Familienpolitik

Budgetpolitische Realitätsverweigerung

Kommentar der anderen | 22. November 2011, 19:00

Der Haushaltsfonds zur Familienförderung ist hoch verschuldet - Der VP-Vorschlag, Transfers zu erhöhen, erinnert an die SP-Haltung zur Studiengebührenfrage -Von Peter Rosner

Der zur Unterstützung der Familien eingerichtete Fonds (FLAF) hat seit einigen Jahren ein Defizit. Da die Zahl der Geburten nicht gestiegen ist, resultiert dieses Defizit (akut: 3,9 Mrd. Euro) aus der Ausweitung von Leistungen, etwa Erhöhungen der Familienbeihilfe, Veränderung beim Kindergeld. Finanziert wird der Fonds überwiegend durch eine Abgabe auf Arbeit, die bei den Unternehmen eingehoben wird.

Angesichts der Krise der öffentlichen Haushalte muss auch hier überlegt werden, was zu tun ist. Man könnte die Leistungen natürlich kürzen - das aber will keine der beiden Regierungsparteien.

Der für Familienpolitik zuständige Minister Mitterlehner schlug nun vor, die Mittel des Fonds nur mehr für die Aufgaben zu verwenden, für die er ursprünglich eingerichtet worden war, vor allem für die Zahlung der Familienbeihilfe. wodurch diese dann durch eine automatische Anpassung an gestiegene Preise erhöht werden könne.

Dieser Vorschlag zeugt von hoher staatspolitischer Vernunft: Der Fonds wird mehr Geld an die Haushalte überweisen, ohne mehr Mittel zu bekommen. Um den Rest soll sich wer anderer kümmern.

Die Finanzministerin hat bisher dazu geschwiegen, ebenso der Sozialminister, die Justizministerien und die Unterrichtsministerin - ebenjene vier Ministerien also, die von dieser Maßnahme direkt betroffen wären, da sie die anderen Zahlungen übernehmen müssten; Schulbücher, Zahlungen an die Pensionsversicherungen für Beiträge der Versicherten während der Karenzjahre, bevorschusste Unterhaltszahlungen und anderes. Auch Länder und Gemeinden wären betroffen.

Mittlerweile wurde eine neue Idee ins Spiel gebracht: Staatssekretär Schieder schlug vor, die Beiträge zu erhöhen und dabei die Berechnungsbasis für die Abgabe an den FLAF zu ändern. Nicht nur Löhne und Gehälter, vielmehr die ganze Wertschöpfung solle für die Bemessung herangezogen werden. Es würden in diesem Fall also nicht mehr nur die Arbeitseinkommen besteuert, sondern auch die Einkommen aus Kapital. - Die ÖVP hat diesen Vorschlag mit Hinweis auf eine dadurch entstehende Belastung der Unternehmen abgelehnt.

Es stimmt schon: Das gewünschte höhere Aufkommen bedeutet eine zusätzliche Belastung - wie immer man es finanziert. Die vorgeschlagene Veränderung der Bemessungsgrundlage würde vor allem kapitalintensive Unternehmen, also den Sektor Großindustrie stärker belasten (arbeitsintensive Produktionen wie im Dienstleistungsbereich wären dagegen wenig bis gar nicht davon betroffen). Das kann doch aber kein hinreichender Grund sein, den Vorschlag abzulehnen.


Grobe Fahrlässigkeit


Das Defizit im FLAF ist vorhanden und muss, wie in allen anderen defizitären Bereichen des Staatshaushalts, reduziert werden. Darüber besteht Einigkeit. Wenn der Vorschlag von Staatssekretär Schieder der ÖVP nicht behagt, dann ist sie verpflichtet, andere Ideen in Diskussion zu bringen. also zu sagen, wer mehr zahlen oder durch Kürzungen von staatlichen Leistungen belastet werden soll. Einfach à la Mitterlehner eine Verschiebung der Ausgaben in andere Ressort-Budgets zu verlangen, ist im wahrsten Sinn zu billig. Es geht schließlich um die Staatsschulden insgesamt.

