Istanbul

Ergenekon-Aufdecker vor dem Richter

22. November 2011, 18:20

Prozessbeginn gegen türkische Investigativ-Reporter Ahmet Sik und Nedim Sener sowie zwölf weitere Reporter und Publizisten

Istanbul - Im neuen Justizpalast von Istanbul, einem enormen kreisrunden Betonbau an einer Stadtautobahn, haben sie den größten Saal bekommen: Am Dienstag begann der Prozess gegen Ahmet Sik und Nedim Sener, die mittlerweile bekanntesten Journalisten der Türkei, sowie zwölf weitere Reporter und Publizisten.

Der kafkaeske Fall der beiden investigativ arbeitenden Journalisten hat der türkischen Regierung viel internationale Kritik und Mahnungen seitens der EU eingebracht. Sik und Sener, so die Anklage, sollen für den angeblichen Geheimbund Ergenekon tätig sein. Dabei waren es die zwei, die maßgeblich zur Aufdeckung von Verschwörungsplänen nationalistischer Kreise in der Türkei gegen die konservativ-muslimische Regierung von Premier Tayyip Erdogan beigetragen hatten.

Vor dem Justizpalast, wo sich um die 200 Unterstützer der inhaftierten Journalisten versammelt hatten, zeigte sich Ercan Ipekci, der Chef der türkischen Journalistenvereinigung, kämpferisch: "Wenn es einen Preis zu zahlen gibt, dann sind wir bereit dazu. Wir kennen ihn. Wir fordern Pressefreiheit für alle." 71 Journalisten sind derzeit nach Angaben von NGOs in der Türkei in Haft.

Seit Sener in Untersuchungshaft ist, habe es in der Türkei nirgendwo mehr in den Medien auch nur ein winziges von Journalisten aufgedecktes Detail gegeben, schrieb dieser Tage Kadri Gürsel, ein renommierter außenpolitischer Kommentator der Zeitung Milliyet. "Unser Problem ist, dass der investigative Journalismus, der die beobachtet, die politische Macht haben, und vor allem verfolgt, wie öffentliche Mittel verwendet werden, wegen des herrschenden Autoritarismus nicht mehr praktiziert werden kann." Sener und Siks Anwälte stellten einen Antrag auf Entlassung des Richters wegen Befangenheit.(mab/DER STANDARD; Printausgabe, 23.11.2011)

Eins von Gottes Ebenbildern
02
23.11.2011, 12:00

Da schreibselt der Herr Außenminister salbungsvoll, dass die Verfolgung der freien Presse so scheußlich sei:

http://derstandard.at/131918352... werk-legen

Schon im EU-Nachbarland Slowakei wird aufgedeckt, dass der Geheimdienst gegen unliebsame Journalisten ermittelt (vom Abhören zum Verschwinden lassen ist´s nur ein kleiner Schritt).

In der Türkei werden treffsichere Journalisten vor Gericht gestellt (naja, besser als Verschwinden lassen allemal), und unser Herr Außenminister schreibt Gastkommentare für die Zeitung.

Wärs nicht an der Zeit, dass sich Herr Spindelegger hier mal tatsächlich in Pose wirft und den behaupteten Schutz der schreibenden Zunft öffentlichkeitswirsam einfordert?
Ist die Hose schon voll?

lg mensch

Kottan's Erben
 
20
23.11.2011, 03:22
Hallo Herr Erdogan

der Standard freut sich auf Ihren EU-Beitritt.

M P8
00
24.11.2011, 09:52
falsch ausgedrückt

Richtig ist: Die EU tritt allenfalls der Türkei bei und nicht umgekehrt.

Lilly Rush
 
02
23.11.2011, 12:44

Zumidest sind die türkischen Journalisten den österreichischen weit voraus.
Die decken wenigstens noch auf! Unsere lassen sich nur noch anfüttern.

Kottan's Erben
 
00
24.11.2011, 01:54
Was die Journalisten angeht, so sind wir uns einig

Zu den bei uns tätigen Journalisten verweise ich auf Noam Chomsky's Artikel
http://zmag.de/artikel/W... tream-sind

Zudem, da gebe ich ihnen völlig recht, ist es doch auffallend, dass die Journalisten der westlichen Welt sehr flexibel sind. Erst schreiben sie für einen Adolf H. - später für einen Erich H. - dann für einen Joschka F. Selbst die übelsten Hetzer spitzten den blutigen Stift nach jedem Systemwechsel blitzebank und schreibselten weiter.

Dennoch, es ist hier nicht mehr Praxis, Journalisten jahrelang wegzusperren. Selbst wenn die zufälligerweise mal die Wahrheit sagen.

(Obwohl: Wikileaks sagt die Wahrheit, die reine Wahrheit - und im Westen kommt nichts anderes als in der Türkei dabei heraus).

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.