Rundschau: Advent des Fliegenden Spaghettimonsters

    Ansichtssache17. Dezember 2011, 10:13
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    Neue Bücher von Ted Chiang, Chan Koonchung, Connie Willis, Paul McAuley, Jack McDevitt und anderen

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    coverfoto: golkonda

    Ted Chiang: "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes"

    Kartoniert, 200 Seiten, € 15,40, Golkonda 2011/12

    Ist schon schräg, was einen manchmal auf einen Autor anfixen kann. Bei Ted Chiang war's für mich das Wort Onager. Womit hier nicht die Belagerungsmaschine gemeint ist, sondern der Asiatische Wildesel. Denn es waren nicht einfach "Lasttiere", die Ted Chiang 1990 in seiner ersten Kurzgeschichte "Tower of Babylon" zur Karawane formierte, und auch keine bloßen "Esel" - nein, eben "Onager". Das mag wie ein vollkommen unbedeutendes Detail erscheinen, aber es steht auch irgendwie symbolisch für das Bemühen eines Autors, stets die größtmögliche Präzision einzuhalten. Eine Philosophie, die sich vor allem in der Akribie äußert, mit der Chiang die Konsequenzen einer Ausgangsidee berücksichtigt, was seinen Geschichten einen unvergleichlichen Grad an Durchdachtheit verleiht. Und was seinerseits wieder - eine schöne Kausalkette von Ursache und Wirkung, Chiang würde sich freuen - dazu geführt hat, dass der gelernte Computerwissenschafter aus den USA ein Verhältnis von Output und Literaturpreisen erzielt hat, das so nahe an 1:1 herankommt wie bei wohl keinem anderen SF-Autor. Jetzt - genauer gesagt ab Jänner - gibt's Chiang endlich auch auf Deutsch.

    "Ausatmung" ("Exhalation") zeigt den unverwechselbaren Chiang-Stil in beispielhafter Weise: Gekleidet in die Form eines Forschungsberichts eines nicht-menschlichen Wissenschafters sorgen darin zunächst einmal die exotischen Details für Staunen. Wir befinden uns offenbar in einem durch Chromwälle begrenzten Universum, dessen metallische Bewohner Argon atmen und täglich ihre verbrauchten Aluminium-Lungen gegen neue austauschen. Damit schafft Chiang aber nur ein möglichst fremdartiges Setting, um verallgemeinerbare Themen wie die Entropie, den Energieerhaltungssatz oder die Unmöglichkeit von Perpetuum mobiles zu illustrieren. Der Erzähler führt eine Biopsie an seinem eigenen Gehirn durch und kann so endlich die alte Streitfrage klären, in welchem Medium die Gedanken seines Volkes gespeichert sind. Allerdings deduziert er aus dieser Erkenntnis auch das Wissen um das unvermeidliche Ende seiner Kultur und seines ganzen Universums - sein Appell am Ende ist zugleich Chiangs zentrale Botschaft.

    Fünf Geschichten sind in "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes" enthalten, drei davon erschienen - zusammen mit einigen weiteren - im englischsprachigen Sammelband "Stories of Your Life and Others" (hier der Link zur damaligen Rezension). Die Titelgeschichte ("Hell Is the Absence of God") denkt religiöse Dilemmata weiter. In der hier beschriebenen Welt - einer alternativen Version unserer Gegenwart - ist Glauben im wörtlichen Sinne gegenstandslos. Der biblische Gott existiert, das beweisen nahezu täglich Engel, deren Manifestationen Wunderheilungen ebenso wie Katastrophen auslösen; nicht zu vergessen die Visionen von Himmel und Hölle, die sich den Menschen ebenso regelmäßig offenbaren. Statt Glauben geht es hier also nur um die bedingungslose Hingabe - doch wie liebt man einen Gott, der offensichtlich völlig willkürlich straft und belohnt? Damit hat nicht nur der Protagonist Neil Fisk, der seine Frau beim Erscheinen eines Engels verlor, zu raufen. Neils weiteres Schicksal wird auch auf die LeserInnen lange Zeit nachwirken.

    In "Der Turmbau zu Babel" ("Tower of Babylon") gibt das antike geozentrische Weltbild tatsächlich die Realität wieder. Daher wird das Vorhaben, von einem Turm aus das Himmelsgewölbe anzubohren, Erfolg haben. Was das Expeditionskorps an der Spitze seines steinernen Weltraumlifts dann vorfindet, hat man allerdings nicht vorhergesehen ... und hätte es doch müssen. - "Geschichte deines Lebens" ("Story of Your Life") dreht sich um den Kontakt zu einer außerirdischen Spezies, deren Schrift nicht linear ist. Wer den Anfang eines Satzes kennt, nimmt zugleich auch dessen Ende und alles Dazwischenliegende wahr. Als sich die Linguistin Louise Banks in diese Kommunikationsform einarbeitet, ändert sich damit gemäß der Sapir-Whorf-Hypothese auch ganz allmählich die Struktur ihres Denkens - und diese bestimmt die Chronologie, in der die Geschichte erzählt wird. Lässt sich viel besser lesen als in einem Absatz beschreiben. Sehr beeindruckende Geschichte; wie auch alle anderen.

    Die neben "Ausatmung" zweite Erzählung, die nicht in "Stories of Your Life and Others" enthalten war, ist "Der Kaufmann am Portal des Alchemisten" ("The Merchant at the Alchemist's Gate") und zeigt, dass Chiangs Werke jede beliebige Form annehmen können, ohne dadurch an Klarheit im Kopf einzubüßen. Hier ist es die eines Märchens aus 1001 Nacht. Unterwürfig berichtet der Stoffhändler Fuwaad ibn Abbas dem Kalifen von Bagdad, wie er beim Meister-Handwerker Bashaarat ein Tor vorfand, durch das man 20 Jahre in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen kann. Doch weder die eine noch die andere ist veränderbar, wie Bashaarat Fuwaad anhand von drei Geschichten über drei Zeitreisende demonstriert. Besonders vergnüglich dabei der Wettstreit der Argumente zwischen den beiden: Wenn man weiß, dass man in 20 Jahren noch am Leben sein wird, könnte man sich doch eigentlich ohne Bedenken in jede Schlacht stürzen. - Ah, aber würde jemand, der solche Gedanken hegt, in 20 Jahren tatsächlich ein älteres Ich vorfinden?

    Dass alles Künftige ebenso wie alles Vergangene festgeschrieben und unveränderlich ist (egal, ob in Begriffen wie Selbstkonsistenz, Minkowski-Würfel oder Allahs Wille ausgedrückt), mag auf den ersten Blick niederschmetternd wirken. Und doch gibt es Raum für Trost, wie Fuwaad am eigenen Leib erfahren wird. Und so wie in dieser Geschichte mit Schicksal und freiem Willen das scheinbar Unvereinbare unter einen Hut gebracht wird, so verhält es sich auch mit Chiangs Geschichten insgesamt: Sie sind auf der einen Seite elegant gelöste Gleichungen, auf der anderen pure Poesie. Was ein verdammt staunenswerter Trick ist, den Chiang ein ums andere Mal wieder hinzaubert.

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