Über den Daumen, gebrochen

23. November 2011, 10:19
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Tim Tebow steht kurz vor der Selig­sprechung, während Jay Cut­ler be­stätigte: Ich bin doch ein Mann. Dallas schnuppert derweil mal Playoff-Luft

Während sich Green Bay (10-0) und San Francisco (9-1) in der NFC rauschig spielen, werden die Alphatiere in der AFC immer noch ein wenig gesucht.

Die Packers hatten Mühe mit den Tampa Bay Buccaneers (4-6), weil ihre Defense sich einmal mehr als Achillesferse erwies. Die Bucs erzielten 26 Punkte und egalisierten damit ihren bisherigen Saisonrekord - immerhin zehn Punkte mehr, als das Team im Schnitt sonst auf die Tafel bringt. Aaron Rodgers, trotz einer Interception, machte alles wieder wett. Seine 327 Offense Yards und drei Touchdowns wurden durch einen Rushing-Score von B.J. Raji verfeinert. Green Bay gewann am Ende auch verdient mit 35:26.

Statistisches:
Rodgers beendete das Spiel mit einem Passer-Rating von 112.3 und ist damit der erste Quarterback in der Geschichte der NFL, der zehn Spiele in Folge ein Rating von über 100 aufweist.

Keine Probleme mit ihrer Defense (fünf Turnovers) hatte San Francisco und der 23:7-Erfolg über die Arizona Cardinals (3-7) kam ebenso erwartet wie unspektakulär. Trotzdem wurde eine Benchmark erreicht. Zum ersten Mal seit 2002 werden die Niners die Regular Season mit einem Winning Record beenden. Geht doch.

Dallas mal dabei

Problembehaftet war dagegen zunächst mal der Besuch der Dallas Cowboys (6-4) in der Hauptstadt. Die Washington Redskins hielten nicht nur Schritt, sondern präsentierten sich über weite Strecken sogar als das bessere Team. Im vierten Quarter schienen die Boys in der Lage, das Spiel dann zu ihren Gunsten drehen zu können, Rex Grossman brachte den Divisionsrivalen mit einem Touchdown-Pass auf Donte' Stallworth aber in die Overtime. In der wurde es dann bitter für die Skins und süß für Dallas. Graham Gano vergab aus 52 Yards das Fieldgoal zum möglichen Redskins-Sieg, im Gegenzug verwertet Dan Bailey zum 27:24 für die Texaner.

Der Sieg brachte Dallas einen vorläufigen Playoff-Platz ein, denn in New Jersey kam es bei den New York Giants (6-4) zu einer Überraschung. Die Philadelphia Eagles (4-6), in der Vorwoche von mir noch arg gescholten, reisten ohne ihren etatmäßigen Quarterback Michael Vick an und damit kam Vince Young zu seinem ersten Start in der Saison. Der warf zwar bei seinem Debüt gleich drei Picks, allerdings auch zwei Touchdowns. Da die Giants ihre Offense nicht in die Gänge brachten (29 Yards Rushing!), Eli Manning dazu einen seiner schlechten Tage hatte (Lost Fumble, Interception, 51,5 Prozent Completion Rate), reichte das auch für den Sieg. Damit fielen die Giants hinter die Cowboys zurück und die Eagles nähern sich den beiden ein wenig an. Nächste Woche empfangen die Birds die Patriots (zu sehen auf Puls 4) und da wird sich dann weisen, ob es sich um eine Eintagsfliege oder doch um einen Aufwärtstrend handelt. Vick könnte zurück sein. Ob das für die Eagles so gut ist, das sei mal dahingestellt.

