Wie aus Pflegern Serientäter werden

22. November 2011, 13:25
  • Die Täter sehen sich in der Regel als barmherzig an, weil sie Menschen 
von ihrem Leiden erlösen und die vermeintlich menschenunwürdigen 
Zustände beenden wollen. Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um 
Sterbehilfe gebeten.
    foto: apa/barbara gindl

    Die Täter sehen sich in der Regel als barmherzig an, weil sie Menschen von ihrem Leiden erlösen und die vermeintlich menschenunwürdigen Zustände beenden wollen. Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um Sterbehilfe gebeten.

  • Buchautor Karl H. Beine ist Psychiater an der Universität Witten/Herdecke. Das Thema hat ihn vor rund 20 Jahren gepackt. Damals beging ein ihm persönlich bekannter Pfleger zehn Tötungen.
    foto: karl h. beine

    Buchautor Karl H. Beine ist Psychiater an der Universität Witten/Herdecke. Das Thema hat ihn vor rund 20 Jahren gepackt. Damals beging ein ihm persönlich bekannter Pfleger zehn Tötungen.

Karl H. Beine hat in seinem Buch "Krankentötungen in Kliniken und Heimen - Aufdecken und Verhindern" 36 Tötungsserien mit 331 Opfern untersucht

Für Karl H. Beine, Psychiater an der Universität Witten/Herdecke, ist das Täterprofil eine Pflegers, der Patienten tötet, eindeutig: "Sie sind meist männlich, sie sind in ihrem Team meist die Außenseiter und sie geben sich vor ihrer Tat oft zu erkennen. Das Team muss die verdeckten Hinweise nur erkennen können und darf im Alltag nicht darüber hinwegsehen. Denn die Täter töten wiederholt."

Beine hat in seinem in zweiter Auflage erschienenen Buch "Krankentötungen in Kliniken und Heimen - Aufdecken und Verhindern" 36 seit 1970 weltweit bekannt gewordenen Tötungsserien mit 331 Opfern untersucht.

Täter sehen sich als barmherzig

Dabei kommt er zu dem Schluss, dass solche Fälle in jeder Einrichtung vorkommen können, das Risiko aber vermindert werden kann: "Die Täter trugen bei ihren Arbeitskollegen schon Spitznamen wie Todesengel oder Vollstrecker. Daraus kann man doch sehr gut schließen, dass die Umgebung bereits eine gewisse Form von Aufmerksamkeit aufgebracht hat. Nur hat die nicht zur Verhinderung der Tötungen gereicht", beklagt Beine.

Die Täter sehen sich in der Regel als barmherzig an, weil sie Menschen von ihrem Leiden erlösen und die vermeintlich menschenunwürdigen Zustände beenden wollen. Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um Sterbehilfe gebeten.

Inszenierung als "Macher"

Die Täter versuchen kühl und distanziert zu wirken, zeigen oft einen auffälligen Aktivitätsdrang und inszenieren sich als "Macher" und "Anpacker". Dabei verdecken sie aus Sicht von Beine ihre tiefe Selbstunsicherheit.

Beine: "Sie leiden daran, dass sie nicht so einfach helfen und Leid lindern können, wie sie sich das wünschen. Aber anstatt zu kündigen, wie erwachsene Menschen das tun würden, fallen sie in eine Identitätskrise, aus der es für sie nur den Ausweg gibt, Patienten, die in ihren Augen besonders leiden, zu töten. Einer der Täter fasste das mal in die Worte‚ das war für beide eine Erlösung'. Diese Mischung aus eigenem und fremdem Leiden bildet ein festes Knäuel."

Umgebung kann Tötungen verhindern

Dabei hätte die Umgebung in fast jedem der Fälle mit genügend Aufmerksamkeit die Taten verhindern können. Denn die Täter zeigen oft eine sehr rohe Sprache gegenüber den Patienten. Ausdrücke wie krepieren sind ebenso an der Tagesordnung wie unverhohlene Drohungen. Beine nennt folgendes Beispiel: "Schauen Sie sich den Ex an, wenn's weiter so lästig sind, dann sind Sie der nächste."

