Neue Zweifel an allzu schnellen Neutrinos

Vergangene Woche bestätigten Physiker Messungen von Teilchen mit Überlichtgeschwindigkeit - Doch scheinen sie durch ein zweites Experiment widerlegt zu werden - sehr zur Erleichterung eines britischen Physikers

Genf/London/Wien - Auch so kann man seine Zweifel an (allzu) spektakulären Forschungsergebnissen zum Ausdruck bringen: Der britische Physiker Jim Al-Khalili von der Uni Surrey gelobte, seine Boxershorts live im britischen Fernsehen aufzuessen, wenn sich tatsächlich bestätigen sollte, dass Neutrinos schneller unterwegs sind als das Licht.

Zur Erinnerung: Im September hatten Physiker der sogenannten Cern-Opera-Kooperation gemeldet, dass die Neutrinos, die sie von Genf zum 732 Kilometer entfernten Gran-Sasso-Laboratorium unter dem gleichnamigen Gebirge in Mittelitalien schickten, ein wenig zu schnell dort waren: Die exotischen Teilchen, für die praktisch jegliche Materie "wie Luft" ist, brauchten 60 Milliardstel Sekunden weniger als das Licht. Sie hatten also nach rund drei Tausendstelsekunden ungefähr 20 Meter Vorsprung vor dem Licht.

Das behaupteten zumindest die Opera-Physiker in einem "vorläufigen" Artikel, deren Veröffentlichung sofort mächtig Staub aufwirbelte: Denn wenn die Ergebnisse stimmen sollten, dann wäre dadurch unter anderem auch Albert Einsteins Relativitätstheorie in ihren Grundfesten erschüttert. Die besagt nämlich, dass die konstante Geschwindigkeit des Lichts von 299.792,458 Kilometern pro Sekunde unübertreffbar ist.

Jim Al-Khalili war sich sicher, dass es sich um einen Messfehler handelt und verkündete wenige Tage später seine Unterhosenwette. Vergangene Woche sah er sich nun mit Aufforderungen konfrontiert, sein Versprechen einzulösen: Die Opera-Ergebnisse wurden nämlich bestätigt - allerdings vom gleichen Team mit demselben Experiment.

Das ließ Al-Khalili nicht gelten und verwies nun auf das sogenannte Icarus-Experiment, dessen erste Ergebnisse zwar auch schon wieder einige Wochen alt sind, aber Zweifel an der Überlichtgeschwindigkeit schüren.

Die Physiker des Icarus-Experiments untersuchten den gleichen Neutrino-Neurinostrahl wie die Opera-Kollegen, nur maßen sie nicht die Geschwindigkeit, sondern die Energie der Teilchen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Das ist nicht ganz trivial. Wie der Physiknobelpreisträger Sheldon Glashow und Andrew Cohen unmittelbar nach den ersten Opera-Ergebnissen im Fachblatt Physical Review Letters voraussagten, müssten die ultraschnellen Neutrinos wegen der sogenannten Tscherenkow-Strahlung auf dem Weg nach Gran Sasso Energie verlieren und dort nur mehr mit höchstens zwölf Giga-Elektronenvolt (GeV) ankommen.

Doch genau das dürfte nicht passiert sein: Die Neutrinos haben laut den ebenfalls noch nicht offiziell publizierten Messungen Energien von 40 GeV und mehr. Al-Khalili scheint also erst einmal aus dem Schneider, auch wenn die Sache noch nicht endgültig entschieden ist. Das wird für die nächsten Monate erwartet, wenn weitere drei Experimente zur Neutrino-Geschwindigkeit in Italien, Japan und den USA ihre Resultate veröffentlichen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2011)

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