Wie der Anblick unbekleideter Menschenkörper in unserem Gehirn so reizvoll wird
Tampere/Wien - Nackte menschliche Körper rangieren in der Ökonomie unserer
Aufmerksamkeit ziemlich weit oben, Werbe- und Medienindustrie schlagen daraus
fleißig Kapital. Dass nackte Körper mehr interessieren als angezogene scheint
evolutionär nicht weiter verwunderlich: Kleidung wurde erst relativ spät
erfunden. Die ältesten Bekleidungsreste stammen aus einer Zeit vor 36.000
Jahren.
Wie aber kommt es, dass nackte Körper sofort ins Auge springen? Zwei
finnische Neurobiologen glauben nun die Antwort gefunden zu haben: Nackte
Tatsachen werden in unserem Gehirn auf einer Art "Wahrnehmungsautobahn" namens
N170 verarbeitet, einem Neuronennetzwerk, das Informationen schnell
transportiert - und in dem Fall noch verstärkt.
Zu diesem Schluss kamen die finnischen Forscher im Fachblatt PLoS one
nach Tests mit insgesamt 48 freiwilligen Versuchspersonen, denen in schneller
Abfolge Bilder von nackten Körpern, Körpern in Badeanzug oder Badehose sowie
Gesichter und Autos auf einem Computerbildschirm gezeigt wurden. Dabei wurden
die Hirnströme der zunächst 16 männlichen Probanden gemessen. Das stärkste
Signal riefen wie zu erwarten die nackten Frauen hervor.
In der zweiten Testreihe wurde das Experiment mit 16 Männern und 16 Frauen
und nur mit Körperbildern wiederholt. Bei den Männern führten wieder die nackten
Frauen zu den heftigsten Reaktionen, bei den weiblichen Probanden waren es
ebenfalls Nackte - aber egal welchen Geschlechts.
Das aufgefangene Signal ist normalerweise typisch für das Wahrnehmen von
Gesichtern und heißt in der Fachsprache N170. Die nackten Körper scheinen es
aber noch zu verstärken, auch wenn deren Gesicht weggepixelt ist. Die Forscher
glauben, auch den Zweck der Expressverarbeitung dieser visuellen Information zu
kennen: Je schneller man das Augenmerk auf einen nackten Körper richten kann,
desto besser sind auch die Chancen auf Sex. (tasch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. November 2011)