Beim Tanztee mit dem Reichsprotektor

21. November 2011, 17:00
65 Postings

Das Attentat auf den Nazi-Schlächter Reinhard Heydrich dient dem Franzosen Laurent Binet zum Anlass, einen halbfiktionalen Roman zu schreiben

"HHhH" ("Himmlers Hirn heißt Heydrich") scheitert.

Wien - SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich nahm in der Hierarchie der größten Nazi-Verbrecher einen entscheidenden Platz ein: Der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes war federführend an der Abwicklung der Wannsee-Konferenz beteiligt, auf der die industrielle Vernichtung der europäischen Juden in die Wege geleitet wurde. Darüber hinaus war es dem Massenmörder Heydrich während einiger Monate vergönnt, sich als ungekrönter König zu fühlen. Aufgrund seiner "Tüchtigkeit" durfte er als "stellvertretender Reichsprotektor" von Böhmen und Mähren Quartier im Prager Hradschin beziehen.

Wie ein Potentat wachte er dort 1941/42 über die Friedhofsruhe im Land. Als er während eines Staatsaktes neben der berühmten Wenzelskrone zu stehen kam, soll er der Versuchung nicht widerstanden haben: Heydrich, der gescheiterte Marineoffizier mit der Krähstimme, die "blonde Bestie" mit dem eminenten Sinn für das Geigenspiel, drückte sich das Kleinod kurzerhand auf die Stirn.

In der schauerlichen NS-Galerie von haltlosen Psychopathen und Morphinisten mag Heydrich etwas von jener "Banalität des Bösen" verkörpern, die Hannah Arendt für den Bürokraten Adolf Eichmann geltend machte.

Der Franzose Laurent Binet (39), Autor der halb- oder viertelfiktionalen Attentatsbiografie HHhH, leugnet auch gar nicht das größte Dilemma seines "Romans": Er muss Heydrich möglichst genau in sein literarisches Fadenkreuz bekommen, weil er nur so über jene beiden Helden erzählen kann, die dem Schlächter am 27. Mai 1942 in Prag auflauern und ihn im Zuge einer Geheimdienstaktion tödlich verwunden.

Josef Gabèík und Ján Kubis sind Angehörige der tschechischen Exilarmee, die via Fallschirm über dem Protektorat abgesprungen sind. Weil im Moment des Attentats die Maschinenpistole versagt, muss eine Bombe gezündet werden. Heydrich überlebt trotz Notoperation nicht. Die beiden Attentäter tauchen zunächst unter; die Terrormaschinerie der Nazis verschluckt eine Vielzahl von Zivilpersonen. Die Vergeltungsmaßnahmen gipfeln in dem Massaker von Lidice. Die Exilarmisten werden durch Verrat in der Krypta der (damaligen) orthodoxen St.-Karl-Borromäus-Kirche aufgespürt: Sie fallen nach langem, hinhaltendem Widerstand den Häschern nicht mehr lebend in die Hände.

Binets Roman, im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt für das beste Erstlingswerk ausgezeichnet, gleicht einem Schattentheater: Weil Binet die Attentäter und deren Sympathisanten ehrlichen Herzens bewundert, möchte er sich in ihr Tun möglichst detailgetreu einfühlen.

Die Operation "Anthropoid" besitzt wie von selbst alle Zutaten zu einem Thriller: Der Tyrann ist ein monströser Vertreter des deutschen Totalitarismus. Im Umfeld der Attentäter wimmelt es vor couragierten Helfern, die Gabèík und Kubis Unterschlupf gewähren - und ihre Selbstlosigkeit zu Tausenden mit dem Leben bezahlen.

Indes scheint seit den Diskussionen um Jonathan Littells Die Wohlgesinnten auch eine Art Damm gebrochen: Eine Unzahl von Autoren zeigt ein mitunter befremdliches Interesse an den Verklemmungen der Täter. Als wäre endlich ein lästiges Gebot gefallen, kriecht eine ständig wachsende Zahl von Autoren in die schwarze Uniform hinein. Jeder dieser Identifikationsakte heuchelt ein Interesse, das in den Händen von Historikern womöglich besser aufgehoben wäre

Ein merkwürdiger Verstehenszwang stellt sich wie von selbst ein: Die Frage, ob der junge Heydrich seine spätere Gemahlin beim gemeinsamen Tanzschulbesuch mit einem Kameraden gefreit hat (der übrigens "Manstein" geheißen haben soll, aber keineswegs mit dem gleichnamigen Generalfeldmarschall identisch ist), löst gähnendes Desinteresse aus. Immerzu wird eine Vergewisserung gesucht, die ein gut- und mitmenschliches "Verstehen" zur Voraussetzung hat. Aber sind nicht selbst die Masturbationsgewohnheiten der tapferen Attentäter ein unnötiges Detail in der "Rekonstruktion" eines komplexen, wahnsinnigen Ganzen?

Kokette Kapitulation

Laurent Binet schreibt vor allem darüber, warum es ihm nicht möglich war, einen "echten" Roman über das Heydrich-Attentat zu schreiben. Er kapituliert kokett vor einem Stoff, dessen stockende Nacherzählung er trotzdem zu seiner Geschäftsgrundlage macht.

Binet, der Jorge Luis Borges nennt und Roland Barthes, wenn seine Erzählung gerade Pause macht, weiß auch keine letztgültige Antwort auf die brennende Frage, ob sich Heydrich die Wenzelskrone eigenhändig auf den Kopf gesetzt hat. Aber er weiß auch so: "Heydrich hat es sicher eilig, die Sache zu Ende zu bringen, um nach Hause zu kommen und mit seinen Kindern zu spielen oder um an der Endlösung weiterzuarbeiten." Sicherlich.

Laurent Binets HHhH ist kein gutes Buch. Für die Refiktionalisierung des NS-Irrsinns ist es aber symptomatisch. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 22. November 2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Reinhard Heydrich (li) samt Schranze.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die beiden Heydrich-Attentäter, die über dem "Protektorat" mit Fallschirm abgesprungen waren: Josef Gabcík ...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ... und Ján Kubis scheiterten beinahe an einer defekten Maschinenpistole.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Laurent Binet, der unbekümmerte Chronist.

  • Laurent Binet: "HHhH". Roman, aus dem Französischen von Mayela Gerhardt, Rowohlt 2011
    foto: rowohlt

    Laurent Binet: "HHhH". Roman, aus dem Französischen von Mayela Gerhardt, Rowohlt 2011

Share if you care.