So werden die Patienten entwertet, aber auch die als sinnlos empfundene eigene Arbeit. "Die Täter töten oft mit Medikamenten, deren Fehlen nicht bemerkt wird. Die Leichenschau wird oberflächlich gehandhabt, Beschwerden von Angehörigen oder Arbeitskollegen über die Täter werden unter den Teppich gekehrt. Dadurch kommt Resignation auf", beschreibt Beine das Umfeld der Taten.

13 Prüffragen

Aus diesen Frühwarnzeichen hat Beine in seinem Buch 13 Prüffragen entwickelt: Werden Auffälligkeiten bei vermehrten Todesfällen in Verbindung mit den Anwesenheitszeiten von Mitarbeitern sofort registriert? Wie gut ist unsere Medikamentenkontrolle? Gibt es die Möglichkeit einer anonymen Meldung kritischer Ereignisse? In seinen Augen ist kein Krankenhaus und kein Heim vor solchen Entwicklungen geschützt. "Wenn sich ein Team diese Fragen in Ruhe regelmäßig stellt, können vielleicht in Zukunft einige dieser dramatischen Taten verhindert werden", hofft Beine.

Das Thema hat ihn vor rund 20 Jahren gepackt. Damals beging ein ihm persönlich bekannter Pfleger zehn Tötungen. "Das war für mich unfassbar, wie jemand, der wie ich angetreten ist, Leiden zu lindern und Menschen zu helfen, diese Aufgabe plötzlich so ins Gegenteil verdreht. Daraus hat sich bis heute eines meiner Forschungsfelder entwickelt." (red, derStandard.at)

Krankentötungen in Kliniken und Heimen, Aufdecken und Verhindern
Karl H. Beine
420 Seiten, 27,90 €
Lambertus-Verlag, Freiburg
ISBN 978-3-7841-2059-1 

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Professor in Witten/Herdecke.

Danke, das genügt. Typische Dampfplauderer eben. Wie bei uns auf der Donau Uni.

Umnebelter Winzer

Urteilen ohne Fakten, Evidenz nicht gelesen, Danke, das genügt zur Einordnung als inkompetenter Querulant.

"Umgebung kann Tötungen verhindern"

Auch die Methohexital-Lieferanten woll´n was verdienen. So ein Gaswagen im Dauereinsatz wie im Wagner Jauregg Krankenhaus in Linz kann sich halt nur dann "störungsfrei" fortbewegen, wenn die Spaliere von protestierenden PatientInnen halt auch die richtige Dosis Gas abbekommen.

Kannte einen Primar im LKH Klagenfurt, der von den

Kollegen mit "Massenmörder" angesprochen wurde. Nicht Oberlerchner oder Ramsauer.

Klassiker: Der brave und tüchtige Arzt und sein böser Pfleger, der alles falsch macht.

Ich komme aus der Pflege, soll ich jetzt niederschreiben, wenn die Ärzte getötet haben?

Warum ist das überhaupt eine Frage?

Und wenn Sie es auch niemandem zeigen: schreiben Sie es auf und sorgen Sie dafür, dass es wenigstens nach Ihrem eigenen Tod bekannt wird.

Besser wäre natürlich Anzeige erstatten, ich nehme mal an, Sie haben Gründe, das nicht zu tun, die mit Selbsterhaltung und dem Verdacht auf Glaubwürdigkeitsabsprache zu tun haben?

Aber tun Sie wenigstens zukünftigen Historikern den Gefallen einen Überblick zu wahren.

Genau: Probleme bei einer Seite reflexartig abtun, indem man Probleme bei anderen aufzeigt....immer eine "sinnvolle Strategie". Die anderen sind ja viel böser...

sollte ich je ein buch schreiben,

bekomm ich dann hier auch eine plattform um dieses vorzustellen?

