"Döner-Morde": Wie glaubwürdig sind wir?

Blog22. November 2011, 10:31
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Wie ist es um die mediale Integration bestellt, wenn inhumane Formulierungen ungefiltert übernommen und Opfer verhöhnt werden

Die Empörung kam zu spät, wuchs sehr langsam und so richtig ernstgenommen, haben sie bei uns in Österreich nur Wenige. Die Rede ist von der Kritik an der, vom deutschen Boulevard erdachten Bezeichnung "Döner-Morde", die auch in der einheimischen Berichterstattung breitwillig übernommen wurde. "Döner-Morde": knackig, kurz, prägnant – Redakteursherz, was willst du mehr, denn der Platz ist oft knapp bemessen, die Zeit sowieso.

Gut, dass der "Zentralrat der Juden in Deutschland nach Tagen endlich reagiert hat" lobt die Zeit Online, und noch besser wäre es gewesen "'wir‘ hörten auch die entsprechenden Hinweise der türkischen und Migrantencommunities, an denen es auch diesmal nicht fehlte". Es gab sie also doch recht bald, die Empörung, die vermutlich von "Betroffenen" kam. Also von jenen, die durch eigene Erfahrungen auf Ausgrenzung und sei es lediglich die sprachliche, sensibel reagieren. Vielleicht waren darunter auch Journalistenkollegen, die im Sinne der Diversität mittlerweile auch in einigen Redaktionen vertreten sind. Wahrscheinlich haben sie mehr oder weniger zaghaft nachgefragt, ob es denn sein muss und ob man sich doch nicht auf einen passenden Begriff einigen könnte.

Ja, man könnte und mittlerweile hat man auch. Auch derStandard.at hat in den ersten zwei Tagen noch die unsensible Formulierung unreflektiert übernommen. Nach einer kurzen Diskussion in der Online-Redaktion haben wir uns aber auf eine passendere Bezeichnung für den Themenkomplex, nämlich "Nazi-Morde", geeinigt. Die entscheidende Frage jedoch bleibt, wie ein derartiger Fauxpas passieren konnte und zwar quer durch die gesamte deutschsprachige Medienlandschaft unabhängig von der Couleur und vom sogenannten Qualitätsanspruch?

Wenn es darum geht "die Anderen" zu benennen – und machen wir uns nichts vor, die Opfer der Neonazi-Mordserie fallen in Deutschland in diese Kategorie – wird selten zur feinen Feder gegriffen. Jugendliche Delinquenten sind schnell "Türken-Banden", der prügelnde Ehemann ist "serbischer Gewalttäter" und überhaupt sind sie alle "Ausländer", die womöglich schon in dritter Generation (sic!) in unserer sozialen Hängematte lümmeln. Mit "Migrationshintergrund" lassen sich eben keine knackigen Schlagzeilen produzieren, dieser sperrige Begriff ist bestenfalls etwas für Soziologen oder für die Gutmenschen unter den Chronikredakteuren.

Sensibilität und Reflexion haben wenig Platz im Redaktionsalltag und so entstehen unpassende und inhumane Formulierungen, die den Diskurs nachhaltig bestimmen und Bilder produzieren, die auf fatale Weise desolidarisierend wirken. Wie glaubwürdig sind die Bemühungen, um die sogenannte mediale Integration, wenn es anscheinend keinen Konsens darüber gibt, dass zumindest keine Verhöhnung und symbolische Abgrenzung geben darf? (Olivera Stajić, 22. November 2011, daStandard.at)

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