Einkaufen statt Panik haben

Die "Helfer Wiens" fordern dazu auf, sich einen Vorrat für den Ernstfall zuzulegen - Supermärkte und das Image der SPÖ profitieren

Österreich bangt vor einer Abwertung durch Ratingagenturen, die Inflation steigt, der Euro taumelt. Das Wort "Krise" ist allgegenwärtig. Die Erinnerungen an den Atomunfall in Fukushima sind noch frisch. In diesen turbulenten Zeiten rät ein Plakat im Supermarkt, sich für "kurzfristige Versorgungsengpässe in Notsituationen" vorzubereiten und Kerzen, Mineralwasser und Konserven zu kaufen.

Gemeinsam mit den Supermarktketten "Billa", "Merkur" und "Spar" veranstaltet der ehemalige Wiener Zivilschutzverband die "Wiener Sicherheitswochen" vom 25. Oktober bis zum 24. November. Während dieser Wochen hängen in den Supermärkten der erwähnten Lebensmittelketten Informationsplakate und ein Flugzettel informiert darüber, dass es zur Überbrückung von Notsituationen "überraschend wenig" braucht. 

Vitamine, Zwieback und Co.

Wichtig seien dabei vor allem ein Vorrat an Wasser, haltbaren Lebensmitteln und Licht- und Energiequellen. Eine "Checkliste für den sicheren Haushalt" soll helfen zu überprüfen, ob man alle wichtigen Lebensmittel als Vorrat zu Hause hat. Darauf finden sich Zwieback, Trockenfrüchte, Vitaminpräparaten und Dosenfutter für die Haustiere. Mengenangaben sucht man vergeblich. Stattdessen findet sich ein Logo der jeweiligen Supermarkt-Kette und ein Foto des Wiener Landtagspräsidenten und Vizepräsidenten der "Helfer Wiens", Harry Kopietz auf dem Folder. Werbung für "Billa", "Merkur" und "Spar" und die Wiener SPÖ in einem Aufwischen also.

Dass sich das Wort Bevorratung "eigentlich sehr schrecklich anhört" findet auch der Geschäftsführer der Helfer Wiens, Wolfgang Kastel. Hinter dem Wort stecke aber viel mehr als nur die Vorbereitung auf Umweltkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen. Engpässe gäbe es auch "wenn zum Beispiel ein älterer Mensch, wenn es kalt und rutschig ist für ein paar Tage nicht hinaus kann, oder denken wir an einen Stromausfall, das hat jeder schon einmal miterlebt. Da sollte man zuhause dementsprechend bevorratet sein, dass man eine Taschenlampe und eine Kerze hat", sagt Kastel im Gespräch mit derStandard.at.

Keine Panikmache

Dass man mit einer solchen Aktion Panik auslöst, glaubt Kastel nicht. "Es gibt zwei Zugänge: Ich kann es ansprechen oder ich kann den Zugang haben, dass ich es nicht anspreche und die Leute nicht informiere". Schließlich würde in den Informationsbroschüren darauf hingewiesen, dass es nicht um kriegerische Auseinandersetzungen gehe, sondern um den "tagtäglichen Bedarf".

Auch bei den Supermarktketten sieht man in der Aktion der Sicherheitswochen keine Panikmache. "Für den Lebensmittelhandel sind solche Bevorratungs-Aktionen eine Sache, die alle paar Jahre einmal vorkommt, weil eine Organisation sich dem Thema annimmt. Bevor wir der Kooperation zugesagt haben, war jedoch unsere Bedingung, dass die ganze Sache so gestaltet und formuliert ist, dass eben keine Panik entsteht. Das ist auch unserer Meinung nach ganz gut gelungen", so die Sprecherin von "Spar". "Das ist eine Vorsorgeaktion, die sinnvoll für die Bewusstseinsbildung ist. Wir leisten kommunikative Unterstützung", heißt es aus dem REWE-Konzern, zu dem "Billa" und "Merkur" gehören. 

