AKH: Ärzte drohen mit Einstellung des Lehrbetriebs

22. November 2011, 14:02
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Mehr als 1000 Ärzte berieten Kampfmaßnahmen - Grund sind drohende Budget-Einschnitte

Wien - Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) hat am Dienstag die Betriebsversammlung der Ärzte stattgefunden. Die Mediziner haben sich im Hörsaal 1 des AKH-Hörsaalzentrums zusammengefunden, um über das knappe Budget ihres Arbeitgebers, der Medizinischen Universität Wien, zu diskutieren. Die Med-Uni hat zuletzt wiederholt beklagt, dass mit kommendem Jahr weniger Leistungen erbracht werden können, wenn der Bund nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellt.

Die heutige Betriebsversammlung stieß bei der Belegschaft auf sichtlich großes Interesse. Die rund 600 Plätze des Hörsaals hatten sich rasch gefüllt. Laut den Medizinern im AKH war es die bisher größte Zusammenkunft dieser Art.

Großer Zulauf bei Ärzte-Protest

Die Situation sei ernst, lautete der Tenor der Betriebsversammlungim AKH. Laut Betriebsrat Thomas Szekeres haben mehr als 1000 Ärzte teilgenommen. Der Hörsaal war so gefüllt, dass die Ärzte während der eineinhalbstündigen Versammlung auch auf den Gängen standen. Die Betriebsversammlung war bewusst am Vormittag angesetzt worden, Notfälle wurden weiterhin behandelt.

Im Wiener AKH könnten nach Angaben der Ärzte bis zu 180 der derzeit rund 1.500 Dienststellen gestrichen oder nicht nachbesetzt werden. Einsparungen würden ab Anfang 2012 spürbar sein. So würde die Anzahl der Journaldienste um rund 14 Prozent reduziert, wie der Rektor der Med-Uni, Wolfgang Schütz, zuletzt vorgerechnet hat. Er beklagte, dass die steigenden Kosten nicht mehr abgegolten werden.

Patienten zeigten Verständnis

Während der eineinhalbstündigen Versammlung wurde der Normalbetrieb in den Ambulanzen zumindest leicht reduziert. Die Patienten zeigten durchaus Verständnis für die von den Ärzten geforderten finanziellen Zusatzmittel. "Normalerweise ist es bummvoll hier, ich hab mich schon gewundert, was los ist", sagte eine 65-jährige Wienerin, die extra zur Nachbehandlung gekommen war. "Mir hat niemand was gesagt, aber mein Arzt ist ja auf Urlaub." Verstehen könne sie die Ärzte, allerdings müsse sie trotzdem warten, da sie durch eine Verletzung am Fuß in der Zwischenzeit nicht alleine nach Hause gehen könne.

Ein wenig verärgert zeigte sich eine 45-jährige Niederösterreicherin. Sie war wegen einer Befundbesprechung ins AKH gekommen, niemand hätte sie über den eingeschränkten Betrieb informiert. Sie versicherte dennoch: "Eine gewisse Solidarität mit den Ärzten habe ich, aber die sollen halt bei den oberen Posten sparen, bei denen, die Rolls Royce fahren." Wenig Verständnis hingegen zeigte ein junger Mann mit einem gebrochenen Fuß: "Ich frage mich, warum solche Betriebsversammlungen nicht am Nachmittag oder späten Abend abgehalten werden können, ohne den Patienten zu schaden."

"Gefährlich für die Patienten"

Die Journaldienstkürzungen werden in fünf Wochen in Kraft treten, wenn sich nichts ändert. Es ist aber noch nicht bekannt, an welchen Stationen Nachtdienste eingespart werden. Mittelfristig bedeutet das für die Ärzte nicht nur eine Gehaltsreduktion, sondern auch dass weniger Patienten behandelt werden können.

"Wenn die Patientenzahl gleich bleibt, wird es irgendwann gefährlich für die Patienten", sagt ein AKH-Assistenzarzt im Gespräch mit derStandard.at. Es herrsche eine große Solidarität zwischen den Ärzten, roter und grüner Bettenturm hielten genauso zusammen wie Chirurgen und Internisten.

Vermisst werden Visionen, wohin sich das AKH in den nächsten Jahren entwickeln soll. Hier seien wieder Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) und Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) gefragt. Von beiden Seiten kam bisher nur eine Absage, zusätzliche Budgetmittel zur Verfügung stellen zu wollen.

