Phobie

Schulverweigerer sind keine Schulschwänzer

22. November 2011, 10:45
  • Artikelbild
    foto: apa/jens büttner

    "Es wird immer deutlicher, dass die schulischen Anforderungen für die Kinder und Jugendlichen mittlerweile einfach zu hoch sind", betont Josef Riedler, Leiter der Kinder- und Jugendstation im Kardinal Schwarzenberg'schen Krankenhaus.

Körperliche Symptome geben Hinweise auf eine Schulphobie - In Schwarzach werden die betroffenen Kinder interdisziplinär therapiert

Etwa jeder zehnte Schüler verweigert regelmäßig unentschuldigt den Unterricht, Tendenz steigend. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Experten unterscheiden zwischen nicht angstbedingtem "Schulschwänzen" - hier ist die Schule aufgrund von Trennungsängsten zwar Anlass aber nicht Ursache der Schulverweigerung - und der Schulphobie, also der unmittelbaren Angst vor der Schule und deren sozialem Umfeld. Letzteres kann sich auf Mobbing oder Gewalt in der Schule begründen. Oft ist es aber auch der Leistungsdruck zu hoch.

Schüler, die unter Schulabsentismus leiden, haben eine pathologische Angst, erklärt Raab. Typisch sei, dass diese unangemessen stark ausgeprägt sei, einen ungewöhnlichen Inhalt habe und nicht regulierbar sei. Die Angst bewirkt, dass Betroffene die Angstsituation vermeiden, die Schule also nicht mehr besuchen. 

"Gerade Ängste werden häufig durch körperliche Symptome maskiert" erläutert Raab die Details. Das äußere sich unter anderem in sich wiederholenden Bauch- oder Kopfschmerzen. Unterstützt von den Eltern suchen die Schüler dann den Hausarzt auf, um eine Krankschreibung zu erwirken. Bernd Müller, von der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Kardinal Schwarzenberg'schen Krankenhaus, appelliert daher gerade an die Allgemeinmediziner, diesen Kindern therapeutische Hilfe anzubieten. 

Die Kontaktaufnahme mit einem Psychotherapeuten steht dabei an erster Stelle, Lehrer und Eltern werden mit einbezogen. Ist der Leidensdruck groß, dann empfehlen die Experten eventuell einen stationären Aufenthalt. 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Jedes Schuljahr werden zehn bis zwölf Schüler in der Psychosomatischen Abteilung des Kinderkrankenhauses Schwarzach stationär über etwa drei Wochen behandelt. "Ziel der Behandlung ist die schnellstmögliche Wiedereingliederung in die Schule", betont die Raab. Die Therapie erfolgt interdisziplinär. Mediziner Ergotherapeuten, Psychologen und eine eigene Heilstättenschule sind in den Prozess involviert. 

Die Psychotherapeutin Simone Raab wies im Rahmen der 10-Jahres-Feier des Psychosomatik-Schwerpunktes im Krankenhaus Schwarzach in Salzburg auf die "dringende Behandlungsindikation" hin. Das Risiko einer chronischen Erkrankung und damit negative Auswirkungen auf die persönliche und Zukunft der jungen Menschen ist groß. Um dem steigenden Bedarf Rechnung zu tragen, wird die Infrastruktur in Schwarzach durch den Neubau des Kinder- und Jugendspitals, der bis 2015 fertig gestellt sein soll, verbessert. (red)

Weiterlesen:

Interview mit dem Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer

"Aus Trödeln wird rasch völliges Verweigern"

Böses Beelzemädchen
00
24.11.2011, 09:52
Ich bin noch zu der Zeit Schule gegangen,

wo heute so getan wird, als ob da noch alles in Ordnung gewesen sein. Ich habe Pflichtschule u. Hakmatura gemacht. Ich habe erst gegen Ende der Hak ein Referat halten müssen. Meine Tochter hat bereits ab der 1.VS u. mein Sohn ab der 2.VS Referate halten müssen. Ständig wurden bereits in der VS Referate/Präsentationen verlangt, wo vorher ein Buch gelesen werden musste od. lange Internetrecherchen notwendig waren. Es werden heute Sachen von d. Schülern verlangt, die nur mit Hilfe der Eltern geschafft werden. Wir sind nach der Schule heim gegangen. Heute sind die Schüler fast den ganzen Tag zusammen u. kochen sich eine Lebensphilosophie zusammen aus TV, Internet, Musikstars, Werbung u. Coolen a.d. Klasse, inkl. Mobbing ohne Ethik u. Mitgefühl

burniman
01
23.11.2011, 16:58

"Ziel der Behandlung ist die schnellstmögliche Wiedereingliederung in die Schule"

Ziel sollte die körperliche und selische Gesundheit des Schülers sein und nicht sie so schnell wie möglich wieder in den Schulstress und Leistungsdruck zurückzuschicken. Und dann sich wundern warum sich jedes Jahr Schüler von den Schulen stürtzen !!

anakabasa
 
16
22.11.2011, 13:13
nicht die militärisch organisierte und durchökonomisierte institution schule ist schuld,

das werdende humankapital ist halt zu: schwach, krank, vermutlich genetisch vorbelastet. mehr psychatrie für die noch zu sozialisierenden muss also her. der mensch muss halt erst an den markt gewöhnt werden. ja nichts an den schulen ändern! ja nicht die didaktik debattieren. siehe k.p.lissmann

Fritz Meyer
00
23.11.2011, 14:33
Die Briten sind da noch schlimmer.

Die ziehen das über mehr soziale Stigmatisierung, Überwachung und Disziplinierung von der Wiege bis zur Bahre her auf.

Minister der Ökomonie
00
23.11.2011, 12:34

Man muss da wohl trennen.

Das Eine ist das zurecht kritisierte Schulsystem, das Kindern keinen Entwicklungsfreiraum gibt, das Selbstvertrauen demontiert, die Individualität pathologisiert und Talente hinreichend einstampft. Das kann eben gerade sensiblere, kreativere, individuellere Kinder vernichten.

Das Andere sind Angststörungen die nicht alleine durch dieses System entstehen müssen. Ungerechtigkeit, Lehrer die sich in ihrer Autorität aufspielen, Druck der Mobbing unter den Kindern sogar teilweise fördern soll - den Druck von oben systematisch nach unten weitergibt. Und ein Umfeld das diese Tatsachen ignoriert, negiert oder schönredet bis das Kind Handlungsunfähig in der Ausweglosigkeit sitzt.

anne manner
13
22.11.2011, 17:35

ja, das hat schon was Beklemmendes - da haben Sie ganz REcht. Wer nicht kann, kommt in die Sonderschule; wer nicht will, in die Psychiatrie, Hauptsache, Liessmanns LehrerInnen können in Ruhe ihre Arbeit tun und die Institution Schule muss sich nicht hinterfragen. Andererseits finde ich es schon gut, dass den Kindern kompetent geholfen wird. Ihre Angst ist ganz real, auch wenn sie nicht krank, sondern eine normale Reaktion auf ein krankes Umfeld ist.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.