Kurzum: Eine Ausweitung der Finanzierung mit dem Hinweis auf dadurch entstehende Belastungen abzulehnen, aber die Leistungen beibehalten zu wollen ist angesichts der Finanzkrise grob fahrlässig. Eines freilich kann die ÖVP dem Vorwurf zu Recht entgegenhalten: Sie ist nicht die Einzige, die so verfährt. Der SPÖ ist diese Methode nicht fremd - siehe die Debatte um Studiengebühren. (Peter Rosner, DER STANDARD; Printausgabe, 23.11.2011)

PETER ROSNER lehrt am Institut für Volkswirtschaft der Universität Wien.

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Posting 1 bis 25 von 29
1 2
Munis
11
23.11.2011, 18:17
Die Leistungen aus dem FLAF sind ausgeweitet worden???

Ich glaube ich träume. Das letzte Sparpaket hat fast ausschließlich Familien betroffen. Die 13. Familienbeihilfe ist futsch und für Studenten ist ab dem 24. Lebensjahr Schluss. Die DINKs und Singles ohne Kind hat das letzte Sparpaket kaum getroffen. Bei den Familienleistungen ist Ö nur mehr im Mittelfeld, das gibt auch Mitterlehner zu. Generell glaube ich, dass für den Mittelstand Kinder zu teuer sind. Man wird von den DINKs und kinderlosen Singles massiv zu den Familien umverteilen müssen. Diese Gruppe trägt nichts zum Generationenvertrag bei und muss von den Kindern anderer im Alter alimentiert werden. Auch das Pensionssystem muss zugunsten von Menschen, welche Kinder grossgezogen haben, verändert werden.

guenne2
11
23.11.2011, 14:44
jetzt LIF

dieses schauspiel in österreich wird immer unerträglicher! jeder intelligente mensch ist eingeladen, beim aufbau einer alternative für die nächste wahl mitzuhelfen: www.liberale.at

Briefmarkenkleber
00
23.11.2011, 19:05
wäre da nicht die empirie...

hurchzua
01
23.11.2011, 15:11
wie oft kann man scheitern,

bis man es wirklich glaubt?

house
12
23.11.2011, 11:17

Trotz Kindergeld bzw. Familienbeihilfe ist die Geburtenrate in Ö nicht gestiegen. Somit stellt sich die Frage, ob diese Strategie nicht gescheitert ist bzw. ob es nicht sinnvoller wäre, die Kinderbetreuungsplätze auszubauen. Damit wäre den arbeitenden Eltern sicher besser geholfen.

hurchzua
01
23.11.2011, 13:19
zwischen Kinderbetreuungsplätzen und Geburtenrate gibt es noch weniger Zusammenhang

Die höchsten Geburtenraten der EU haben Irland und Malta, obwohl es praktsich keine Kinderkrippen gibt.

Dagegen sind in Osteuropa die Plätze vorhanden (Folge der kommunistischen Politik) und die Geburtenraten dennoch im Keller.

Die Entscheidung zum Kind ist eben in erster Linie eine der gesellschaftlichen Einstellung.

Bergal
14
23.11.2011, 10:58
Ideenlos

Da wird gejammert und auf der anderen Seite wird Kinderbeihilfe in vollem österreichischen Ausmaß, ohne jede genaue Überprüfung ob es diese Kinder überhaupt gibt, ins Ausland überwiesen. In Summer erhalten diese Familien für 3 Kinder mehr als der Durchschnittsverdienst in diesen Ländern beträgt. Das kostet dem Staat jährlich zig Millionen, aber wie üblich wird nichts geändert.

stuana
11
23.11.2011, 11:44

Daran lässt sich auch nicht viel, basiert die Regelung doch auf europäische Vorschriften. Diese sollen dafür sorgen, dass alle Arbeitnehmer in einem Land dieselben sozial(rechtlich)en Begünstigungen, Zuschüsse etc. bekommen.
Österreich hat eben sozialen Zuschüsse, unter denen auch die Familienbeihilfe fällt, die weit höher sind als in den meisten anderen Staaten (vor allem im Vergleich zu den osteuropäischen Ländern).

