Schiiten-Proteste mit Eskalationsgefahr

Analyse22. November 2011, 18:38
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Kurz vor dem mit vielen Emotionen verbundenen schiitischen Trauertag Ashura wird eine Eskalation befürchtet

Riad/Qatif/Wien - Auch in Saudi-Arabien hat es im Jahr des Arabischen Frühlings kleinere Kundgebungen gegeben, fast alle im Osten des Landes, wo die Siedlungsgebiete der Schiiten liegen. Am Wochenende hat in al-Qatif der Tod eines 19-Jährigen zu Protesten geführt, bei denen laut Aktivisten am Montag "Querschüsse" zwei weitere junge Menschen, darunter ein Mädchen, getötet haben.

Die Behörden dementieren, dass die Demonstranten durch Polizeischüsse zu Tode kamen. Das Innenministerium gab bekannt, beim ersten Erschossenen, Nasser al-Mheishi, 15 Molotow-Cocktails gefunden zu haben. Der junge Mann sei "von Unbekannten" - ein Hinweis auf den Iran - dazu gebracht worden, die Polizei zu provozieren.

Die Schiiten beklagen, dass, seit in Qatif und Awamiya - wo es zuletzt im Oktober Proteste gab - eine Bereitschaftspolizeitruppe aus Riad zum Einsatz kommt, die brutale Repression steigt. Kurz vor dem mit vielen Emotionen verbundenen schiitischen Trauertag Ashura - an dem des Tods von Imam Hussein, Enkel des Propheten Muhammad, in einer Schlacht mit den Sunniten im Jahr 680 gedacht wird - sei nun eine Eskalation zu befürchten.

Für die saudi-arabischen Behörden steckt der Iran dahinter - wie überall, wo sich in sunnitischen Ländern Schiiten auflehnen, die oft als "fünfte Kolonne" des Iran betrachtet werden, auch wenn sie selbst nicht mit der Islamischen Republik sympathisieren. Das Gegenstück dazu bildet die iranische Berichterstattung über die Vorfälle in Qatif und das brutale Vorgehen in Saudi-Arabien gegen jede demokratische Regung. Oft werden die Berichte mit dem Hinweis auf die "zionistische" Arabische Liga versehen, die in diesem Fall nicht die Stimme erheben wird: anders als gegen das Regime in Syrien, dessen Sturz Saudi-Arabien in den Kram passe.

Dass die Schiiten im wahhabitischen Königreich Saudi-Arabien schwer diskriminiert sind, stellt unter anderem ein Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums von 2009 fest. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2011)

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    Schon im März kam es in al-Qatif zu Protesten von Schiiten.

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