Schulverweigerer sind keine Schulschwänzer

22. November 2011, 10:45
6 Postings

Körperliche Symptome geben Hinweise auf eine Schulphobie - In Schwarzach werden die betroffenen Kinder interdisziplinär therapiert

Etwa jeder zehnte Schüler verweigert regelmäßig unentschuldigt den Unterricht, Tendenz steigend. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Experten unterscheiden zwischen nicht angstbedingtem "Schulschwänzen" - hier ist die Schule aufgrund von Trennungsängsten zwar Anlass aber nicht Ursache der Schulverweigerung - und der Schulphobie, also der unmittelbaren Angst vor der Schule und deren sozialem Umfeld. Letzteres kann sich auf Mobbing oder Gewalt in der Schule begründen. Oft ist es aber auch der Leistungsdruck zu hoch.

Schüler, die unter Schulabsentismus leiden, haben eine pathologische Angst, erklärt Raab. Typisch sei, dass diese unangemessen stark ausgeprägt sei, einen ungewöhnlichen Inhalt habe und nicht regulierbar sei. Die Angst bewirkt, dass Betroffene die Angstsituation vermeiden, die Schule also nicht mehr besuchen. 

"Gerade Ängste werden häufig durch körperliche Symptome maskiert" erläutert Raab die Details. Das äußere sich unter anderem in sich wiederholenden Bauch- oder Kopfschmerzen. Unterstützt von den Eltern suchen die Schüler dann den Hausarzt auf, um eine Krankschreibung zu erwirken. Bernd Müller, von der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Kardinal Schwarzenberg'schen Krankenhaus, appelliert daher gerade an die Allgemeinmediziner, diesen Kindern therapeutische Hilfe anzubieten. 

Die Kontaktaufnahme mit einem Psychotherapeuten steht dabei an erster Stelle, Lehrer und Eltern werden mit einbezogen. Ist der Leidensdruck groß, dann empfehlen die Experten eventuell einen stationären Aufenthalt. 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Jedes Schuljahr werden zehn bis zwölf Schüler in der Psychosomatischen Abteilung des Kinderkrankenhauses Schwarzach stationär über etwa drei Wochen behandelt. "Ziel der Behandlung ist die schnellstmögliche Wiedereingliederung in die Schule", betont die Raab. Die Therapie erfolgt interdisziplinär. Mediziner Ergotherapeuten, Psychologen und eine eigene Heilstättenschule sind in den Prozess involviert. 

Die Psychotherapeutin Simone Raab wies im Rahmen der 10-Jahres-Feier des Psychosomatik-Schwerpunktes im Krankenhaus Schwarzach in Salzburg auf die "dringende Behandlungsindikation" hin. Das Risiko einer chronischen Erkrankung und damit negative Auswirkungen auf die persönliche und Zukunft der jungen Menschen ist groß. Um dem steigenden Bedarf Rechnung zu tragen, wird die Infrastruktur in Schwarzach durch den Neubau des Kinder- und Jugendspitals, der bis 2015 fertig gestellt sein soll, verbessert. (red)

Weiterlesen:

Interview mit dem Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer

"Aus Trödeln wird rasch völliges Verweigern"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Es wird immer deutlicher, dass die schulischen Anforderungen für die Kinder und Jugendlichen mittlerweile einfach zu hoch sind", betont Josef Riedler, Leiter der Kinder- und Jugendstation im Kardinal Schwarzenberg'schen Krankenhaus.

Share if you care.