Bergal
02
23.11.2011, 11:55
In Stein gemeißelt?

Laut unseren Politikern beschließen immer die bösen Anderen in der EU die Regelungen, aber anscheinend hat kein Politiker Interesse falsch laufende Regelungen zu hinterfragen und eventuell gar einen Versuch für eine Novellierung zu starten. Zahlen tun es ja eh die Steuerzahler, also ist es ihnen egal.

Spitzmaus
15
23.11.2011, 09:49
Die massive Verschuldung des FLAF begann...

...mit der Einführung des Kindergeldes in der Schüsselära. Kindergeld bekommen alle auch jene die nie etwas zur Finazierung beigetragen haben (Bartenstein & Co, Beamte, Bauern, etc.). Die Sinnhaftigkeit eines Kindergeldes nach dem Gießkannenprinzip ist daher zu hinterfragen.

hurchzua
21
23.11.2011, 15:13
Das glauben sie nicht einmal selbst

der FLAF war in seiner Geschichte immer wieder überschuldet - mit dem Kindergeld hängt das nicht zusammen.

bunter wimpel
00
28.11.2011, 17:04
FALSCH

bluebeard's 8th wife.
01
26.11.2011, 19:34

das lässt sich mit der schuldenentwicklung des flaf leicht widerlegen.

finding
00
23.11.2011, 14:10

Zustimmung, was die Verschuldungshistorie betrifft, ist jetzt auch leicht herauszulesen in der neuen IHS-Studie. http://www.bmwfj.gv.at/Familie/F... f-2011.PDF Polemisch könnte man (im Kreis von FLAF-Kennern) sagen, Schüssel hatte zuviel Geld im FLAF-Topf, hat ihn populistisch und/oder absichtlich überfrachtet und somit ruiniert!
Aber bitte: Ihr letzter Satz ist auch wegen der Termini technici Kindergeld und Familienbeihilfe doch zu leicht misszustehen...

17+4
00
23.11.2011, 09:27
da gibt es wohl einen Unterschied zwischen Familienförderung und Studiengebühren

ausser, dass es sich in beiden Fällen um Geld handelt.
Die Familienförderung hört ab einem gewissen Alter des geförderten Kindes auf, die Studiengebühren sind reine Anwesenheistssteuern, ohne dass eine Leistung dahinter stehen muss und diese Leistung, sofern sie überhaupt erbracht wird, auch nicht einklagbar ist.
Wie ist es zu begünden, dass jemand, der die doppelte zeit für ein Studium braucht, dafür auch den doppelten Beitrag bezahlen muss, die Leistung der Universität wird dadurch nicht mehr und Karteileichen kosten nichts. Oder ist diese Studiengebühr wie eine Krankenversicherung und KFZ-Versicherung zu behandeln, wo man auch zahlt wenn man sie nicht braucht.

her wig
02
23.11.2011, 08:39
Ein Musterbeispiel

für das bisherige Vorgehen der Politik in vmtl. allen Bereichen: Mehr Leistung auszahlen? Ja, gerne! Mehr Steuern dafür einheben? Nein, niemals! Wie lösen wir den Konflikt? Mehr Schulden.

The Chaos Path
02
23.11.2011, 10:18

nein, das problem ist, dass man prinzipiell niemals in irgendeinem ressort grund sieht zu sparen, sondern immer nur mehr geld auszugeben. kein einziges ressort will das geld, das es sich erstritten hat hergeben, ganz egal ob es drum um wichtige gesellschaftspolitsche aufgaben geht oder eben nicht. anscheinend ist es unmöglich in österreich eine sinnvolle finanzstrategie für alle ressorts zu erstellen.

ich kapituliere
01
23.11.2011, 09:41

Das Grundproblem des FLAF ist nich mal so sehr die Leistungen, sondern vielmehr, dass nur ein Teil der Bevölkerung - wie immer die Arbeitnehmer (Lohnnebenkosten muss der Arbeitnehmer schließlich dem Unternehmen erst erwirtschaften) - in den Topf einzahlt, aber alle rausnehmen dürfen. Das schafft natürlich ein Ungleichgewicht.