"Nur haben die Opfer in keinem der Fälle um Sterbehilfe gebeten."

ich bezweifle das ohne 24/7 stattfindende überwachung der patienten feststellbar ist was jeder patient zu jeder zeit zu jedem gesagt hat, aber macht sich hald besser wenn man ein buch verkaufen will..

Ein Psychiater, ohne jede Ahnung

Weil es keinen gesetzlichen Rahmen gibt, ist zwischen "barmerzigen Helfern" und "Serientätern" rechtlich nicht zu unterscheiden. Aber ein Psychiater, der diese Unterscheidung nicht trifft, hat nicht weniger als den Beruf verfehlt.

?

haben sie den text gelesen?

Ja habe ich - und mich geärgert, weil er eindimensional ist

Vielleicht denken Sie, dass das Leben um jeden Preis bis zum Maximum verlängert werden sollte.
Ich sehe das nicht so.

und wer hat das Recht das Leben anderer zu verkürzen?

auf welcher Grundlage?

Um das klarzustellen, es geht mir hier um Leben, dass erst mal künstlich verlängert wurde. Wenn es darum geht Leben zu verlängern, stellt sich die Frage ob das gut ist erst mal nicht. Es wird einfach das medizinisch mögliche gemacht.
Dabei bringt die Medizin aber Menschen manchmal in einen Zustand der recht unbefriedigend ist: Sie können ihren Willen kaum bis gar nicht äußern und haben eine sehr eingeschränkte Außenwahrnehmung.
Sich darum zu drücken darüber zu diskutieren, ob es in einigen Fällen nicht besser wäre diesen Menschen das Sterben zu ermöglichen, ist ein gesellschaftlicher Bankrott.
Menschen, die viel mit Sterbenden zu tun haben entwickeln durchaus ein Gefühl dafür. Und treffen Entscheidungen.

Das Gefühl, das man da entwickelt, ist wohl eher eine Abstumpfung, die für den Einzelnen psychisch auch notwendig ist für den täglichen Umgang mit Sterbenden, es sei denn, man hat da schon besonderes Talent und einen guten Rückhalt.

Sie verwechseln "sterben ermöglichen" mit Töten. und um willkürliches vom Patienten ungewolltes Töten geht es in dem Artikel. Ich will keinen Pfleger der so denkt wie Sie und sich anmaßt "Gott zu spielen"!!!!
Der letzte Satz = Beängstigendes Posting. Treffen Sie bitte besser keine Entscheidungen.

"Gott spielen" ist sehr polemisch.
Das macht man bei einem Haustier. Da entscheidet man nach seinen ganz persönlichen Kriterien, ob diese oder jene Behandlung durchgeführt wird und ob es vielleicht an der Zeit ist es zu töten.
Bei der Behandlung von Menschen ist unsere Zivilisation zum Glück schon eine Spur weiter. Es gibt objektive Kriterien zur Durchführung von Behandlungen. Es gibt bei uns aber keine zum Beenden des Lebens, weshalb dann Menschen eigenmächtig darüber entscheiden.
Was fehlt ist ein intelligentes Regelwerk, anstatt alles zu verbieten. Darüber wird sich nämlich hinweg gesetzt.
Übrigens nicht von mir. Ich bin Progammierer. Wenn ich das Leben eines anderen beende kann das auch nach meiner Meinung nur Mord sein.

ich möchte nicht dem Willen eines Einzelnen ausgesetzt sein der auf Grund seines untrüglichen Gefühls beschließt ob ich weiterleben soll oder nicht - das ist der absolute moralische Bankrott einer Gesellschaft

Es ist eben nicht so dass immer das medizinisch Mögliche getan wird und dass der Einzelne keine Entscheidungsfreiheit darüber hat was mit ihm geschieht.

