"Zivilisten müssen das Ruder übernehmen"

Reportage22. November 2011, 17:57
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Am vierten Tag der Proteste gegen die Sonderrolle der Armee suchte der regierende Militärrat in Kairo nach einer politischen Lösung

Trotz der Brutalität der Sicherheitskräfte wichen die Demonstranten nicht.

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Mohammed kommt von der "Front". Seine Augen sind rot, sein Gesicht ist geschwollen. Er ringt nach Atem. Im Zentrum des Tahrir-Platzes lässt er sich im Notlazarett versorgen. Es besteht aus Wolldecken und ein paar Planen. "Ist das menschenwürdig?", fragt der junge Buchhalter.

Die "Front" ist knapp zweihundert Meter entfernt in der Mohammed-Mahmoud-Straße Richtung Innenministerium. Dort gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Auf lärmenden Motorrädern werden die Verletzten fast im Sekundentakt abtransportiert, allesamt junge Männer, manche noch fast Kinder. Die schweren Fälle, viele Augenverletzungen, werden ins Notspital in der Omar-Makram-Moschee gefahren.

Die Demonstranten wollen die Sicherheitskräfte zurückdrängen, damit sie kein Tränengas auf den Platz schießen könnten. "Wir verteidigen nur unseren Traum von der Freiheit. Wir wollen frei demonstrieren. Niemand will das Innenministerium stürmen. Wir werfen keine Steine. Sie schießen dennoch direkt auf uns" , sagt Mohammed.

Aggressiveres Gas

In regelmäßigen Abständen weht eine beißende Tränengaswolke herüber. Das Gas ist viel aggressiver als jenes, das im Januar eingesetzt wurde. Ein normaler Mundschutz nützt nichts, es bedarf richtiger Gasmasken. "Es enthält CR, einen chemischen Stoff" , weiß ein älterer Herr. Krankenschwestern und freiwillige Helfer mischen Wasser und Epicgel, ein Gegenmittel zum Gas, in Sprayflaschen. Viele Demonstranten haben deshalb maskenartige, weiße Gesichter. "Im Moment ist das Lazarett ausreichend versorgt" , meint ein Apotheker vom Roten Halbmond. Seit Ausbruch der Unruhen vor vier Tagen sind mindestens 33 Menschen getötet, fast 2000 verletzt worden.

"Auf diesem Platz ist das ägyptische Volk König" , steht auf einem großen Transparent in der Mitte des historischen Platzes. "Dafür demonstrieren wir, dass die Macht dem Volk gehört und die Bürger auch das Militär kontrollieren. Zivilisten müssen das Ruder übernehmen" , sagt Ihab, ein 42-jähriger Geschäftsmann.

Vieles erinnert an die ersten Tage der Revolution. Es gibt keine Parteifahnen, nur die Landesfarben. Die Menschen sind einfach als Ägypter hier. Wahlen würden derzeit keinen Sinn haben, findet Ihab, weil ja nicht einmal klar sei, welche Befugnisse ein solches Parlament hätte. Auch Mohammed hält nichts von Wahlen. Er will, dass der regierende Militärrat endlich mit den Jungen und den gewöhnlichen Ägyptern redet, die diese Revolution machen.

Wut und nicht Euphorie prägen die Stimmung unter den Demonstranten. Regelmäßig branden Losungen gegen Feldmarschall Hussein Tantawi auf. Zehntausende kommen am Nachmittag zum Millionenmarsch, zu dem Aktivisten und viele politische Gruppierungen aufgerufen haben. Im Netz zirkulieren Aufrufe zum Sammeln von Decken, Helmen, Handschuhen, Masken, Medizin und Nahrungsmitteln, und die Resonanz ist groß. Im Rest der Stadt herrscht eine ungewöhnliche Ruhe.

Muslimbrüder boykottieren

Während die Salafisten, die ultrakonservativen Muslime, auf dem Platz gut sichtbar sind, ha-ben die Muslimbrüder die Teilnahme am Millionenmarsch abgesagt. Die Lage müsse jetzt beruhigt und nicht angeheizt werden. Sie beteiligten sich aber an dem politischen Dialog, zu dem der Oberste Militärrat am Dienstag geladen hatte. Dem Rücktritt der Regierung von Essam Sharaf haben die regierenden Generäle noch nicht zugestimmt. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Tahrir-Platz in der Nacht: Die Bilder aus den Revolutionsmonaten Jänner und Februar wiederholen sich.

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