Rundschau: Advent des Fliegenden Spaghettimonsters

Ansichtssache17. Dezember 2011, 10:13
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coverfoto: eraserhead press

Cameron Pierce (Hrsg.): "Amazing Stories of the Flying Spaghetti Monster"

Broschiert, 228 Seiten, Eraserhead Press 2011

Die sommerliche Realsatire um Niko Alms Führerscheinfoto mag für viele der Erstkontakt mit dem Pastafarianismus gewesen sein - für andere war die Religionsparodie rings um das Fliegende Spaghettimonster da natürlich schon längst ein alter Hut bzw. ein altes Nudelsieb. Wer mehr zum FSM wissen möchte, kann dies in Bobby Hendersons "Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters" nachlesen. Bizarro-Autor Cameron Pierce, mit "Shark Hunting in Paradise Garden" selbst schon auf religiösen Irrwegen gelustwandelt, will seine neue Anthologie denn auch als gnostic supplement zu diesem Evangelium verstanden wissen. 23 "Amazing Stories" hat er hier versammelt, und mit Namen wie Jeffrey Thomas, Mykle Hansen, Andersen Prunty, Cody Goodfellow, Bruce Taylor oder Kevin L. Donihe ist hier auch so einiges an Bizarro-Prominenz vertreten.

Dem Thema entsprechend wimmelt es in den 23 Kurzgeschichten nur so vor religiösen Topoi, die "bis zur Kenntlichkeit entstellt werden", wie das so schön abgedroschen heißt: Erleuchtungsmomente, Glaubenskriege, Propheten und Märtyrer, Apokalypseerwartungen und und und. Mykle Hansen etwa, der sich mit "Help! A Bear Is Eating Me!" und "The Cannibal's Guide to Ethical Living" als Großmeister des schwarzen Humors erwiesen hat, macht in "How I Became A Famous Author" sich bzw. seinen Ich-Erzähler zum Born Again Pastafarian. Schön, wie er vor allem den Aspekt der Selbstgefälligkeit herausstreicht, der dergleichen Erweckungsgeschichten stets durchdringt - hier musste der Bekehrte auf seinem Weg zu Ruhm und Geld erst mal so tief sinken, dass sich sogar seine Katze den goldenen Schuss gesetzt hat. Weniger Glück haben da schon die Protagonisten von Kirk Jones' "The Noodly Appendage That Feeds You" und Steve Lowes "Praise The Lord And Pass The Parmesan" nach ihren jeweiligen Transzendenzerlebnissen: Ersterer wird als Ketzer massakriert, letzterer gerät in eine tragikomische Rachegeschichte inklusive Torture-Porn-Einschlag und vergeblichen Versuchen, in einer Filiale der Restaurantkette "Olive Garden" einen Gottesdienst zu feiern.

An die Frühzeit des Christentums erinnert Len Kuntz in "Belief Without Evidence", in dem Kampfjets das sich am Himmel manifestierende FSM vertreiben. Von nun an erwarten seine treuen AnhängerInnen täglich seine Wiederkehr, woraus zu ihren Lebzeiten aber wohl nichts mehr werden dürfte. Da fackelt man in "How We Got Rid Of You (And How We Got Along After)" von Cody Goodfellow nicht lange: Weil der religiöse Teil der Menschheit das dauernde Warten auf die Apokalypse satt hat, führt man sie kurzerhand selbst herbei. Hinter schwarzen Pointen (z.B. der Ausrottung aller säkular Gesinnten durch eine tückisch ausgetüftelte iPhone-App) scheint hier sogar ein Tick echte spirituelle Verzweiflung durchzuschimmern.

Einige Geschichten machen das FSM selbst zur Hauptfigur: "Inside The Monster's Studio" von S. G. Browne etwa ist das Transkript einer Talkshow, in der das FSM über seine Kumpels Godzilla und Mothra und seine sprunghaft ansteigende Zahl an Facebook-Freunden quasselt. Den Sprung hat es in "Down And Out In Mythos City" von Adam Bolivar noch nicht geschafft - hier muss es erst mal vor einem Tribunal etablierter Gottheiten wie Thor, Jehova und (huch?) Charlie Sheen antanzen, die über seinen Gott-Status abstimmen. In "Grumpy Old Gods" von David W. Barbee ist ihm dieser mitsamt einem eigenen Häuschen im Suburb der Götter bereits zuerkannt worden - wäre da bloß nicht ein missgünstiger Nachbar namens Cthulhu. Die Geschichte ist eher naja, aber Cthulhu beweist einmal mehr äonenalten Durchblick: "You new gods, you don't understand how it used to be in prehistoric times. To be a god you had to be bigger than the sky. Now all you've gotta do is have a few morons click you on the internet. You don't even eat any of them."

