Lexikon sucht Frau: Wikipedia ist ein Männerverein

22. November 2011, 12:15

Lexikon sucht Frau: Online-Lexikon will weiblicher werden

Freies Wissen von allen, für alle? Zumindest eine Hälfte dieses Versprechens hält das Online-Lexikon Wikipedia nicht: Das Projekt ist ein Männerverein, nur wenige der vielen freiwilligen Mitarbeiter sind weiblich. Eine Frau will das ändern: Sue Gardner, Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung in San Francisco, die den Kurs des nicht-kommerziellen Projektes bestimmt. Wikipedia soll weiblicher werden - und damit auch besser, hofft Gardner.

"Das können wir nicht, wenn unsere Autorenschaft aus einer kleinen Gruppe von Leuten besteht"

Es gehe nicht um politische Korrektheit, sondern um Qualität, betont die Kanadierin im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur: "Wikipedia strebt danach, die Gesamtheit allen menschlichen Wissens zu sammeln. Und das können wir nicht, wenn unsere Autorenschaft aus einer kleinen Gruppe von Leuten besteht."

Den typischen Wikipedianer gibt es nicht, doch einige Trends stechen heraus: Rund 60 Prozent haben einen Hochschulabschluss, wie die Wikimedia-Stiftung im April bei einer Befragung von 5.300 aktiven Mitarbeitern herausgefunden hat. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) hat Programmierkenntnisse. Und vor allem: 91,5 Prozent sind Männer. "Es hat strategische Priorität, dieses Ungleichgewicht anzugehen", schreibt die Stiftung in einem Bericht.

Nun ist es nicht so, dass sich riesige Lücken bei Wikipedia auftun. Die deutsche Version hat 1,3 Millionen Artikel und ist damit umfangreicher als der Brockhaus, die englische Version kommt gar auf 3,8 Millionen Texte. Kaum ein Thema, das nicht abgedeckt wäre.

Ego-Shooter, freie Betriebssysteme oder Regionalligisten aus der Fußballprovinz

Doch an den Details werden die Unterschiede deutlich. Neue Ego-Shooter, freie Betriebssysteme oder Regionalligisten aus der Fußballprovinz sind lang und breit beschrieben. Freundschaftsbänder und Schuhdesigner bekommen dagegen oft nur ein paar Absätze gewidmet. Hinzu kommt: Das Engagement in der Wissenssammlung lässt in vielen Sprachversionen nach, Neulinge verlieren schnell die Lust. Weiblicher Schwung kann da nicht schaden.

Eine Hürde tut sich gleich auf, wenn Nutzer auf "Bearbeiten" klicken: Die Artikel sind in einer eigenen Syntax geschrieben, die viele ohne Informatik-Studium oder zumindest einen Sinn fürs Tüfteln abschreckt. Die treuen Stamm-Mitarbeiter kennen sich damit aus oder haben sich längst dran gewöhnt. "Die Forschung zeigt, dass Männer eher Technologie als Spaß empfinden und lernen", sagt Sue Gardner. Aber auch ältere, weniger technikaffine Nutzer dürften Probleme haben.

Und wer sich von der Technik nicht abschrecken lässt, ist womöglich vom direkten, oft rauen rauen Ton abgestoßen, der im Kampf um die Hoheit über einen Artikel oder die richtigen Formulierungen herrscht. 24 Prozent der Befragten gaben in der Wikimedia-Studie gar an, Opfer von Belästigungen geworden zu sein. Es zeichne sich das "Bild einer Community, in der es viele Konflikte gibt", bemerkt dazu das Projekt Wiki-Watch, das Wikipedia kritisch begleitet.

Offenherzig

"Ich vermeide Verallgemeinerungen, aber Frauen bevorzugen eine harmonische Umgebung, in der alle freundlich, warm und offenherzig sind", sagt Wikimedia-Chefin Sue Gardner. "Die Wikipedia-Community ist anders, die Mitarbeiter mögen wirklich Kontroversen und Debatten."

Was also tun? Die Wikimedia-Stiftung setzt bei der Frauenförderung auf Software. Ein lange diskutierter Editor soll die technische Hürde senken: Er zeigt Bearbeitungen so auf dem Bildschirm anzeigt, wie sie auch nachher im Artikel erscheinen - ganz ohne Programmierkenntnisse. Gardner hofft, dass bis Ende des Jahres ein Prototyp fertig ist, den dann erfahrene Mitarbeiter testen können. Bis das nutzerfreundliche Programm allen zur Verfügung steht, wird es aber noch dauern: "Neue Software-Funktionen müssen in Zusammenarbeit mit der Community entwickelt werden, wir brauchen einen Konsens - das macht die Entwicklung sehr, sehr langsam", weiß Gardner.

