Plastikgemetzel am Wiener Spielefest

Reportage22. November 2011, 06:15
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Maulwürfe erschlagen, Steine legen oder Zug fahren: Am Spielefest kann man zwar nichts kaufen, dafür aber alles einmal ausprobieren

Kinderspiele können sehr brutal sein. Gleich beim Eingang zum Wiener Spielefest vergnügen sich zwei Erwachsene mit einem solchen. Dabei gilt es, sieben Maulwürfe zu erledigen und zum Schweigen zu bringen. Die lachen nämlich nicht nur fies, sondern haben auch Helme mit Leuchten, die entweder rot oder grün blinken. Mit jeweils einem Plastikhammer schlagen die zwei Frauen daher auf die Figuren. Doch das süffisante Gekicher der Maulwürfe, sobald sie eines auf die Mütze kriegen, irritiert sie: "Das Spiel ist für kleine Kinder, aber selbst dafür sind wir zu deppert." Der Sinn des Hauens auf die blinden Erdbewohner erschließt sich den beiden Testerinnen einfach nicht, vielleicht sind sie dann doch schon zu alt für das Plastik-Gemetzel.

Drei Tage lang lud das Wiener Spielefest vergangenes Wochenende ins Austria Center Vienna ein, die neuesten Spiele am Markt einmal auszuprobieren. Zirka 70.000 Besucher folgen diesem Ruf jedes Jahr. Im Messeraum stehen unzählige Tische herum. Auf jedem liegt eine Spielanleitung und alles, was das jeweilige Spiel so braucht: Spielbrett, Spielfiguren, Sanduhren, Spielkarten, Holzklötze, Plastiksteine. Jeder, der will, setzt sich hin und fängt einfach an. Insgesamt sind es 1.500 Spieltische, die meisten stehen aber in der Spielearena, wo sich die Zocker zu Turnieren treffen. Die normalen Besucher tummeln sich im großen Ausstellungsraum, um die gut 5.000 Spiele anzutesten, vom Klassiker bis hin zu den neuesten Trends.

Logisch denken

Logikspiele sind so ein Trend. Eine Besucherin lässt sich eines davon erklären. Sofort fängt sie an, sich an dem Spiel zu versuchen. Die junge Frau mit den raspelkurzen, blonden Haaren und dem spitzbübischen Lachen ärgert sich und grummelt vor sich hin. Das weiße Plastikteil, vier miteinander verbundene Kugeln in Form eines Kreuzes, will einfach nicht in die vorgesehenen Einbuchtungen des schwarzen Spielbrettes zu den anderen Spielsteinen dazu passen. "Das ist ein gewaltfreies Spiel", ermahnt sie die Frau hinter der Budel. Sie lächelt, schließlich versteht sie die Blondine sehr wohl. Die ersten drei Versuche sind ja auch geglückt, alle kugeligen Spielsteine haben ihren Platz gefunden, keiner ist übrig geblieben, keine der Ausbuchtungen vermisst ihren runden Gegenspieler. Nur jetzt will es einfach nicht klappen. Das Spiel raubt der Besucherin den letzten Nerv.

Aber das ist genau das, was sie reizt, sonst wäre es ja langweilig. "Spielen wird nie aussterben", ist sie sich sicher. Im Moment sucht die Frau gerade nach einem Geschenk für ihren Vater, Logikspiele wie das Kugel-Steine-Legen mag er. Allerdings schreckt sie der Preis ein bisschen ab, 80 Euro sind dann doch zu viel. Außerdem kann man auf dem Spielefest in Wien ohnehin nichts einkaufen. 

Ist auch gar nicht nötig, sind sich die Aussteller einig. "Das ist ein Spielefest, keine Messe", stellt einer von ihnen fest. Hier kann man nur spielen, ausprobieren, sich schlau machen, was gerade in ist oder aufgemotzt wurde. Gespielt wurde schon immer, gerade Gesellschaftsspiele erleben derzeit aber wieder eine Renaissance. Die Leute setzen sich zusammen hin und verbringen mehr Zeit miteinander, treffen sich am Wochenende oder nach Feierabend zum Spielen. Es verwundert also auch wenig, dass viele Familien das Spieletesten nutzen, um sich inspirieren zu lassen. Weihnachten ist auch nicht mehr weit weg, Spiele finden sich auf der Wunschliste der Kinder an das Christkind besonders weit oben.

