Wenn Genderchöre jubelnd Treue schwören

Kommentar der anderen21. November 2011, 19:15
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Über die Peinlichkeit einer Gesetzesvorlage, die zur Hymne zu werden droht und heute in der vorerst letzten Reformversion - Brüder raus, Töchter und Jubel rein -, den Verfassungsausschuss passieren soll - Von Ludwig Laher

Gerhard Zeillinger hat an dieser Stelle jüngst auf die peinliche Diskussion rund um eine frauengerechte Bundeshymne verwiesen. Genützt hat es nichts, das Parlament hält Kurs und schreibt um. Hier also ein neuer Versuch, bevor die Peinlichkeit endgültig Gesetz wird.

Keine Frage, der Text der österreichischen Bundeshymne ist nicht zeitgemäß. Er war im übrigen auch nicht zeitgemäß, bloß zeitgeistgemäß, als Frau Preradovic ihn zu Zeiten der Restauration gleich nach der letzten Barbarei verfasste: In den Kriegsjahren war die Arbeitskraft der gewöhnlichen Frau unverzichtbar, beim Aufräumen der Trümmer danach ebenfalls. Und dann erst, je nach Vorliebe, die Angelika Kaufmanns, Bertha von Suttners, die Ebner-Eschenbachs, Schütte-Lihotzkys, Hedy Lamarrs usw. Die Hymne aus der Feder einer Frau kommt ganz ohne sie aus. So weit, so schlecht.

Jetzt wird an den hehren Versen ausschließlich unter dem Banner des Gender Mainstreaming herumgebastelt. Nur: Wir sind auch sonst aus diesem Text herausgewachsen, er kleidet uns nicht mehr. Wieso liegt Österreich zum Beispiel "heiß umfehdet, wild umstritten dem Erdball inmitten"? Wieso soll ich "gläubig in die neuen Zeiten schreiten"?

Gender Mainstreaming heißt oft genug lediglich, vor allen anderen Inhalten die Augen fest verschließen, Hauptsache, die Frauen werden genannt oder wenigstens die Männer aus einem Text reklamiert. Aber was ist gewonnen, die "Brüderchöre" einfach durch "Jubelchöre" zu ersetzen? Die tun nämlich etwas, die Brüder, ab sofort auch die Schwestern, einig schwören sie dem Vaterland, nicht dem Mutter- oder Elternland, Treue. Und ab sofort jubeln sie dabei. Warum bitte? Treueschwüre haben stets etwas Pathetisches, jede Angelobung von Soldaten, jedes Gewinsel eines ertappten, reuigen Seitenspringers sind untrügliche Beweise dafür. Was gibt es da zu jubeln? Ist eine Situation erstrebenswert, in der Treueschwüre für das Vaterland von Begeisterungsstürmen begleitet werden? Ich für meinen Teil fürchte mich davor.

Doch mit der tatsächlichen Bedeutung ihres parlamentarischen Dichtungsergusses haben sich seine Schöpferinnen und Schöpfer, da wette ich darauf, überhaupt nicht näher auseinandergesetzt. Die Chöre jubeln aus einem einzigen banalen Grund: Man/frau brauchte zwei Silben für die hinausgeschmissenen Brüder, weil die Hymne blöderweise auch eine Melodie hat. Ebenso hätten sich die Abgeordneten auf "Kinderchöre", "Trauerchöre", "Schunkelchöre" einigen können.

Die "Töchter und Söhne" der ersten Strophe reiben sich dagegen ziemlich an der musikalischen Vorlage. Die Zusatzsilbe "und", eingefügt in einen früheren Entwurf, um "Töchtersöhne", also männliche Enkel, auszubremsen, wird in der Praxis wahrscheinlich zu "Töchtrundsöhne" führen. Wunderbar.

Wenn man/frau wo rauswächst, an Umfang zulegt, wird gewöhnlich ein neues Kleidungsstück fällig. An einem veralteten, mäßig gelungenen Text kann, darf nicht herumgeflickt werden. Entweder er bleibt, wie er ist, oder er muss abgeschafft, ersetzt werden. Absurd, 1. Kor., 14, 34 umzuschreiben und Paulus ab sofort fordern zu lassen, die Frauen mögen in der Kirche reden statt schweigen.

Allgemeine Bewusstlosigkeit

Mit Recht stößt sich die IG Autorinnen Autoren an den "Jubelchören", die Kritik hätte allerdings grundsätzlicher ausfallen dürfen: Was nützt ein Bewusstsein für die Anliegen der Frau ohne ein übergeordnetes grundsätzliches, nämlich zu bedenken, dass Wörter wie Taten Konsequenzen haben? Wenn ein Parlament mit großer Mehrheit Verse umschmiedet, scheinbar brave "Jubelchöre" statt der bösen "Brüderchöre" Treue schwören lässt, zeugt das nicht von Bewusstsein für die Gleichwertigkeit der Geschlechter, sondern von allgemeiner Bewusstlosigkeit. (Ludwig Laher, DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2011)

Der Autor, Jg. 1955, gelernter Germanist und Anglist, lebt als freier Autor in St. Pantaleon, Oberösterreich. Zuletzt erschien sein Roman "Verfahren" (Haymonverlag 2011) .

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    Große Töne bei der Eröffnung der Bundesligasaison mit Nadine Beiler. Statt der ursprünglich geplanten Reform-Hymne entschied sich der ÖFB im letzten Moment doch für die traditionelle Version. Den Brüdern im Hintergrund blieb das Umlernen - vorerst - erspart.

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