Wie aus Pflegern Serientäter werden

  • Die Täter sehen sich in der Regel als barmherzig an, weil sie Menschen 
von ihrem Leiden erlösen und die vermeintlich menschenunwürdigen 
Zustände beenden wollen. Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um 
Sterbehilfe gebeten.
    foto: apa/barbara gindl

    Die Täter sehen sich in der Regel als barmherzig an, weil sie Menschen von ihrem Leiden erlösen und die vermeintlich menschenunwürdigen Zustände beenden wollen. Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um Sterbehilfe gebeten.

  • Buchautor Karl H. Beine ist Psychiater an der Universität Witten/Herdecke. Das Thema hat ihn vor rund 20 Jahren gepackt. Damals beging ein ihm persönlich bekannter Pfleger zehn Tötungen.
    foto: karl h. beine

    Buchautor Karl H. Beine ist Psychiater an der Universität Witten/Herdecke. Das Thema hat ihn vor rund 20 Jahren gepackt. Damals beging ein ihm persönlich bekannter Pfleger zehn Tötungen.

Karl H. Beine hat in seinem Buch "Krankentötungen in Kliniken und Heimen - Aufdecken und Verhindern" 36 Tötungsserien mit 331 Opfern untersucht

Für Karl H. Beine, Psychiater an der Universität Witten/Herdecke, ist das Täterprofil eine Pflegers, der Patienten tötet, eindeutig: "Sie sind meist männlich, sie sind in ihrem Team meist die Außenseiter und sie geben sich vor ihrer Tat oft zu erkennen. Das Team muss die verdeckten Hinweise nur erkennen können und darf im Alltag nicht darüber hinwegsehen. Denn die Täter töten wiederholt."

Beine hat in seinem in zweiter Auflage erschienenen Buch "Krankentötungen in Kliniken und Heimen - Aufdecken und Verhindern" 36 seit 1970 weltweit bekannt gewordenen Tötungsserien mit 331 Opfern untersucht.

Täter sehen sich als barmherzig

Dabei kommt er zu dem Schluss, dass solche Fälle in jeder Einrichtung vorkommen können, das Risiko aber vermindert werden kann: "Die Täter trugen bei ihren Arbeitskollegen schon Spitznamen wie Todesengel oder Vollstrecker. Daraus kann man doch sehr gut schließen, dass die Umgebung bereits eine gewisse Form von Aufmerksamkeit aufgebracht hat. Nur hat die nicht zur Verhinderung der Tötungen gereicht", beklagt Beine.

Die Täter sehen sich in der Regel als barmherzig an, weil sie Menschen von ihrem Leiden erlösen und die vermeintlich menschenunwürdigen Zustände beenden wollen. Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um Sterbehilfe gebeten.

Inszenierung als "Macher"

Die Täter versuchen kühl und distanziert zu wirken, zeigen oft einen auffälligen Aktivitätsdrang und inszenieren sich als "Macher" und "Anpacker". Dabei verdecken sie aus Sicht von Beine ihre tiefe Selbstunsicherheit.

Beine: "Sie leiden daran, dass sie nicht so einfach helfen und Leid lindern können, wie sie sich das wünschen. Aber anstatt zu kündigen, wie erwachsene Menschen das tun würden, fallen sie in eine Identitätskrise, aus der es für sie nur den Ausweg gibt, Patienten, die in ihren Augen besonders leiden, zu töten. Einer der Täter fasste das mal in die Worte‚ das war für beide eine Erlösung'. Diese Mischung aus eigenem und fremdem Leiden bildet ein festes Knäuel."

Umgebung kann Tötungen verhindern

Dabei hätte die Umgebung in fast jedem der Fälle mit genügend Aufmerksamkeit die Taten verhindern können. Denn die Täter zeigen oft eine sehr rohe Sprache gegenüber den Patienten. Ausdrücke wie krepieren sind ebenso an der Tagesordnung wie unverhohlene Drohungen. Beine nennt folgendes Beispiel: "Schauen Sie sich den Ex an, wenn's weiter so lästig sind, dann sind Sie der nächste."

So werden die Patienten entwertet, aber auch die als sinnlos empfundene eigene Arbeit. "Die Täter töten oft mit Medikamenten, deren Fehlen nicht bemerkt wird. Die Leichenschau wird oberflächlich gehandhabt, Beschwerden von Angehörigen oder Arbeitskollegen über die Täter werden unter den Teppich gekehrt. Dadurch kommt Resignation auf", beschreibt Beine das Umfeld der Taten.

13 Prüffragen

Aus diesen Frühwarnzeichen hat Beine in seinem Buch 13 Prüffragen entwickelt: Werden Auffälligkeiten bei vermehrten Todesfällen in Verbindung mit den Anwesenheitszeiten von Mitarbeitern sofort registriert? Wie gut ist unsere Medikamentenkontrolle? Gibt es die Möglichkeit einer anonymen Meldung kritischer Ereignisse? In seinen Augen ist kein Krankenhaus und kein Heim vor solchen Entwicklungen geschützt. "Wenn sich ein Team diese Fragen in Ruhe regelmäßig stellt, können vielleicht in Zukunft einige dieser dramatischen Taten verhindert werden", hofft Beine.

Das Thema hat ihn vor rund 20 Jahren gepackt. Damals beging ein ihm persönlich bekannter Pfleger zehn Tötungen. "Das war für mich unfassbar, wie jemand, der wie ich angetreten ist, Leiden zu lindern und Menschen zu helfen, diese Aufgabe plötzlich so ins Gegenteil verdreht. Daraus hat sich bis heute eines meiner Forschungsfelder entwickelt." (red, derStandard.at)

Krankentötungen in Kliniken und Heimen, Aufdecken und Verhindern
Karl H. Beine
420 Seiten, 27,90 €
Lambertus-Verlag, Freiburg
ISBN 978-3-7841-2059-1 

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