Staffords' Arm und Cutlers' Daumen

Ansonsten hielt in der NFC vorne alles mit den Packers/Niners Schritt. Detroit (7-3) begann zwar gegen die Carolina Panthers (2-8) so wie sie gegen Chicago aufgehört haben, nämlich mit der eifrigen Produktion von Turnovers, spielten dann aber groß auf. Matthew Stafford warf nach seinen zwei Picks zu Beginn des Spiels noch für 335 Yards und fünf (!) Touchdowns. Die Überraschung der Partie war aber Kevin Smith mit 201 Offensive Yards und zwei Touchdowns. Erwartet wurde eigentlich Maurice Morris als #1 Runningback statt Jahvid Best. Der (Morris) musste sich mit acht Touches für 37 Yards begnügen. Die Panthers Defense präsentierte sich dabei als einziges Loch. Panthers Spielmacher Cam Newton ließ danach durchblicken, dass er nicht ganz zufrieden mit seinem Team ist. Ein Kompliment, welches sie ihm in dem Fall (vier Interceptions) durchaus zurückgeben können. Carolina muss sich an das Backen von kleinen Brötchen gewöhnen, bzw. sollte es ihnen aus den letzten Saisonen noch durchaus bekannt sein. Der Durchbruch nach oben wird 2012 oder gar später erst folgen. Siehe Detroit. Grundsätzlich sieht die Zukunft der Panthers dann rosig aus, wenn sie sich im kommenden Jahr noch weiter verstärken können. Newton alleine wird den Schatz nicht heben können.

Einen bittersüßen 31:20-Sieg feierten die Chicago Bears (7-3) über die weiter nach ihrer Form suchenden San Diego Chargers (4-6). Jay Cutler spielte eine starke Partie, warf zwei Sechser und lief zu einem dritten Touchdown. Allerdings warf er auch eine späte Interception, die gar nicht so schlimm gewesen wäre, hätte er sich beim Versuch, Antoine Cason beim Return zu tackeln, nicht den Daumen seiner Wurfhand gebrochen. Cutler ließ sich nichts anmerken, spielte danach auch noch weiter (!) und saß ohne Regung bei der anschließenden Pressekonferenz. Erst später verlautbarten die Bears, dass ihr Quarterback unters Messer muss und erst im neuen Jahr zurückkehren wird. Warum Cutler derart auf die Zähne biss, das scheint klar zu sein. Seit seinem „Ausfall" im NFC-Championship-Spiel gegen die Packers im Jänner haftet ihm der Ruf eines Weicheis an. Die Frage ist nur, ob die Bears mit dem Ersatzmann Caleb Hanie, der seinen ersten NFL-Start kommenden Sonntag in Oakland absolvieren wird, ihn (Cutler) dann auch noch brauchen werden. Chicago ist derzeit Dritter der NFC North und damit gerade so noch dabei. Verlieren ist eigentlich verboten. Selbes gilt allerdings auch für Detroit, welches am Donnerstag (Thanksgiving) Green Bay zu Gast hat. Auch die Cowboys spielen bereits der Ernte zum Dank. Mit einem Sieg über das wiedererstarkte Miami (nach einem 0-7 Start jetzt bei 3-7 und 86:20 Punkten in drei Spielen!) könnten die Texaner sich mal unter den Top 6 etablieren. Verlieren sie aber gegen die Dolphins, dann sind sie auch so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. New York ist jetzt auf der Lauer und auch Atlanta klopft oben an.

Das aktuelle Playoff-Bild der NFC (1-6 im Playoff)

1. Green Bay Packers (10-0, North)
2. San Francisco 49ers (9-1, West)
3. New Orleans Saints (7-3, South)
4. Dallas Cowboys (6-4, East)
5. Detroit Lions (6-3, North)
6. Chicago Bears (6-3, North)

Auf der Lauer:
7. Atlanta Falcons (6-4, South)
8. New York Giants (6-4, East)

Der Rest:
9. Seattle Seahawks (4-6, West)
10. Philadelphia Eagles (4-6, East)
11. Tampa Bay Buccaneers (4-6, South)
12. Washington Redskins (3-7, East)

Wer ist hier der Chef?

Viel mehr Nebel findet man auf dem AFC-Highway. Welches Team ist hier die Nummer 1? Wer die Nummer 2, 3 und 4? In Österreich sind wir bei solchen Fragen niemals überfragt und gehen, wie Roman Mählich, offensiv mit solchen Kleinigkeiten wie Ahnungslosigkeit um. Aber der hilft uns hier sicher nicht weiter, obwohl ich doch ein klein wenig ein Bewunderer seiner unverfrorenen Ehrlichkeit bin. Alive & Supernackt.