Da es sich bei den "Amazing Stories" um eine Bizarro-Anthologie handelt, gilt: Abgefahren ist Trumpf. Den Gipfel erklimmt hier Marc Levinthal mit seiner Parodie auf Far-Future-Szenarien "Bloodskeleton, Scourge Of The Christies": In einer postapokalyptischen Wüstenei macht der Piratenkapitän Bloodskeleton Jagd auf die letzten Christen und stößt dabei unter anderem auf die Show-Götter von Las Vegas, die Vivian Girls des Outsider-Schriftstellers Henry Darger und die Mafia. Beachtenswert dabei unter anderem, wie er die Geschichten von Jesus Christus, Superman und Santa Claus im Vorbeigehen zu einer zusammenmantschkert. Mit vielen Verweisen auf Pop- und Underground Art zeigt sich Bizarro hier wieder mal als kultureller Müllschlucker, der alles, was man in ihn hineinstopft, in grotesk verzerrter Form wieder ausspuckt. Und apropos: Das Buch enthält eine krakelige Illustration aus der Feder von Dave Brockie - den meisten eher unter dem Namen "Oderus Urungus" als Frontmann der kostümierten Schockrocker Gwar bekannt. Wer je bei einem Gwar-Konzert ganz vorne stand, um sehen zu können, wie die Bandmitglieder einander die Gummigliedmaßen abhacken, und dabei von Kopf bis Fuß mit "Blut" durchtränkt wurde, wird vielleicht mit Interesse vernehmen, dass Brockie mittlerweile unter die Romanciers gegangen ist. "Whargoul" heißt sein Erstlingswerk ... und Brockie hat sich darin nicht allzuweit von seinen Lieblingsthemen entfernt.

Gwar ist irgendwie auch eine passende Überleitung zum Schwachpunkt der Anthologie: So einige Geschichten planschen in Gore und Marinarasoße herum, ohne dass dies erkennbar über den Selbstzweck hinausginge. Das lässt ein wenig den Umstand vergessen, dass das FSM selbst zwar eine Klamauk-Konstruktion ist - der Zweck dieser Konstruktion aber ein überaus ernster: Nämlich eine Argumentationshilfe im Kampf zwischen der Evolutionstheorie und dem Kreationismus, der nicht nur in den USA an Boden gewonnen hat. Da kommt es fast wie eine Erlösung, wenn Kelli Owen mit "Hot Dogma" unter Verzicht auf jegliches Genre-Element eine Episode aus einem ganz normalen Familienleben schildert. Ein christlicher Vater, eine agnostische Mutter und eine kleine Tochter in der "Warum?"-Phase, die die Frage nach der Existenz von Gott bzw. Göttern stellt - was tun? Nur zwei weitere Geschichten greifen das Evolutionsthema ebenfalls auf: "23, 28" von Kirsten Alene lebt vor allem von seiner Hauptfigur, einem wahren Feldwebel von Archäologin, die damit leben muss, dass ihre Ausgrabung mit Geldern des Bibel-TVs gesponsert wurde. Und auch in "Darwin's Revenge" von Bruce Taylor ringt ein wissenschaftlich denkender Mensch mit religiösem Lobbying. In der hochgradig vergnüglichen Geschichte treiben die VertreterInnen des "Intelligent Design" einen Museumsdirektor so sehr auf die Palme, dass er schließlich die Initiative ergreift und die Evolutionstheorie in die Praxis umsetzt.

Und es muss auch nicht um jeden Preis lustig sein. In "All Children Go To Hell" von Kevin L. Donihe erscheint das FSM einem kleinen Jungen wie der Erlkönig, um ihn erst aus seiner vertrauten Welt und schließlich aus der Welt überhaupt zu reißen. Sehr tragisch - Donihe, zu dem ich bei nächster Gelegenheit mal ein Special bringen werde, ist ohnehin das Seelchen des Bizarro-Genres. Und auch die beste Erzählung der Anthologie ist von der traurigen Sorte: In "The Holy Bowl" schildert "Punktown"-Autor Jeffrey Thomas den Alltag eines Gefangenen. Er weiß nicht, warum er inhaftiert wurde, warum er täglich gefoltert und verhört wird - und auch nicht, ob in der Nachbarzelle, mit der er verstohlene Gespräche führt, überhaupt jemand ist. Eine Geschichte von Trotz und Würde unter unmenschlichsten Bedingungen - und es sind solche Beiträge, die aus "Amazing Stories of the Flying Spaghetti Monster" in Erinnerung bleiben. Für den Rest der Anthologie gilt die unbeschwerte Empfehlung im Vorwort: This is a celebration of all things noodly, so crack open a beer and relax. Kurz: eine b'soffene G'schicht.

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