Im Hamsterrad geht der Humor abhanden

Peter Illetschko
21. November 2011, 19:41

Blog aus Bremen: Über trockene Berichte, das Erstarren in Ehrfurcht und die Sorgen der Journalisten

Nichts ist langweiliger und sinnloser, als an den Verstand zu appellieren. Wer das nicht glaubt, kann einem Zigaretten rauchenden Teenager ja einmal erklären, dass er das, was er da mit seinen Lungen macht, irgendwann einmal bereuen wird. Man wird ein herzhaftes Gähnen ernten. Man müsste schon besonders uncoole Politiker mit einer Zigarette zeigen, sagte der Kabarettist Eckart von Hirschhausen am Montag in seinem Vortrag bei der Wissenswerte in Bremen, dem Forum für Wissenschaftsjournalismus. Aber wer denkt, wenn er Maria Fekter mit einer Zigarette sieht, dass er aufhören sollte? Wohl nur eine Minderheit. Von Hirschhausen wollte damit auch nur zeigen, dass Humor die Botschaft verständlicher macht. Eine nicht mehr ganz neue Methode, aber immer noch beliebt.

Der Kabarettist schafft es, über Dopamin, Serotonin und Adrenalin, über Zigarettenkonsum und Sucht, über Hirnrinde und Verstand zu reden, ohne langweilig zu werden. Er verwendet Sprachbilder und sagt gleich selber dazu: Nicht alles, was hinkt, ist eine Metapher. Dass der Verstand der Regierungssprecher ist, der recht viel recht spät erfährt und nur mehr wenig dagegen tun kann, war schon einmal ein netter Versuch.

Nun stellt sich natürlich die Frage: Wäre Humor, wohl dosiert, ein Weg für Wissenschafts- und Medizinjournalisten, (noch) mehr Leser, Hörer, Zuschauer für ihre Themen zu interessieren? Man muss ja nicht immer nur trockene Berichte schreiben. Wie wäre es mit einer spannenden Reportage, einem frechen Interview? Wissenschaftsjournalisten, sagt ein Zuhörer, selbst Wissenschaftsjournalist, sind manchmal päpstlicher als der Papst und erstarren in Ehrfurcht vor dem Thema, das sie gerade behandeln. Der Blog-Autor kann das insofern nachvollziehen, als er sich oft denkt, was ihm als Nicht-Physiker zum Beispiel eigentlich fehlt, um die Quantenphysiker in Innsbruck wirklich zu verstehen. Aber Ehrfurcht ist wahrscheinlich zu viel gesagt.

In einer anderen Session war von den Sorgen der Journalisten, aber nicht nur der Wissenschaftsjournalisten, die Rede. Wer kann es sich als freier Journalist noch leisten, zu einer Tagung zu fahren, Kosten zu tragen, ohne vorher zu wissen, wie viele Abnehmer er für seine Texte haben wird? Wer hat in einer Redaktion noch Zeit, zu einer wissenschaftlichen Studie eine zweite Stimme einzuholen? Simone Humml, Leiterin der Wissenschaftsredaktion der Deutschen Presse Agentur dpa, sagte, bei medizinischen Studien, die eventuell von einem Pharmakonzern finanziert wurden, sei das Pflicht. Bei Studien, die durch ein Peer-Review-Verfahren anderer Experten gingen, müsse sie auf die zusätzlichen Stimmen verzichten.

Kein Wunder, dass da Sätze wie "Wir sind im Hamsterrad" oder "Wir müssen immer mehr arbeiten, ohne mehr zu verdienen" fielen. Carsten Könneker, Chefredakteur von "Spektrum der Wissenschaften", konnte das, wenn auch ungewollt, bestätigen. Voller Stolz berichtete er, dass auf der Website in Hinkunft Einzigartiges, Skurriles aus der weiten Welt der Wissenschaften, Dinge, die sonst keinen Platz haben, berichtet werden. Dass das mehr Arbeit für die Journalisten ist, die dafür natürlich nicht extra bezahlt werden, darauf musste ihn ein Mann aus dem Publikum hinweisen.

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Dürfte vielleicht einigen schon bekannt sein, aber trotzdem sei mir der Hinweis gestattet.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/artic... PMC300808/

Das Programm der Aufklärung ist damit nun endgültig gescheitert und besiegelt?

danke an den autor, habe den ersten absatz herrlich gefunden. :D

MythBusters für Alle

.
http://dsc.discovery.com/tv/mythbusters/

und täglich lernt das Murmeltier,...;-)

wissenschaftsjournalisten...

...sind wirklich sehr brav.

Immer brav aufschauen zum Herrn Wissenschafter.

Aber Witze sind doch nun wirklich das Allerletzte, ich bitt Sie.

Wie der Hamster sehe ich auch drein, wenn ich

die Schmögner-Comix ansehe.

also ich find nichts nerviger als lustige texte über wissenschaftliche themen.

da kennen sie offenbar noch nicht die sorte wissenschaftliche texte ueber lustige themen.