Natürlich sollte man diese Patientenrechte ausbauen und auch Tötung auf Verlangen erlauben.
Aber zuzulassen, dass Pfleger glauben Gott spielen zu müssen ist ganz sicher der falsche Weg.

es wird übrigens nur im buch/text so dargestellt

wer sagt, daß wenn ein pfleger 20 menschen tötet, er sich nicht genau die ausgesucht hat, die selbst um sterbehilfe gebeten haben?

warum hat er gerade diese 20 ausgesucht und warum hat er nicht alle mit ähnlichem leiden umgebracht?

sicher wird es welche geben, die vielleicht nicht nachfragen, sondern einfach selbst entscheiden - rechtlich und in der öffentlichkeit werden diese aber exakt gleich behandelt als andere, die nur den willen der patienten berücksichtigt haben.

ja genau. und dann sagt so ein pfleger zu einem der schon in der schlange auf die erloesung wartenden: wenns weiter so laestig sind, sind sie als naechster dran.

warum sollte jemand ein barmherziger Helfer sein, der andere ohne deren Einverständnis umbringt?

Als Pfleger treffen Sie nicht auf so viele Patienten, die ganz klar darauf bestehen getötet zu werden, damit Sie auf so eine Mordserie kommen.

Zwar lernen Sie jede Woche jemanden kennen der sagt er wolle nicht mehr leben - aber glauben Sie wirklich, dass das einen Mord rechtfertigt?

eine frage

in absatz 2 schreibst du, es gibt nicht genügend, die das wollen.

in absatz 3, daß jede woche irgendeiner sagt er wolle getötet werden.

da habe ich an dich die frage: welche möglichkeit hat man als schwerkranker alter mensch mit schmerzen noch um zu beweisen, daß man lieber tot wäre, als es (falls man es noch kann) auszusprechen?
wann ist der punkt errreich, in dem du sagt "ach er/sie redet nur so daher" zu "aber es ist ernst gemeint"?

ich höre wöchentlich von jemandem, dass er nicht mehr leben will (nicht "getötet werden"),

und Sie hören wöchentlich jemanden sagen "den/die bringe ich um!" - nehmen Sie das auch so ernst?

Eine ernst gemeinte Bitte getötet zu werden bekommt ein Pfleger sehr selten zu hören - sicher seltener als ein Arzt.
Das zeigt sich auch bei den Prozessen, wo kein Pfleger plausibel machen kann bei einem Großteil seiner Taten die Bitte der Patienten erfüllt zu haben.

arbeitest du selbst im altersheim oder im krankenhaus?

ansonsten wirst du natürlich nicht oft ernstgemeinte aussagen hören, daß man tot sein möchte.

ich habe aber gefragt, wie man/du unterscheidest ab wann eine bitte zu sterben ernst gemeint ist oder nicht.

in dem bereich haben viele eine vorgefasste meinung.
der eine sieht immer einen mord der andere immer eine eine erlösung für den sterbenden.
ersteres ist weiter verbreitet und deshalb ist es völlig egal welche argumente man bringt,weil es nicht rational gesehen wird.

andere dinge sind zb:
- gibt es gott
- wirkt homäopathie
- waren schon außerirdische auf der erde.
usw.

bei keinem diesem themen wirst du jemanden mit vorgefasster meinung umstimmen können - und sterbehilfe gehört da auch dazu.

ja, ich arbeite in der Pflege - deshalb hören ich oft genug, dass jemand nicht mehr leben möchte.

Aber ich wurde noch nie gebeten jemandem beim Selbstmord zu unterstützen und habe so etwas auch noch von keinem Kollegen gehört.

Eine ganze Serie von "Erlösungen" kann für mich deshalb nur damit zusammenhängen, dass der Täter eine sehr eigenwillige Wahrnehmung hat und Signale anders interpretiert als das allgemein üblich ist.

Als Kranker möchte ich aber, dass meine Aussagen so interpretiert werden, wie es den gesellschaftlichen Konventionen entspricht. Ansonsten ist ja jede beliebige Auslegung jeder meiner Aussagen möglich, und der Pfleger behandelt mich nach eigener Willkür.

jede beliebige auslegung...

ja und du hörst zb. immer nur ein "der meint das eh nicht ernst" egal wie oft einer deiner pfleglinge es wiederholt, daß er lieber tot sein möchte.

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