es sich frei entfalten kann, aber eng genug, damit es alles lerne.

Schulgründer Georg Lang hat jedenfalls Vertrauen in seine Lehrerinnen und in das System in der PVS. „Ich erwarte mir einfach, dass wir Persönlichkeiten hervorbringen, Leute die selbstständig denken." Und der erste, auf den er vielleicht einmal stolz sein wird, geht hier schon jeden Tag durch die Tür. Noah möchte nämlich einmal berühmt werden. „Erfinder wäre nicht schlecht", sagt er. „Oder Schatzsucher." (Eva Lugbauer, derStandard.at, 23.11.2011)

  • Im "Sprachraum": beim Lernen muss man nicht unbedingt am Tisch sitzen.
    foto: derstandard.at/lugbauer

    Im "Sprachraum": beim Lernen muss man nicht unbedingt am Tisch sitzen.

  • Rechnen lernen die Kinder nicht immer auf einem Blatt Papier, auch ein Brettspiel kann da oft weiter helfen.
    foto: derstandard.at/lugbauer

    Rechnen lernen die Kinder nicht immer auf einem Blatt Papier, auch ein Brettspiel kann da oft weiter helfen.

  • Raum für kreative Köpfe und Hände: das "Malatelier".
    foto: derstandard.at/lugbauer

    Raum für kreative Köpfe und Hände: das "Malatelier".

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