Der blinde Bibliothekar Jorge von Burgos in Ecos "Der Name der Rose" glaubte auch, dass das Lachen die Furcht töte, ohne die es keinen Glauben geben könne ...

Mag es sein, dass Sie ...

Wie dem auch sei ... hoffentlich brennt am Schluss keine Bibliothek ...

Genau an den ("Christus hat nie gelacht") musste ich auch denken.

Und nochmal Gernhardt:

Groß sind die Ernsten. Auf hohen Kothurnen
Schreiten sie streng. Doch es ehrt sie die Menschheit,
Weil sie so streng sind. Nur ernstestes Schreiten
Leitet den Menschen zum höchsten der Ziele,

Zum Sinn. Rattenhaft aber folgen die Spaßer
Und hurtig dem Zug, denn sie wittern begierig
Das, was seit alters bei jeglicher Suche
Nach Sinn für sie abfällt: Den Unsinn.

(aus dem Odenzyklus "Spaßmacher und Ernstmacher")

"Schon...

...in aller Herrgottsfrüh, wenn man das Radio aufdreht
Hört man so viel gute Laune, dass einem gleich alles vergeht
Denn die Radiosprecher werden für ihre Fröhlichkeit bezahlt
Doch die Witze, die sie reißen, sind oft schon tausend Jahre alt

Doch es gibt gar nichts zu lachen, man muss nicht ständig fröhlich sein
Schließlich hol'n uns die Probleme und der Frust gleich wieder ein
Ja, es gibt gar nichts zu lachen, man kann auch ernst durch's Leben geh'n

Genau wie Janne Ahonen"

Die unfröhliche Wissenschaft

Ich weiß noch etwas, was sicher noch viel nerviger ist: wissenschaftliche Texte über lustige Themen.

das is richtig. habe ein buch zu hause: Freud: der Witz, der Humor. hab vor jahren die erste seite gelesen, seit dem konnte ichs nimmer anrühren.

Wenn's Ihnen so ergeht, würde ich etwas Zurückhaltung beim Genuss von eingebundener Sauertopfsuppe empfehlen.

Einstein hat nie gelacht!

Texte zu wissenschaftlichen Themen sollten keinesfalls einen ph-Wert von 4,5 überschreiten und bei Befassung mit ernsten, wissenschaftlichen Themen sollten die Mundwinkel relativ zur Position der auf die Gesichtsebene projizierten Nasenspitze möglichst im überstumpfen Bereich bleiben und bei maximal 180° einrasten.

Als passende Hintergrundmusik würde ich ein Bach-Requiem wählen.

Erstens gibt es kein "Bach-Requiem" und zweitens hat Dave Brubeck die Brandenburgischen Konzerte von Bach als (ich zitiere aus der Erinnerung: ) "die fröhlichste Musik, die jemals geschrieben wurde" bezeichnet. Also eine riskante Komponistenwahl!

Bildungsbürgertum gegen Bildungsproletariat 1:0

Als humorvoller Mensch könnte man - und zwar unschwer - das Eingeständnis erkennen, dass mir die bewusste Lücke in Bachs Oeuvre tatsächlich nicht klar war. Dass von Bach auch heitere und sogar einzelne komische Stücke stammen, ist mir aber schon bekannt. Trotzdem scheint mir Dave Brubecks Auffassung ein wenig übertrieben und daran, dass ein Requiem von Bach, wenn es eines gäbe, nicht zu den Höhepunkten funebralen Frohsinns gehören würde, halte ich definitiv fest.

Ich aber nicht humorvoll. Und damit Sie's nur wissen: jetzt setzt ich mich hin und schreibe grad' erst recht noch ein Requiem!

[... jetzt ist es falsch plaziert, na auch egal]

Als gebildeter Mensch sollte man doch wissen, dass Johann Christian Bach, der Sohn eines beliebten Komponisten der leichten Muse, ein Requiem, aber kein einziges Brandenburgisches Konzert geschrieben hat - ts, ts.

Als ehrlicher Mensch und angegoogelter Kenner der Biographie des Bach-Sohnes sollte man zugeben, dass man diesen nicht gemeint hat, als man ein Klischeebild des tierischen Ernstes an die Wand zu malen versuchte.

Hai, sensei!
*Brett-vor-Kopf-hau*
Arigato gozaimashita!

Japanisch für Anfänger mit Torururu-shi

Wenn ich es recht sehe, müsste ich jetzt wohl:"Do-itashi-mashite!" antworten, sofern ich als Sensei, um nicht das Gesicht zu verlieren, nicht eine Formel wählen sollte, die meine Autorität stärker unterstreicht, wie etwa "Möge der Jünger die Weisheit beherzigen!"

(Tameru-hakusu käme als weniger förmliche Alternative zu Sensei in Betracht, jedenfalls in der Guttenberg-Ära).

Bei Eckart von Hirschhausen geht mir aber auch der Humor abhanden.

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