"Frauen tendieren dazu, dass sie eingeladen werden wollen."

Zudem soll Wikipedia vielfältiger werden, indem es neue Gruppen von der Sammlung des Weltwissens begeistert und über diesen Umweg den bisher geringen Frauenanteil steigert. So gibt es Projekte für Schulen und Universitäten. "Forschungsergebnisse zeigen, dass Männer sich auch ohne besondere Einladung engagieren", sagt Gardner. "Frauen tendieren dazu, dass sie eingeladen werden wollen." Diese Einladung soll deutlicher ausgesprochen werden. Über die Zeit, so hofft die Kanadierin, werde das die Geschlechterlücke schließen. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 58
1 2
Standardabweichung
00
30.11.2011, 11:37

Wundert mich nicht, denn in der Wikipedia wird man ja nicht bezahlt. Der einzige Lohn ist "Ehre", das ist aber eine typisch männliche Domäne.

WP ist ja toll, aber ich habe immer ein ungutes GEfühl, wenn ich mir überlege, dass die vielen exzellenten Artikel völlig kostenlos erstellt wurden, während Jimmy Wales die Spenden einkassiert, und nichtmal ein detailliertes Financial Statement rausgibt.

ich sag's grad raus
00
23.11.2011, 14:57
"Schuhdesigner bekommen dagegen oft nur ein paar Absätze gewidmet"

sehr schön.

DaBurgamasta
10
23.11.2011, 14:53
Warum

man meint in der feministischen Gesellschaft heutzutage zwanghaft überall Frauenquoten einführen zu müssen?
Wer meint davon würde irgendetwas besser, soll mal einen klaren Blick auf unsere aktuelle Gesellschaft werfen... da wird einem übel.

Zitronenbaum
01
23.11.2011, 07:02

/: Wikipedia löscht oft grundlos Artikel, die man sehr wohl in der englischen Version noch findet und dort nicht zur Löschung vorgeschlagen werden.
Von daher ist es für mich gar kein Wunder, dass nur noch ein "kleiner Kreis" an der deutschen Wiki arbeitet.

Roland Schweiger1
00
23.11.2011, 00:24
hm ... warum aus allem ein Frauenthema / eine gender/Geschlechtsrollendingsbums machen?

Wissen zu verbreiten und Wissen abzurufen ... hat ja nun wirklich vordergründig nix mit der Geschlechterrolle zu tun. Die Frage ist in der Tat ob ärmere Länder ("die Benutzer auf der Südhemisphäre") langfristig von Projekten wie Wikipedia profitieren (können) und sich vermehrt einbringen usw. Aber ein Frauen/Männerthema ... ? Öde.

HK-11
11
22.11.2011, 22:00

Naja, prinzipiell geht es beim Interview von Sue Gardner darum, dass sich vermehrt ältere Menschen, Bewohner der Südhalbkugel, Frauen, etc. in Wikipedia einbringen. Dass hier besonders Frauen erwähnt werden, ist wieder so eine Klickgeschichte und sonst nichts.

Peter Griffin13
01
22.11.2011, 21:59

Ein bisschen an den (langen) Haaren herbei gezogen daraus ein Frauenthema zu machen. Denn die Probleme (Löschadmins, usw.) haben Männer genauso. Und solange man einen geschlechtslosen Benutzernamen wählt kann dir keiner nachweisen welches Geschlecht du hast.
Habe übrigens selbst schon einen Artikel erstellt und viele andere bearbeitet und das ohne Programmierkenntnisse.

berg zum propheten
 
00
22.11.2011, 20:54
Eeeehm. Warum eigentlich ein Bild von Herrn Wales

War etwa kein pressetaugliches Foto von Sue Gardner ( http://en.wikipedia.org/wiki/Sue_Gardner ) aufzutreiben?

berg zum propheten
 
00
22.11.2011, 20:59

ah bitte um Verzeihung, ich hab wohl den Humor zu spät überrissen :)

WLG
00
22.11.2011, 21:50

Wenn es tatsächlich ein Witz ist, dann ist er wirklich nicht leicht zu verstehen (bzw. entdecken) ;)

berg zum propheten
 
00
23.11.2011, 00:43

Durchaus möglich, dass wir beide hier ganz unterschiedliche Dinge entdeckt haben. ;)

WLG
00
23.11.2011, 08:16

stimmt!

also ich habe folgendes entdeckt: Wenn man die wikipedia-Seite zu Sue Gardner öffnet, steht links oben der Titel des Artikels 'Sue Gardner'. Direkt darüber ist das Foto von Mr. Wales, weil er wieder einmal zu Spenden aufruft. Dh auf den ersten Blick sieht der Titel der Seite wie ein zu dem Foto gehörender Text aus.

berg zum propheten
 
00
23.11.2011, 17:04

Super! Ist mir selber garnicht so aufgefallen beim Posten. Was soll ich da noch sagen :)

Ich sehe hier auf dieser Seite ein Bild, das ca. 91% des Gesichtes eines Mannes zeigt, der wie ein Napoleon dreinschaut.