Kein idealer Zeitpunkt

Der Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler von der Universität Wien stößt sich bei der Aktion vor allem am gewählten Zeitpunkt. "Während wirtschaftlicher Krisenzeiten können Informationen, die zur Bevorratung des Haushaltes raten, Ängste vor der Zukunft schüren", sagt Kirchler in einer Stellungnahme zu derStandard.at. Intensive Emotionen könnten aber vernünftige Entscheidungen verhindern, so dass tatsächlich die Angst zum Verhaltensmotor wird und nicht rationales Abwägen von Vor- und Nachteilen, so der Psychologe. Sachliche Informationen über sinnvolles Verhalten sei wünschenswert. "Fraglich ist aber zu welchen Zeiten, in welchem Kontext und mit welchen Absichten diese Informationen geboten werden." Dass eine Aktion wie diese die Ängste vor Katastrophen dahingehend verstärken, dass sie "blind" machen, sei möglich, so Kirchler. 

Kooperation nur mit einzelnen Märkten

Für Supermarktketten ist eine solche Aktion natürlich von Vorteil, da bei ihr eingekauft wird. Die Kosten für Folder und Plakate wurden von ihnen übernommen. Warum nur drei Ketten in Wien ausgewählt wurden und keine Kooperation mit allen Supermärkten besteht, kann man bei den Helfern Wiens nicht wirklich beantworten. "Soviel ich weiß, sind das die größten drei Marktketten in Wien und da macht es natürlich Sinn, wenn ich mit denen eine Kooperation eingehe, wo die meisten Menschen hingehen", sagt Geschäftsführer Kastel.

Beim Österreichischen Zivilschutzverband, dem Dachverband aller Bundesländer-Organisationen, heißt es, dass eine so große landesweite Aktion wie in Wien sonst nur alle ein bis zwei Jahre in Tirol durchgeführt wird. Die Zusammenarbeit mit Supermärkten passiere auf Gemeindeebene meist mit einzelnen Filialen und nicht mit ganzen Supermarktketten. Der Geschäftsführer des Dachverbandes, Walter Schwartzl, glaubt nicht, dass Bevorratungs-Aktionen Angst verursachen. "Unvorhergesehenes passiert oft sehr schnell, danach ist es oft zu spät, sich darüber zu informieren, was man braucht", sagt er. Bei Engpässen würden oft panikartige Hamsterkäufe passieren und die Supermärkte seien leergekauft. Diese Problem hat man nicht, wenn man bereits vor solchen Ereignissen einkauft. "Bevorratung erzeugt Selbstbewusstsein", ist sich Schwartzl sicher.

"Kopietz steht für Sicherheit"

In einer Presseaussendung der Helfer Wiens sagt auch deren Vizepräsident Harry Kopietz, dass durch die Sicherheitswochen "das Sicherheitsgefühl der Wienerinnen und Wiener gesteigert wird und sie sich noch wohler und sicherer in ihrem Zuhause und in ihrer Stadt fühlen." Kopietz, der unter anderem das Wiener Donauinselfest organisiert, ist für die SPÖ erster Landtagspräsident im Wiener Gemeinderat. Er hat die "Schirmherrschaft" für die Sicherheitswochen übernommen. Präsidentin der Wiener Helfer ist übrigens Vizebürgermeisterin Renate Brauner, ebenfalls von der SPÖ. Warum das Foto von Kopietz auf dem Infofolder der Sicherheitswochen abgebildet ist? "Der Harry Kopietz steht für Sicherheit in Wien", sagt der Geschäftsführer der Wiener Helfer, die übrigens von der Stadt Wien bezahlt werden. Außerdem sei Kopietz durch sein Amt als Landtagspräsident parteilos. "Sicherheit geht uns alle an und hat nichts mit Parteien zu tun", sagt Kastel.

Von den Wiener Sicherheitswochen profitieren übrigens nicht nur die Supermärkte, die mehr verkaufen und Harry Kopietz von der Wiener SPÖ, der sein Image aufpoliert, sondern auch die Kunden und Kundinnen können etwas gewinnen. In den Filialen kann ein Coupon in eine Gewinnspiel-Box eingeworfen werden. Es lockt einer von 100 Rauchmeldern für den sicheren Haushalt. (Lisa Aigner, derStandard.at, 23.11.2011)

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