Ich sage daher New England (7-3) ist die Nummer 1, mache es mir dabei leicht, denn ich schaue nur auf das aktuelle Seeding. Wo sie in der Vorwoche noch die Nummer 3 waren. Einverstanden? Die Patriots hingen gegen Kansas City (4-6) lange Zeit in der Luft, bevor Rob Gronkowski die Bälle von dort zu zwei Touchdowns sich runter pflückte. Am Ende stand ein überzeugendes 34:3 am Board. Zwischenzeitlich hatte man aber das Gefühl, New England sei immer noch nicht dort, wo es sein könnte. Ihre Defense hatte Glück mit Tyler Palko, der bei seinem ersten Karriere-Start zum Teil wilde Bälle warf, drei Mal auch gepickt wurde.

Are the Bengals for real?

Das Spiel der Runde der AFC fand jedoch in Baltimore statt. Die Ravens (7-3), mit Ray Lewis angeschlagen an der Sideline, empfingen die Cincinnati Bengals (6-4). Die Gastgeber sahen lange Zeit so aus, als hätten sie die Sache im Griff, nahmen dem Rookie-Quarterback Andy Dalton (der musste auf seine Lieblingsanspielstation A.J. Green verzichten) drei Mal den Ball ab, als die Gäste es im letzten Quarter dann doch noch mal spannend machten. Die Ravens brachten schließlich ein 31:24 über die Zeit. Ich drückte schon zuvor meine Bedenken über die Bengals aus und sah das irgendwie kommen. Cincinnati ist deutlich stärker als zuletzt, gegen die direkten Divisionsrivalen Pittsburgh und Baltimore setzte es jetzt aber Niederlagen mit einem Score Unterschied. Es steht nun ein Pflichtsieg gegen Cleveland (4-6) an, bevor es am 4. Dezember nach Pittsburgh geht. Es gibt zwei Möglichkeiten für die Bengals, die Playoffs zu erreichen: 1. Die Divisonsgegner in den Rückspielen schlagen. 2. Auf weitere Ausrutscher der beiden zu hoffen. Zweites halte ich für sehr unwahrscheinlich, denn die Steelers und Ravens gewinnen ihre wichtigen Spiele. Apropos wichtiges Spiel: Donnerstagnacht kommen die 49ers nach Baltimore. Der Freitag ist daher blau, bzw. für die feierliche Benennung des Toni Fritsch-Weges in Wien frei gehalten. Kommen Sie vorbei, wenn sie Zeit haben. Die Steelers kommen aus ihrer Bye-Week und fahren frisch-fröhlich nach Kansas City. Es schaut daher eher nicht nach einer Pittsburgh-Niederlage nächste Woche aus.

Touchdown Jesus

Es gibt noch Menschen in Denver, die mehr ihrem Verstand als ihrem Bauch trauen. John Elway, selbst eine Art Säulenheiliger und Vizepräsident bei den Denver Broncos, meinte doch glatt, dass sein Team auf der Suche nach einem Quarterback noch nicht fündig wurde. Und das nachdem Tim Tebow sein Team vom Elend (1-4) auf Platz 7 der AFC (5-5) führte. Während ich diese Zeilen schreibe, haben die Broncos soeben bekannt gegeben, dass sie Kyle Orton verabschieden werden. Ich rate jetzt mal, wo der landen wird. 1000 Meilen Ost-Nord-Ost bzw. drei Absätze oberhalb. Warten wir ab, Chicago scheint jetzt aber logisch zu sein.

Die Broncos liegen jedenfalls auf der Lauer, nur ein Sieg trennt sie von Platz 1 der AFC West und wer das zu verantworten hat, das wäre schon wieder so eine „Mählich-Frage". Die Defense sei es, die Special Teams, die schwachen Gegner (Hallo Jets?) meinen manche, oder es wird gar vorweihnachtlich: Tim Tebows Aura bringt den Erfolg. Christliche Sportforen in den USA (Tebow ist Sohn von Missionaren und streng gläubig - nur falls es wer noch nicht wusste) sehen gar schon den Heiland wiederkehren. Ohhhkay.

