Magische Zuschreibungen im Alltag

21. November 2011, 14:44
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Am Grazer Volkskundemuseum wurden Objekte aus der Sammlung auf ihre individuelle alltagsmagische Praxisgeschichte untersucht

Graz - An Polterabenden wird Geschirr zerschlagen, vierblättrige Kleeblätter werden verschenkt, Schüler nehmen einen Talisman zur Schularbeit mit, bei der Sichtung einer Sternschnuppe wünscht man sich etwas: All das geschieht in einer scheinbar rationalen, von wissenschaftlichen Werten gelenkten Gesellschaft. Das Volkskundemuseum Graz hat zwei Jahre lang wissenschaftlich untersucht, was allgemein als Aberglaube bezeichnet wurde und wird - und wie man ihn auch heute noch praktiziert.

Objektsammlung und Forschungsprojekt

Das Volkskundemuseum am Universalmuseum Joanneum besitzt eine breite Sammlung an sogenannten unheilabwehrenden und magisch besetzten Objekten seit dem 18. Jhdt: Tiermumien, Ketten aus Natternwirbeln, Zettelchen, Mineralien, Messer mit neun Monden, Stoffborten, Steine, Wurzeln. Nur wenigen Dingen sieht man ihren irrationalen Dinggebrauch an.

Als "abergläubisch" werden Handlungen bezeichnet, die ohne rationale Grundlage mit der Absicht durchgeführt werden, Glückszustände herbeizuführen oder zu erzwingen bzw. sich vor Unheil zu schützen. Oft kommen dabei auch reale Gegenstände zum Einsatz. Diesem vordergründig als irrational eingeschätzten Dinggebrauch ging das vom Wissenschaftsministerium geförderte Forschungsprojekt am Volkskundemuseum auf die Spur. "Wir versuchen, das den Dingen zugrundeliegende Denksystem, den weltanschaulichen Hintergrund zu verstehen, ohne den sogenannten Aberglauben zu romantisieren oder abzuwerten", so Projektleiterin Eva Kreissl." U.a. wurden gemeinsam mit der Grazer Volkskundlerinnen Gabriele Ponisch und Karin Estl im Rahmen des Projektes über 1.000 Objekte aus der Sammlung auf ihre individuelle alltagsmagische Praxisgeschichte untersucht.

Handhabung und Schutzwirkung

"Wie die Dinge konkret verwendet wurden, war bisher im Inventar des Museum nicht festgehalten", schildert Kreissl. Mithilfe mehrerer steirischer Textkonvolute (Romuald Pramberger, Franz Ferk) aus der Zeit der Wende zum 20. Jhdt. und intensiver Recherche in Archiven konnte die ehemalige Handhabung einiger Objekte rekonstruiert werden. So wurde erhoben, dass Amulette aus Natternwirbeln Krankheiten von Kindern abhalten sollten, Briefchen mit einem Agglomerat verschiedener Objekte "Rundumschutz" bieten oder Knöchelchen unterm Kopfpolster und Stoffborten in vermeintlicher Körperlänge von Heiligen helfend bei Schwangerschaft und Geburt wirken sollten.

Formen des Aberglauben - sogenannte "kleine magische Praktiken" - könne man heutzutage auch bei Jugendlichen finden, die z.B. Glücksbringer mit sich führten. "Die Objekte stammen von Freunden und Verwandten und stehen meist als emotionale Repräsentanz der Kraft des Anderen." Immer wieder stieß Kreissl auch auf Armbänder mit Mariendarstellungen: "Interessant ist hier, dass sie zuerst als modisches Accessoire getragen werden und erst nachher - wenn beispielsweise ein Bildchen fehlt - mit Bedeutung als glück- oder unglückbringend - aufgeladen werden."

In Zeiten des sozialen, ökonomischen und politischen Umbruchs sei das Interesse an Weltdeutungen, die in Opposition zu herrschenden Lehrmeinungen stehen, an magischen und abergläubischen Vorstellungen, besonders hoch, so Kreissl. "Umfragen zeigen, dass wir uns auch jetzt wieder in einer Aufwärtsbewegung befinden", so Kreissl. (APA/red)

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    Dieser sogenannte Glücksbringer vereint gleich zwei Symbole, die Glück bringen sollen: Ein vierblättriges Kleeblatt und ein Hufeisen. Das Grazer Volkskundemuseum hat Objekte aus der eigenen Sammlung - wozu oberes übrigens nicht zählt - auf ihre individuelle alltagsmagische Praxisgeschichte hin analysiert.

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