Ortsdaten als Chance für Lokaljournalismus

21. November 2011, 15:13
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Medienjournalistin Ulrike Langer über das erste "Data-Journalism-Handbook", Einstiegsszenarien für Redaktionen und eierlegende Wollmilchsäue

Dreier-Teams aus Journalisten und Programmierern wie bei der New York Times, empfiehlt Ulrike Langer Redaktionen, die Datenjournalismus betreiben möchten. Beim eintägigen fjum-Workshop "Mit Daten Geschichten erzählen" gewährte die Medienjournalistin gemeinsam mit Sascha Venohr, Entwicklungsredakteur bei Zeit Online und APA-Grafikchef Walter Longauer tiefere Einblicke zum Thema Datenjournalismus.

derStandard.at: Eintägige Workshops zu Datenjournalismus sprießen wie Pilze aus dem Boden. Gibt es auch schon einen Studiengang?

Ulrike Langer: Punktuell. An der Macromediahochschule in Hamburg wird Datenjournalismus in Ansätzen gelehrt, es gibt auch einen Online-Journalismus Studiengang in Darmstadt, aber das hat nicht die Tiefe wie in den USA. An der Columbia University in New York ist vor einigen Wochen ein eigener Studiengang für sogenannte Programmierer-Journalisten eingerichtet worden. In zwei knallharten Jahren werden dort fünfzehn hochqualifizierte Spezialisten ausgebildet, die neben dem Journalismus-Studium noch einen Ingenieurabschluss in Programmieren machen. Die amerikanischen Medien beobachten das natürlich mit Argusaugen. Ich glaube, dass einige sogar schon vor Abschluss ihrer Ausbildung unter Vertrag stehen werden.

derStandard.at: Muss ein Journalist, der in den Bereich Datenjournalismus einsteigen will, programmieren können?

Langer: Nein, Programmieren sollte wenigen Spezialisten überlassen bleiben, die richtig hervorragend in ihrem Fach sind. Journalisten haben genug mit Journalismus zu tun, der ja auch immer vielfältiger wird. Wir haben sonst lauter eierlegende Wollmilchsäue, Amateure die nichts richtig können und die sowieso nicht mit echten Programmierern konkurrieren können. Wichtig ist, dass man eine Grundahnung hat, was unter welchen Umständen mit welchen Budgets möglich ist.

derStandard.at: Warum hinkt Europa in der Entwicklung hinterher?

Langer: In Europa mahlen die Mühlen etwas langsamer. Es hat natürlich auch den Grund, dass Datenjournalismus in europäischen Ländern noch keine lange Tradition hat. Eine Ausnahme bildet Großbritannien, da sich die Behörden dort als Public-Service-Agents verstehen, wozu auch gehört, alle die Öffentlichkeit betreffenden Daten herauszugeben. Zusätzlich wird gerade in Deutschland oft vermengt, dass es bei Datenjournalismus um öffentliche Daten geht und nicht darum, private Daten von Bürgern an die Öffentlichkeit zu zerren. Es ist die Aufgabe von Journalisten, diese Sphären auseinanderzuhalten und der Öffentlichkeit zu erläutern.

derStandard.at: Welche Schritte müssen gesetzt werden, um eine Redaktion fit für Datenjournalismus zu machen?

Langer: Der erste Schritt ist Vernetzung, der Austausch mit denjenigen, die schon Erfahrung haben. Im Datenjournalismus gibt es viele informelle Initiativen, beispielweise die Open-Knowledge-Foundation oder das Open-Data-Network, wo Journalisten sitzen, die sehr freigiebig mit ihrem Wissen umgehen. Zweitens lohnt es sich, in einen eigenen Programmierer zu investieren, wobei man natürlich fürs erste auch mit externen Spezialisten zusammenarbeiten kann. 

Bei der New York Times ist die Datenjournalismus-Abteilung mit vierzehn Leuten besetzt. Meistens arbeiten Dreier-Teams, beispielsweise ein Programmierer und zwei Journalisten, gleichzeitig an verschiedenen Projekten. Kleinere Redaktionen sollten sich die Themen sehr gut überlegen, sodass sich der erhöhte Aufwand auch lohnt.

derStandard.at: Ist Datenjournalismus für jedes Ressort anwendbar?

Langer: Man kann im Datenjournalismus nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit semantischer Textanalyse arbeiten. Neben investigativem Journalismus, Politik und Wirtschaft gibt es gerade im Lokaljournalismus jede Menge Informationen, die mit Ortsdaten verknüpft sind. Da wird noch kaum etwas gemacht.

derStandard.at: Gibt es im deutschen Sprachraum ein Leuchtturmbeispiel für Datenjournalismus?

Langer: Zeit Online strahlt sicherlich heller als die anderen, die taz macht im Verhältnis zu ihren Ressourcen bemerkenswert viel und das gut, und auch DerWesten betreibt Datenjournalismus in Verknüpfung mit seinem Whistleblower-Portal.

derStandard.at: Fällt ihnen ein datenjournalistisches Projekt ein, das konkret etwas verändert hat?

Langer: Zeit Online hat 2011 mit dem Projekt "Malte Spitz - Verräterisches Handy" den Grimme Online Award gewonnen. Es beruht darauf, dass der grüne Politiker Malte Spitz sechs Monate seiner Vorratsdaten eingeklagt und diese dann Zeit Online gegeben hat. Die Journalisten haben aus den Ortsdaten ein Bewegungsprofil erstellt und mit öffentlichen Daten über Malte Spitz im Internet, zum Beispiel Tweets, verknüpft. So kann man nicht nur sehen, wann er wo war, sondern auch über eine interaktive Anwendung einstellen, wie schnell Malte Spitz reisen soll. Das ist eine bahnbrechende Anwendung, die zu politischen Diskussionen geführt hat. Außerdem ist sie ins Englische übersetzt worden und hat sogar in den USA im Kongress zu Anfragen geführt.

derStandard.at: Können Sie ein interessantes Projekt zum Thema empfehlen?

Langer: Beim Mozilla Festival in London sind namhafte Datenjournalisten aus aller Welt zusammengekommen und erarbeiten momentan gemeinsam das erste "Data Journalism Handbook". Es wird auf Google Docs publiziert und steht unter einer Creative Common Lizenz jedem frei zur Verfügung. Eine Vorschau steht schon jetzt im Netz und einzelne Kapitel sind bereits fertig und werden gerade nochmal gegengelesen. Das Buch sollte in einigen Wochen fertig sein.

derStandard.at: Welche Grundregeln sollte man beachten, wenn man Datenjournalismus betreibt?

Langer: Die Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Daten spielt beim Datenjournalismus eine große Rolle. In einer Grauzone befindet sich beispielweise das sogenannte "Scrapen". Das ist eine Methode, um aus nicht maschinenlesbaren Dokumenten, wie zum Beispiel PDFs, Daten zu ziehen. Derzeit läuft die Diskussion: Was ist ein erlaubtes technisches Hilfsmittel und wo werden technische Daten überwunden, die bewusst eingesetzt worden sind, um sensible Daten zu schützen? Außerdem ist es wichtig, die Informanten schützen, auch vor sich selbst. Manch einer hat wenig technische Ahnung, dass die Spur digital zurückverfolgt werden kann. (Tatjana Rauth/derStandard.at/21.11.2011)

ULRIKE LANGER arbeitet seit 16 Jahren als freie Medienjournalistin und analysiert seit Juli 2011 den digitalen Medien- und Journalismuswandel von Seattle aus. Ihre Erkenntnisse können auf dem Medienfachblog medialdigital.de mitverfolgt werden.

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