Kaum Jobs für beeinträchtigte Menschen

21. November 2011, 17:44
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Seit gut zehn Jahren gibt es keine geschlossenen Anstalten mehr für intellektuell beeinträchtigte Menschen

Wien - Mit 57 Jahren erlebte Alfred Gasserlik so etwas wie einen zweiten Geburtstag. Mehr als sein halbes Leben hatte er im psychiatrischen Krankenhaus am Steinhof auf der Baumgartner Höhe in Wien verbracht. Oder wie es die Psychotherapeutin Elfriede Mayer-Höber bezeichnet: "Dahinvegetiert." Denn noch bis ins Jahr 2000 war es dort Usus, dass intellektuell beeinträchtigte Menschen auf Dauer in geschlossenen Anstalten untergebracht waren. Seit dem Wechsel in das von der Lebenshilfe betreute Wohnhaus Pronaygasse vor mittlerweile elf Jahren nimmt Herr Gasserlik kaum mehr Medikamente, und er hat seine jahrzehntelang sedierte Persönlichkeit wiederentfaltet.

Heute leben Menschen mit intellektuellen Defiziten, wenn in der eigenen Familie kein Platz ist, in betreuten Wohngemeinschaften. Die Lebenshilfe Wien, heuer 50 Jahre alt geworden und ursprünglich selbst aus einer Selbsthilfegruppe entstanden, hat ebenso wie die Caritas viel zur Befreiung aus der Psychiatrie beigetragen. Und obwohl auch längst die Nazi-Diktion vom "unwerten Leben" überwunden ist, gibt es nach wie vor Probleme. "Im Kindesalter gibt es viele Möglichkeiten der Inklusion, also etwa gemischte Schulklassen. Aber mit dem Arbeitsleben wird es dann schwierig" , sagt Bernhard Schmid, der Generalsekretär der Lebenshilfe Wien. Er ist selbst Vater eines Jugendlichen mit Trisomie 21 (Down-Syndrom).

Kaum Lehrstellen

Trotz des seit 2006 geltenden Behindertengleichstellungsgesetzes gebe es kaum Lehrstellen oder Jobs für Betroffene. Unternehmen könnten sich mit 220 Euro zu billig von der Verpflichtung, pro 25 Beschäftigten jeweils eine Person mit Defiziten anzustellen, freikaufen. Die gesetzlich wohlgemeinte Anerkennung als "begünstigte Person" bewirkt oft das Gegenteil. Ein Montag veröffentlichtes Urteil des Verwaltungsgerichtshofes lässt deswegen sogar zu, dass beeinträchtigte Menschen auf diese Begünstigung verzichten können.

Ein "Riesenmanko" sieht der Jugendpsychiater Alexander Artner nach wie vor bei der medizinischen Betreuung von beeinträchtigten Menschen. Obwohl rund ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist, "gibt es nur 20 Betten für psychiatrische Notfälle. Und wenn intellektuell beeinträchtigte Personen einen Unfall haben, ist das Spitalspersonal sowieso immer überfordert" , so Artner, der in Wien ein Ambulatorium betreibt.

Wie normal es ist, mit intellektuell beeinträchtigten Menschen zusammenzuarbeiten, zeigt ab kommenden Montag eine von Markus Hippmann organisierte Ausstellung der Fotoschule Wien. (Michael Simoner, DER STANDARD; Printausgabe, 22.11.2011)

  • Ausstellung "Menschenbild", 1050 Wien, Margaretenstraße 127. Von 28. Nov. bis 15. Dez. www.fotoschule.at
  • Die Ausstellung "Menschenbild" im Foto-Quartier im Wiener 
Schlössl-Kino dokumentiert den Wandel im Umgang mit intellektuell 
beeinträchtigten Menschen: 1962 zeigte Fotograf Harry Weber die Zustände
 in der geschlossenen Anstalt am Steinhof.
    foto: harry weber

    Die Ausstellung "Menschenbild" im Foto-Quartier im Wiener Schlössl-Kino dokumentiert den Wandel im Umgang mit intellektuell beeinträchtigten Menschen: 1962 zeigte Fotograf Harry Weber die Zustände in der geschlossenen Anstalt am Steinhof.

  • Heute erhalten Betroffene 
individuelle Unterstützung und können sich entfalten.
    foto: lebenshilfe/hippmann

    Heute erhalten Betroffene individuelle Unterstützung und können sich entfalten.

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