Ich will sie jetzt nicht mit meinen Tebow-Gedanken quälen, da hat eh jeder seine eigenen dazu, aber es seien doch ein paar Dinge gesagt. Tebow macht so ziemlich alles falsch, was ein Quarterback falsch machen kann. Nach NFL-Standards, im College war das nicht so. Er macht allerdings in entscheidenden Momenten Säcke zu und das ist natürlich nicht nur per se etwas Richtiges, sondern auch nicht jedem Spieler gegeben (Hello, Mr. Rivers). Das Sieger-Gen muss man haben, das kann man sich nicht antrainieren. Da kann John Elway auch einen Kopfstand machen, wenn er es nicht verstehen will (derzeit applaudiert er eh brav in seiner Sky-Box, um danach zu feixen) und ihn auch Football-Mathematiker als statistischen Bust des Jahrzehnts enttarnen, wenn sie nur ein paar Zahlen ausblenden. Jede achte Completion ist ein Touchdown, jeder Lauf eine potentielle Gefahr. Fünf Spiele, zehn Scores, vier Siege. Period. Denver funktioniert wieder. Wer meint, dass das bloß ein chronologischer Zufall (oder gar Irrtum) wäre, das also „nur so halt" mit der Inthronisierung des Tebows zusammenfiel, sollte in sich gehen und dort bleiben. Mit „(There is) something magical about this kid", kommentierte Brad Nessler auf NFL-Network diesen finalen Touchdown von Tebow gegen New York. Wahrscheinlich weil es sich so gut anhört und einem sonst auch wenig mehr einfallen will, in solch seltenen Momenten des kreischenden Stillstands. Echt schön.

Das aktuelle Playoff-Bild der AFC (1-6 im Playoff):

1. New England Patriots (7-3, East)
2. Houston Texans (7-3, South)
3. Baltimore Ravens (7-3, North)
4. Oakland Raiders (6-4, West)
5. Pittsburgh Steelers (7-3, North)
6. Cincinnati Bengals (6-4, North)

Auf der Lauer:
7. Denver Broncos (5-5, West)
8. Tennesee Titans (5-5, South)
9. New York Jets (5-5, East)
10. Buffalo Bills (5-5, East)

Der Rest:
11. San Diego Chargers (4-6, West)
12. Cleveland Browns (4-6, North)

Programmierte Schlaflosigkeit

Ein langes TV-Programm steht ins Haus. Am Donnerstag zeigt ESPN America alle drei Thanksgiving-Spiele (GB@DET*****18:30; MIA@DAL**** 22:00 und SF@BAL***** 02:00). Der Blick auf die Paarungen verrät, dass man eigentlich alle drei Spiele sehen sollte. Am Sonntag wird es ein wenig entspannter bei BUF@NYJ*** (19:00), CHI@OAK*** (22:00) und PIT@KC** (02:00). Montagnacht folgt dann aber ein weiterer Kracher mit NYG@NO**** (02:30).

PULS 4 zeigt Sonntag ab 23:15 das Spiel Philadelphia Eagles vs. New England Patriots****, welches ich nach meiner Bye-Week zusammen mit Michael Eschlböck kommentieren werde. Hinweisen möchte ich noch auf das Magazin „NFL-Gameday", welches am Sonntag um 12:45 auf ORF Sport + zu sehen ist.

NFL-Ergebnisse Woche 11:

Denver Broncos       New York Jets        17 : 13
Cleveland Browns     Jacksonville Jaguars 14 : 10
Baltimore Ravens     Cincinnati Bengals   31 : 24
Atlanta Falcons      Tennessee Titans     23 : 17
Miami Dolphins       Buffalo Bills        35 : 8
Washington Redskins  Dallas Cowboys       24 : 27
Green Bay Packers    Tampa Bay Buccaneers 35 : 26
Detroit Lions        Carolina Panthers    49 : 35
Minnesota Vikings    Oakland Raiders      21 : 27
St. Louis Rams       Seattle Seahawks      7 : 24
San Francisco 49ers  Arizona Cardinals    23 : 7
Chicago Bears        San Diego Chargers   31 : 20
New York Giants      Philadelphia Eagles  10 : 17
New England Patriots Kansas City Chiefs   34 : 3
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  • Tim Tebow kam, spielte und gewann vier aus fünf. Denver "entsorgte" bereits Kyle Orton.
    foto: ©eric lars bakke/denver broncos media

    Tim Tebow kam, spielte und gewann vier aus fünf. Denver "entsorgte" bereits Kyle Orton.

  • Jay Cutler wird erst Anfang 2012 wieder für die Bears spielen können. Noch besteht in Chicago Hoffnung auf eine Playoff-Teilnahme.
    foto: epa/tannen maury

    Jay Cutler wird erst Anfang 2012 wieder für die Bears spielen können. Noch besteht in Chicago Hoffnung auf eine Playoff-Teilnahme.

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