"Der Ausstellungsbetrieb muss reduziert werden"

Interview22. November 2011, 17:09
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Peter Pakesch, Intendant des Joanneums, über die Eröffnung des Joanneumsviertels, den Streit mit Peter Weibel, Budgetnöte und kulturpolitische Streitereien

STANDARD: Sie haben das Landesmuseum Joanneum vor kurzem in Universalmuseum umbenannt. Klingt das nicht wie Universalversand - und etwas vermessen?

Pakesch: Wir hatten das Problem, dass wir mit dem Namen Landesmuseum außerhalb des deutschsprachigen Raumes nicht sinnvoll operieren konnten. 2Provincial museum" wäre nicht das Adäquate gewesen. Die Umbenennung ist aber auch ein Bekenntnis zur Interdisziplinarität und Universalität des Museums.

STANDARD: Am Samstag wird das Joanneumsviertel eröffnet - 200 Jahre nach der Gründung des Museums durch Erzherzog Johann. Sind Schnapsbuden das richtige Zeichen?

Pakesch: Es sind keine Schnapsbuden, sondern Punschstände. Der Stiftungstag ist eben der 26. November. Und wir brauchen eine Infrastruktur, weil wir 5000 Personen erwarten, die wir nicht alle auf einmal hinein lassen können. Wir möchten den Platz so schnell wie möglich bekannt machen. Im Sommer könnten wir natürlich ganz andere Attraktionen anbieten.

STANDARD: Ist das Joanneumsviertel ein Miniaturlouvre? Mit dem Unterschied, dass nicht eine gläserne Pyramide herausragt, sondern gläserne Trichter ins Kellergeschoss?

Pakesch: Der Louvre war sicher für die architektonische Typologie von Museumserweiterungen im Altstadtbereich beispielgebend. Aufgrund der denkmalamtlichen Vorgaben - wir durften nicht einmal ein gläsernes Stiegenhaus an der Fassade errichten - war es uns nur möglich, in die Erde zu gehen. Wir sind mit der Lösung sehr zufrieden.

STANDARD:Kurator Peter Weibel kann nicht verstehen, warum der Haupteingang des Gebäudes Neutorgasse, in dem nun die Neue Galerie untergebracht ist, geschlossen wurde.

Pakesch: Die Neutorgasse ist die Rückseite - wenn man aus der Altstadt kommt. Ein zweiter Eingang ist zudem aus logistischen und Kostengründen nicht möglich. Das war auch ein Grund für die unterirdische Lösung: Es gibt eben ein zentrales Besucherzentrum mit allen dafür notwendigen Einrichtungen.

STANDARD: Teil des Joanneumsviertels ist auch die Landesbibliothek. Sie gehörte einst zum Joanneum. Wird sie nun von diesem wieder inhaliert?

Pakesch: Wie man weiter mit der Landesbibliothek umgeht, ist eine kulturpolitische Frage. Wir hoffen auf eine gute inhaltliche Kooperation. Die organisatorische Struktur ist für mich nebensächlich.

STANDARD: Die Neue Galerie übersiedelte während der Umbauarbeiten in eine ehemalige Stiefelkönighalle im Norden von Graz. Dieses Studien- und Sammlungszentrum wird aber auch nach der Eröffnung des Joanneumviertels nicht aufgegeben. Warum?

Pakesch: Ein drittes Untergeschoss und ein Dachausbau für Büros wären zu teuer gewesen. Das SSZ bleibt daher bestehen. Dort befinden sich nun die Depots und Labors für die Naturkunde sowie die Depots und die Restaurierung für die Kunst. Unsere Platzprobleme sind damit aber noch immer nicht vollständig gelöst.

STANDARD: Landeskulturreferent Christian Buchmann hat das Budget für das Joanneum massiv gekürzt, um die kleineren Institutionen schonen zu können. Was sieht die finanzielle Situation nun aus?

Pakesch: Das Budget wurde für 2011 um etwa 1,1 Millionen Euro gekürzt. Das hat uns mitten im Jahr erwischt. Wir haben trotzdem das Kunststück zu Wege gebracht, das Jubiläumsprogramm zu realisieren. Wir sind stolz, dass wir das fast ohne Kündigungen geschafft haben. Das Budget 2012 wird gegenüber 2010 um etwa 3,2 Millionen gekürzt. Und auf diesem Niveau wird es bis 2017 fortgeschrieben. Wir können froh sein, dass unser Budget nicht noch einmal gekürzt wird. Denn es soll, wie man hört, noch eine weitere ordentliche Einsparungswelle kommen.

STANDARD: Die Kosten steigen aber. Was bedeutet das?

Pakesch: Der Ausstellungsbetrieb muss reduziert werden. Zudem haben wir die Öffnungszeiten verkürzt. Wir sperren nun schon um 17 Uhr, statt bisher um 18 Uhr. Und an manchen Orten wird es Schließtage oder sogar eine Wintersperre geben. Die Besucherzahl, rund eine halbe Million im Jahr inklusive der Besucher des Parks von Schloss Eggenberg, werden wir daher nicht halten können. Das tut uns weh. Aber Führungen für Schulklassen und angemeldete Gruppen wollen wir immer möglich machen.

STANDARD: Obwohl das Joanneum weniger Geld bekommt, wurde es kürzlich von den wichtigsten Grazer Kunstinstitutionen attackiert. Man spricht vom 2Moloch" - denn zum Joanneum gehört auch das Kunsthaus, das Künstlerhaus, der Skulpturenpark und die Kunst im öffentlichen Raum. Sie reagierten erbost. Ist die Kritik nicht auch verständlich?