Der Spielzeugbranche geht es gerade mit den Brett- und Gesellschaftsspielen gut. Unkenrufe, dass die Konkurrenz durch Computer-Spiele oder Konsolen der Sargnagel des klassischen Spieles sein wird, bewahrheiteten sich einfach nicht. Auch die Krise konnte den Spieleherstellern nichts anhaben, ganz im Gegenteil hauchte die Wirtschaftsflaute der Branche neues Leben ein. Die Bilanzen der Produzenten lesen sich gut, der Spielemarkt ist alles andere als in Turbulenzen. Auch dem Internet wurde lange nachgesagt, es werde dem Spielzeughandel über kurz oder lang die Luft zum Atmen rauben. Doch auch das ist nicht eingetreten, gerade über das Internet boomt der Handel mit den Spielen.

Kleine und Große

Je kleiner das Zielpublikum des Spiels ist, desto größer werden die Spielfiguren. Einige Zwei- bis Dreijährige robben deswegen auch auf dem Spielbrett aus Stoff am Boden herum, um mit den hölzernen Riesen-Schnecken je ein Feld weiterzuziehen. Nur das mit dem Würfeln haben die Mini-Schneckenreiter noch nicht ganz verstanden. Wer nämlich gerade dran ist, soll so ermittelt werden. Früh übt sich, wer einmal ein großer Spielemeister werden soll. Und das mit dem Würfeln wird auch schon noch werden. Die Geschlechterzuordnungen sind bei den ganz Kleinen schon auf die Weite gut sichtbar. Bei den Mädchen dominiert eindeutig quietschpink, das Plüschige und das Herzige. Technik und das große Remmidemmi ist dann doch eher den Buben vorenthalten. Auch bei der elektrischen Eisenbahn sitzen daher fast nur Jungs mit großen Augen vor dem Plastikzug, der unablässig in einer Achterschleife im Kreis fährt.

Die großen Buben haben derweil etwas anderes im Sinn. Eine Rolltreppe führt eine Dreiertruppe von Kämpfern in mittelalterlichen Rüstungen in den ersten Stock. Die braunen Kutten, Schwerter und Helme sorgen für irritierte Blicke, doch die Herren wissen genau, was sie tun: Sie suchen nach neuen Begeisterten für ihr Rollenspiel. Die eigene Welt, aus Elfen, Kobolden, Wäldern und Kämpfen verlangt den Protagonisten auch viel an Initiative ab. Da reicht es nicht, sich nur an den Tisch zu setzen und mit den Spielfiguren über das Brett zu ziehen. Da muss man auch selber ran, Kleidung, Einstellung, selbst die Sprache entspricht der Spielanordnung.

Im ersten Stock des Spielefests ist das unendliche Universum der Rollenspieler zu finden. Es sind zum Großteil Männer, die optisch durchaus den Vorurteilen entsprechen, die den Live-Rollenspielern gern entgegengebracht werden: lange, dunkle Haare, blasse Gesichter, Brille und meist schwarze T-Shirts. Einige basteln an Spielfiguren, und bemalen sie mit filigranen Pinseln, andere werben eben um neue Mitspieler für die Live-Rollenspiele oder Brettspiele. Neben den mittelalterlichen Kämpfern ist auch die halbe Belegschaft von Star Wars vertreten. Die Sternenkrieger und Jedi-Ritter sind ein begehrtes Fotomotiv. Mehrmals pro Tag geben sie einen Live-Kampf zum Besten. Alles ohne Blutvergießen, selbstverständlich. Sie wollen ja nur spielen. (rom, derStandard.at, 22.11.2011)

  • Kaufen kann man am Spielefest nichts, nur spielen.
    foto: derstandard.at/rom

    Kaufen kann man am Spielefest nichts, nur spielen.

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    foto: derstandard.at/rom
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