Hubert Ungeist
 
01
23.11.2011, 05:35
Die Pensionen müssen angepasst werden aufgrund der Inflation

stimmts. Bei den Familien gibts die wiederum aber nicht, wann wurden denn zuletzt die Familienbeihilfe inflationsbereinigt?

ich kapituliere
01
23.11.2011, 09:43

Nur Pensionisten haben Vertrauensschutz und genießen "Vorteile" wie Valorisierungen. Familien sind ein zu kleines Wählerpotential.

finding
20
22.11.2011, 22:39
Ja, und?

Wofür plädiert nun der Volkswirtschaftler Rosner? Bekennen Sie, argumentieren Sie! Mehr Geld eintreiben oder Leistungen kürzen? Oder sind Sie Neutralist und im Nachhinein immer fein heraußen?

Die Familienpolitik gehört grundsätzlich und im engen Zusammenhang mit der gesamten Steuerpolitik (Arbeit/Kapitaleinkommen) neu aufgerollt; aber jetzt während der Banken-, Schulden- und Eurokrise wird und kann das nicht passieren. Diese Chance wurde wie Etliches beim Doppelbudget unter dem Landwirte-V-Mann und Ankündigungsminister Pröll schmählich versäumt. Seine Nachfolgerin muss jetzt andere Milliardenziffern als die des FLAF überblicken, zumindest für ein paar mediale Stehsätze.

Karl-Napp-mit-der-Batschkapp
00
23.11.2011, 14:14
Ich bin froh,

daß ein Volkswirtschaftler einen Mißstand aufzeigt, ohne eine Lösung anzubieten. Denn es ist nicht Aufgabe eines Volkswirtschaftlers, politische Entscheidungen zu treffen.

Jo-Jo
02
23.11.2011, 07:14
Ich hab auch VW studiert

Vielleicht versteh ich den Rosner deswegen. Obwohl, so schwer wär's gar ned ....

Es ist ihm am wichtigsten, dass die Ausgaben finanziert werden. Wie ist sekundär. Nur kein Defizit mehr - oder zumindest weniger Defizit.

Und er watscht die wählerstimmen-optimierenden Koalitionsparteien dafür ab, das nicht zu tun. Obwohl sie aktuell sehr viel von der "Schuldenbremse" reden. Wasser predigen, Wein trinken, quasi.

Verstehen würd' das eigentlich jeder HAK-Maturant glaub' ich. Wenn nicht, wird er die Rechnungswesen-Matura nicht schaffen.

finding
01
23.11.2011, 13:46

Ich habe zwar nicht VWL studiert – aber stellen Sie sich vor, auch ich verstehe, dass die lässige Schuldenpolitik und Weiterschieberei in die Krise geführt hat. (Und der ausgeuferte FLAF ist ein Mikro-Exempel dieser Misswirtschaft.) Auch beim Blabla zur Schuldenbremse sind wir uns wohl einig.
Was mein Unbehagen auslöste: Rosner erweckt bei mir den leisen Eindruck, den Schieder-Vorschlag übernehmen zu wollen, so dass einfach mit Mehreinnahmen alles weitergehen kann wie bisher. Ich bin absolut für eine steuerliche Neuordnung der Faktoren Arbeit und Kapital, aber nicht so anlassbezogen und wieder nur ein Löchlein stopfend wie in diesem isolierten Schieder-Vorschlag. Der führt zu nichts. Sollten Sie als Volkswirt eigentlich gut verstehen ;-)

C2R
03
22.11.2011, 22:01
Transparenz des FLAF

Wenn Herr Rosner die Probleme der Finanzierung des FLAF nicht vollständig darstellt, ist das seine Sache.
Fakt ist jedenfalls, dass es kein Defizit gäbe, wenn auch der Bund für seine Beamten über all die Jahre Beiträge eingezahlt hätte.
Diese Ungleichbehandlung sollte gerichtlich geprüft werden!

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