Prominente springen AKH-Ärzten bei

"Lehre und Forschung profitieren von den hohen Patientenzahlen", sagt der Assistenzarzt. Daher sei es wichtig, weiter mit der maximalen Auslastung zu arbeiten. Als weitere Maßnahme werde sogar eine Einstellung des Lehrbetriebs diskutiert. Laut Betriebsrat gibt es einen Stufenplan - von der letzten Stufe, einem Streik, seien die Ärzte aber noch weit entfernt.

Nächsten Dienstag, den 29. November, lädt der Betriebsrat alle Ärzte, Studenten und die Öffentlichkeit in das Foyer des AKH ein: Auch Prominente wie Niki Lauda und die ehemalige Grünen-Politikerin Freda Meissner-Blau, die in den vergangenen Jahren im AKH operiert wurden, wollen dann ihre Solidarität mit den Ärzten demonstrieren.

Zusätzlich zum Beschluss für die nächste Versammlung kommende Woche wurde auch eine Resolution verabschiedet. Sie richtet sich an das Rektorat der Medizinischen Universität Wien und hat eine klare Forderung zum Inhalt: Die angekündigten Sparmaßnahmen sollen ausgesetzt werden.

Ärzte erklärten ihr Anliegen

"Wir waren heute eigentlich alle da, von den jüngsten Ärzten bis zu den Professoren", freute sich der Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Arnold Pollak. Das AKH, so betonte er, habe sich als "Spitzenspital der ersten Kategorie" positioniert. Die Ärzte würden nun mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass man eines der besten Spitäler Europas bleibe.

Vor den Medienvertretern skizzierten die Mediziner erneut die drohenden Maßnahmen, die etwa im Bereich Chirurgie bevorstünden, wie versichert wurde. Michael Gnant von der Abteilung für Allgemeinchirurgie verwies darauf, dass schon in der Vergangenheit Diensträder eingespart worden seien. Gebe es weitere Reduktionen, könne es gewisse Leistungen nicht mehr geben. Die Politik müsse dann entscheiden, welche dies sein werden.

Laut Gnant könnte es etwa bei nächtlichen Aushilfsanfragen von anderen Spitälern schwierig werden: "Wenn dann ein Krankenhaus in Niederösterreich anruft und sagt, sie schicken einen Patienten mit dem Hubschrauber, dann müssen wir vielleicht sagen, tut uns leid, wir sind eingespart worden." Auch HNO-Arzt Wolf-Dieter Baumgartner warnte: "Die Einsparungen sind nun erstmals so, dass es die Patienten merken werden." Denn die Rücknahme der Journaldienste betreffe vor allem die Akutversorgung.

Töchterle will Details von Meduni

Im Wissenschaftsministerium wurde dazu betont, dass man im laufenden Kontakt mit dem Rektorat der Medizinischen Universität Wien - dem Arbeitgeber der Mediziner - sei. "Auch heute gibt es erneut ein Gespräch, bei dem das Ministerium von der Med-Uni Wien konkret und detailliert wissen möchte, wie der genannte Fehlbetrag von neun Millionen Euro zustande kommt", hieß es in einer  übermittelten Mitteilung.

Laut dem Rektor der Med-Uni, Wolfgang Schütz, wird die Medizinische Universität das Jahr 2011 mit einem Minus von "acht bis neun Mio. Euro" beenden. Einmal mehr wurde heute im Ministerium betont, dass das AKH durch die Entwicklung der vergangenen Jahre "immer mehr an der Allgemeinversorgung" beteiligt sei: "Rektor Schütz sagt, dass bereits die Hälfte des Med-Uni-Wien-Budgets in die reine Krankenbetreuung fließt. Das ist nicht Aufgabe einer Medizinischen Universität."

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) habe bereits vergangene Woche vorgeschlagen, dass sich Vertreter des Ministeriums, der Med-Uni, der Stadt und des AKH an einen Runden Tisch setzen sollen, um gemeinsam eine Neuregelung für die Zeit nach 2015 zu erarbeiten, hieß es in der Mitteilung. Dabei solle vor allem der Vorschlag des ärztlichen Leiters des AKH, Reinhard Krepler, diskutiert werden, eine Betriebsgesellschaft zum "effizienteren gemeinsamen Betrieb" zu gründen. (APA, mte, derStandard.at, 22.11.2011)

  • Im Wiener AKH muss am Dienstag mit noch längeren Wartezeiten als üblich gerechnet werden.
    foto: standard/newald

    Im Wiener AKH muss am Dienstag mit noch längeren Wartezeiten als üblich gerechnet werden.

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