SK26
05
22.11.2011, 19:18
Wie niederschwellig soll es eigentlich noch sein?

Frauen brauchen also eine Extraeinladung? Wo ist da die gleichbehandlung/berechtigung? Wer nicht will hat schon...
eine "Extraeinladung" unterstellt den Frauen dass sie nicht selber wissen was sie wollen und erst einen Finger bewegen wenn sie eingeladen werden, wo bleibt da die Selbstbestimmung?

Daliah
 
01
22.11.2011, 18:04
html fuer frauen

diese diskussion erinnert mich an meine tutor zeit an der uni als meine kollegin "HTML fuer Frauen" angeboten hat.

D.

Hafniumcarbid
35
22.11.2011, 16:32
Quotenfrau?

Interessant, dass bei einem Verein, dessen "Fußvolk" zu über 90% aus Männern besteht, eine Frau Geschäftsführerin ist. Da hat sich offensichtlich mal wieder jemand mittels Quoten die Rosinen rausgepickt... Wahrscheinlich ist sich die Dame selbst auch zu gut, unentgeltlich Artikel zu schreiben, aber "man sollte das halt ändern".

siliconvalley
00
23.11.2011, 23:09
Quotenklischee?

die Frau kann sicher 1000 mal mehr als Sie:

"In October 2009, Gardner was named by the Huffington Post as one of ten 'media game changers of the year' for the impact on new media of her work for Wikimedia.[7]" http://en.wikipedia.org/wiki/Sue_Gardner

http://www.huffingtonpost.com/2009/10/2... lide_image

Da Chigurh Toni
00
22.11.2011, 16:00
Frauen sind uns Männern einfach überlegen

Sie sind einfach zu schlau und geben sich daher mit den Wikipedia-Proleten (siehe Link) gar nicht erst ab.

http://www.stupidedia.org/stupi/Wik... ipedianern

Andreas Grois
00
22.11.2011, 15:59
Ich gebe Fr. Gardner Recht.

Bei manchen Themen kennen sich Frauen einfach besser aus, bei anderen Männer (weil unsere Gesellschaft derzeit halt so ist). Andere Themen sind einfach schlecht abgedeckt (zumindest in den nicht-englischen Sprachversionen) und können jeden Autor brauchen, egal ob männlich oder weiblich. Würde von der weltweiten Frauenschaft ein ebenso großer Anteil mitschreiben als es bei den Männern der Fall ist, würde sich die Zahl der Autoren fast verdoppeln!

Marten E. Vanderveen
 
04
22.11.2011, 14:20

Aus dem Artikel lese ich, dass Frauen gerne eingeladen werden, aber technische Hürden wie den Editor nicht meistern können. Diskussionen werden außerdem als Zumutung empfunden. Wozu dann die Mühe, wenn das Niveau bestenfalls gesenkt wird?

Gsi Berger
01
22.11.2011, 14:08
Ähh ...

Woher erkennt man eigentlich bei Autoren (m/w) mit einem frei gewählten Usernamen das natürliche Geschlecht? ("Gsi" zB ist ein typischer Vorarlberger Männername .. oder doch nicht? )

Und wie in aller Welt kommt man (m/w, APA) auf die Idee, dass sich Frauen generell mehr für Freundschaftsbänder und Schuhdesigner interessieren, als für Betriebssysteme?

Alachis
00
22.11.2011, 16:46

Äs interessierd doch ächt koan, ob "Gsi" jetzt an Kerle oder Moatlanamma isch... und jetzt gang du lieber wiedr ufd Alm, dine Schöfle hüata... ;)

Der Unkurze
02
22.11.2011, 14:51

bezüglich letzterer Frage, gehen sie einmal in ein Schuhgeschäft und schauen sich die Kundschaft an, und anschließend in ein PC Fachgeschäft, und sehen sich dort die Kundschaft an..

Die Tendenzen werden ihre Frage beantworten.

wurzbar
31
22.11.2011, 13:33

Wenn die männer den frauen mehr beim abwaschen oder kochen helfen würden, könnten die frauen auch mehr zu wikipedia beitragen. Schämts euch, männer

Langer Hans1
00
24.11.2011, 12:27

So nach dem Motto. Eigentlich wollte ich einen Artikel über Atomphysik verfassen, aber dann ist mir die schmutzige Pfanne dazwischen gekommen. Einfach herrlich :).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 58
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.