"Das Schlimmste, das ich je erlebt habe"

Interview21. November 2011, 10:20
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Selbst eine Pfefferspray-Attacke kann Dorli Rainey nicht einschüch­tern, vielmehr schreckt die 84-Jährige ihre plötzliche Berühmtheit

Bei der Räumung eines "Occupy"-Camps in Seattle vergangene Woche wurde die gebürtige Österreicherin Dorli Rainey von der Polizei mit Pfefferspray attackiert - das Foto ging um die Welt und machte die 84-Jährige mit einem Schlag berühmt. Im Interview mit derStandard.at erzählt sie, wie sie jene Nacht erlebt hat, was sie den USA vorwirft und warum eine Rückkehr nach Österreich nicht möglich ist.

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derStandard.at: Wie geht es Ihnen heute nach der Pfefferattacke?

Dorli Rainey: Ich habe immer noch Schmerzen in der Lunge und muss regelmäßig zu Untersuchungen ins Spital. Sonst fühle ich mich großartig. Ich halte schon wieder Vorträge und Ansprachen.

derStandard.at: Worüber halten Sie Vorträge?

Rainey: Momentan engagiere ich mich in erster Linie in der Occupy-Bewegung. Ich unterstütze nicht nur die Aktivisten in Seattle, wo ich lebe, sondern bin auch Mitglied der Gruppe October 2011 in Washington DC.

derStandard.at: Wie lange werden die Proteste der Occupy-Bewegung Ihrer Meinung nach noch anhalten?

Rainey: Das ist schwer zu sagen, aber ich denke, schon noch eine ganze Weile. Unter den Aktivisten sind sehr gescheite Menschen, viele Intellektuelle, wahre Kaliber. Den einen oder anderen könnte ich mir sogar als Präsident der Vereinigten Staaten vorstellen. Ich engagiere mich seit Jahren für Gleichberechtigung und Rechte von Frauen - ein unerschöpfliches Thema, das immer auf und ab ebbt. Ähnlich wird es wohl mit der Occupy-Bewegung sein.

derStandard.at: Sie wurden in Graz geboren, leben nun aber schon seit mehr als 50 Jahren in den USA. Warum haben Sie Österreich verlassen?

Rainey: Es war die Liebe. Bis 1956 arbeitete ich als Übersetzerin in Salzburg. Dann lernte ich meinen Mann kennen, einen amerikanischen Zivilingenieur - und ging mit ihm in die USA.

derStandard.at: Inwieweit verfolgen Sie noch die politischen Entwicklungen in Österreich?

Rainey: Sehr wenig. Ich versuche zwar am Laufenden zu bleiben, traue aber den Medienberichten nicht. Was ich nicht verstehe, ist, wie auch Österreich von der internationalen Finanzkrise betroffen sein kann.

derStandard.at: Wie haben sich die USA in den letzten Jahrzehnten verändert?

Rainey: Es ist einfach schrecklich. Frieden hat keinen Platz mehr im Denken des Staates, das Geld fließt in militärische Aufrüstung, in Kriegsgebiete wie Afghanistan und Pakistan, anstelle in Wissenschaft und Forschung. Unbegreiflich. Was um Himmels Willen passiert hier? Der Krieg wird nie aufhören, nie. Ein weiterer Grund, warum die Occupy-Bewegung so wichtig ist.

derStandard.at: Sie sind seit einigen Tagen das Gesicht der Bewegung.

Rainey: Das kann sein, ich verstehe es aber nicht. Ärgerlich ist, dass manche behaupten, ich hätte das inszeniert und mich den Kameras zugewandt. Das ist ein Riesen-Blödsinn. In jener Nacht achtete ich auf die Hubschrauber über uns und im nächsten Moment ging eine Fontäne an Pfefferspray über uns nieder. Haben Sie die Bilder gesehen? So etwas habe ich noch nie erlebt. Die Polizei-Aktion war völlig überzogen, unakzeptabel - unsere Gruppe ist gegen Gewalt und protestiert ohne Aggression. Nun, der Bürgermeister von Seattle hat sich am nächsten Tag bei mir entschuldigt und eine Demonstration zwei Tage später verlief sehr friedlich. Die Polizei hat sich zurückgehalten.

derStandard.at: Heute kennt Sie die halbe Welt.

Rainey: Die halbe? Die ganze Welt kennt mich. Ich bekomme Post und E-Mails aus aller Welt, aus Island, Russland, aus dem Iran usw. Das erschreckt mich allerdings auch, denn ich will auf keinen Fall zum Fokus der Bewegung werden. Es geht um die Zukunft so vieler junger Leute. Ich bin alt und nur eine von vielen Aktivisten.

derStandard.at: Werden Sie Österreich wieder einmal besuchen?

Rainey: Es ist ein wundervolles Land - aber nein, ich werde nicht kommen. Ich fürchte, die USA würden mich nicht mehr ins Land zurücklassen. Ich bin als Unruhestifterin bekannt. Außerdem läuft 2013 mein Pass ab. Ich denke, er wird wohl nicht mehr verlängert werden. Naja, und Fliegen ist nicht meine Sache: Es ist unbequem und dann noch all diese unzähligen Sicherheitschecks - es wird immer absurder.

derStandard.at: Was für Pläne haben Sie noch?

Rainey: Neben der Occupy-Bewegung werden wir uns wieder stärker mit der Klima-Frage befassen. Ich würde gerne den Obersten Gerichtshof in Washington besetzen - jede Menge zu tun jedenfalls. Ans Aufhören denke ich auf keinen Fall. (derStandard.at, 21.11.2011)

DORLI RAINEY, 84, wurde in Graz geboren und verließ Österreich im Jahr 1956. Sie arbeitete lange Zeit als Lehrerin in Seattle und engagiert sich seit Jahren für die Gleichberechtigung von Frauen, Minderheiten und gegen die Gewalt.

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    Dorli Rainey lässt sich nicht einschüchtern. Trotz Verletzungen wird sie sich weiter in der Occupy-Bewegung engagieren.

  • Nicht erst seit der Pfefferspray-Attacke kennt sie die "ganze Welt".
    foto: justin truijillo

    Nicht erst seit der Pfefferspray-Attacke kennt sie die "ganze Welt".

  • "Ich bin nur eine von vielen", meint Rainey, nachdem eine "Fontäne" der chemischen Substanz auf sie niedergeht.
    foto: justin truijillo

    "Ich bin nur eine von vielen", meint Rainey, nachdem eine "Fontäne" der chemischen Substanz auf sie niedergeht.

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