Pakesch: Ich war verwundert, weil der Angriff aus dem heiteren Himmel kam. Wir sitzen doch alle im gleichen Boot - und sollten daher, wie ich finde, gemeinsam auftreten. Dass wir den Bereich Kunst ausgebaut haben, war kulturpolitischer Wille. Weil eben das Kunsthaus gebaut wurde. Wir stellen es, soweit es möglich ist, der lokalen Szene zur Verfügung, aber wir haben als Museum natürlich auch einen anderen Auftrag.

STANDARD: Die Kunstinstitutionen kritisieren, dass ein zu hoher Anteil des Grazer Budgets für bildende Kunst ins Kunsthaus fließt, und fordern eine Umverteilung.

Pakesch: Die Stadt Graz zahlt 1,8 Millionen Euro, das sind 45 Prozent der Subventionen, und 55 Prozent übernimmt das Land Steiermark. Die Mittel wurden und werden nicht erhöht, das Kunsthaus ist bereits jetzt am Limit. Eine Kürzung würde das Ende eines sinnvollen Ausstellungsprogramms bedeuten. Ich habe das nie an die große Glocke gehängt: Eine Evaluierung kam 2007 zum Schluss, dass das Kunsthaus mehr Geld bräuchte.

STANDARD: Da es von der Stadt und dem Land erhalten wird, hätte es vielleicht nie zum Joanneum kommen dürfen. Und was fehlt, ist so etwas wie der ehemalige Joanneum-Ecksaal: Er war der Ort für die lokale Szene. Warum wurde diese Plattform aufgegeben?

Pakesch: Sie hat nicht mehr funktioniert. Wir sehen das Künstlerhaus, das gerade renoviert wird, als einen solchen Ort. Wir schlagen vor, dort jurierte Ausstellungen, die aus der Szene kommen, zu machen. Aber wir wären nicht unfroh, wenn jemand anderer die Verwaltung des Künstlerhauses übernimmt. Wir haben mit dem Kunsthaus, der Neuen Galerie und den anderen Standorten genügend zu tun.

STANDARD: Im Joanneum kam es heuer zu einer Neustrukturierung: Das Kunsthaus und die bis dahin recht autonom agierende Neue Galerie wurden zur Abteilung für moderne und zeitgenössische Kunst fusioniert, die von Peter Peer geleitet wird. War es fair, wie mit Christa Steinle, der langjährigen Chefin der Neuen Galerie, umgegangen wurde?

Pakesch: Das Timing hätte ein anderes sein können. Aber wir mussten im Frühjahr Maßnahmen setzen. Die Umstrukturierungen wurden uns aufgezwungen. Es war ganz wichtig, die Doppelgleisigkeit - zwei Abteilungen, die sich mit Gegenwartskunst beschäftigen - zu bereinigen. Wir hatten gehofft, dass Steinle die von uns angedachte Lösung akzeptiert und die Kunst im öffentlichen Raum nach dem Auslaufen des Vertrages von Werner Fenz übernimmt. Das wollte sie aber nicht. Sie bleibt aber Mitarbeiterin des Joanneums.

STANDARD: Es entstand der Eindruck, dass Christa Steinle entmachtet wurde, weil sie eine Verbündete von Peter Weibel ist, der bis vor kurzem Chefkurator der Neuen Galerie war.

Pakesch: Ja, es war auch eine Frage des Vertrauens. Wenn es massive Sparmaßnahmen gibt, die ans Eingemachte gehen, müssen an maßgeblichen Positionen Menschen sein, mit denen man als Geschäftsführung gut zusammenarbeiten kann und die nicht eine Opposition bedeuten.

STANDARD: Peter Weibel ist Mitkurator aller drei Ausstellungen, mit denen das Joanneumsviertel eröffnet wird. Er beklagte, dass er bei den Feierlichkeiten nicht sprechen darf. Karlheinz Schmid, Herausgeber des deutschen Informationsdienstes Kunst, schreibt: „Ist man in Graz völlig durchgeknallt? Wie kann man mit verdienten Initiatoren derart rüde umgehen?" Warum haben Sie den Streit mit Weibel derart eskalieren lassen?

Pakesch: Es lag uns nichts an einer Eskalation. Und wir sind überhaupt nicht rüde mit ihm umgegangen. Da hat Weibel einiges falsch verstanden. Die Eröffnung findet in drei Teilen statt. Am Samstag gibt es einen offiziellen Festakt zum 200-Jahr-Jubiläum mit den Honoratioren in der Alten Aula. Danach, ab 16 Uhr, ist das Joanneum für das breite Publikum mit Zählkarten zugänglich. Und davor, am Freitagabend, findet die Eröffnung der Ausstellungen statt. Bei dieser ist natürlich, wie auch bei der Pressekonferenz, eine Ansprache des Kurators vorgesehen. Das ist die richtige Plattform.

STANDARD: Diese Ausstellungen sind das letzten, die Weibel für das Joanneum kuratiert haben wird. Warum verzichten Sie auf einen derart renommierten Ausstellungsmacher?

Pakesch: Der viel größere Verlust für mich ist der Weggang von Adam Budak ans Hirshhorn Museum in Washington. Er ist in meinen Augen der viel wichtigere Kurator, und er ist viel profilierter. Dass er acht Jahre im Kunsthaus gearbeitet hat, war ein großer Gewinn für uns. (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe/Langfassung, 23. November 2011)

Peter Pakesch (56) war Galerist und Direktor des Kunsthauses Basel. Seit 2003 ist er Intendant des Joanneums.

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    Zwischen den beiden Gebäuden des Joanneums, ehemals ein Park, wurde das neue unterirdische Besucherzentrum errichtet. Über dieses gelangt man auch in die Landesbibliothek.

  • Muss radikal einsparen: Intendant Peter Pakesch.
    foto: j.j.kucek

    Muss radikal einsparen: Intendant Peter Pakesch.

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